Der frühere australische Schwimmstar Ian Thorpe (43) sieht im Profisport weiterhin erhebliche Schwierigkeiten für homosexuelle und queere Athleten. Viele Sportlerinnen und Sportler würden ihre sexuelle Orientierung aus Angst vor möglichen Reaktionen verbergen, bekräftigte der 43-Jährige.
Das Wichtigste im Überblick
- Ian Thorpe ist überzeugt, dass es deutlich mehr schwule und queere Profisportler gibt, als öffentlich bekannt ist. Viele hätten Angst, darüber zu sprechen.
- Spätes Coming-Out: Der australische Schwimmstar bekannte sich 2014 nach dem Ende seiner Karriere öffentlich zu seiner Homosexualität. Zuvor hatte er entsprechende Gerüchte mehrfach zurückgewiesen.
- Das jahrelange Verbergen seiner sexuellen Orientierung habe ihn innerlich aufgezehrt. Heute bezeichnet sich der 43-Jährige als glücklichen Menschen.
- Als Berater für die Olympischen Spiele 2032 in Brisbane setzt sich Thorpe für Gleichberechtigung, Fairplay und Inklusion ein.
- Der ehemalige Olympiasieger spricht über die Reaktion seines Vaters, frühere Beziehungen und seine zufällige Rettung am 11. September 2001 in New York.
Sport als Mittel zur Gleichstellung
„Es gibt mehr schwule und queere Sportler, als wir wissen, aber viele fühlen sich nicht frei, darüber zu sprechen. Der Sport ist ein Spiegel der Gesellschaft“, erklärte Thorpe beim Sportfestival im italienischen Trient. Der fünffache Olympiasieger hatte sich selbst erst 2014 öffentlich als schwul geoutet – zwei Jahre nach dem Ende seiner sportlichen Laufbahn. Zuvor hatte er seine Homosexualität über Jahre hinweg bestritten und später auch über die psychischen Folgen gesprochen. Thorpe, der inzwischen als Berater für die Olympischen Spiele 2032 im australischen Brisbane tätig ist, setzt sich seit seinem Coming-Out für die Rechte von LGBTIQ+-Menschen ein.
Dabei gehe es ihm nicht ausschließlich um die sexuelle Orientierung von Sportlern, sondern grundsätzlich um Vielfalt und Chancengleichheit. „Weil ich an Gleichberechtigung, Fairplay und Inklusion glaube. Ganz gleich, ob es um sexuelle Identität, Hautfarbe oder Religion geht. Der Sport sollte ein Mittel zur Gleichstellung sein. Wenn wir das verlieren, verlieren wir alles“, sagte er. Auf die Frage, wie schwierig es heute noch sei, als schwuler Mensch im professionellen Sport zu leben, antwortete Thorpe: „Noch immer sehr schwierig.“ Nach seiner Einschätzung spiegelt die Situation im Leistungssport gesellschaftliche Vorurteile wider. Obwohl sich die öffentliche Wahrnehmung homosexueller Menschen verändert habe, fühlten sich viele schwule, lesbische, bisexuelle oder queere Athleten weiterhin nicht sicher genug, um offen über ihre Identität zu sprechen.
Viele Jahre Verleumdungen
Thorpe kennt diese Situation aus eigener Erfahrung. Während seiner aktiven Karriere wurde er immer wieder mit Gerüchten über seine sexuelle Orientierung konfrontiert und hat mehrfach bestritten, schwul zu sein. Erst 2014 sprach Thorpe in einem Fernsehinterview mit Michael Parkinson beim australischen Sender Channel 10 öffentlich über seine Homosexualität. „Ich habe lange darüber nachgedacht … ich bin nicht heterosexuell“, erklärte er. In dem Gespräch thematisierte der ehemalige Spitzensportler auch Depressionen und die Belastung, die das jahrelange Verbergen seiner sexuellen Orientierung für ihn bedeutet hatte.
„Es hat mich innerlich aufgezehrt“
Im Interview mit der Gazzetta dello Sport blickte Thorpe jetzt erneut auf die Zeit vor seinem Coming-Out zurück. Irgendwann habe er erkannt, dass er einen wesentlichen Teil seiner Persönlichkeit vor anderen und vor sich selbst verborgen hielt. „Es hat mich innerlich aufgezehrt“, sagte der Australier. Besonders schwierig sei die Unsicherheit über die Reaktion seiner Angehörigen gewesen. Als er sich im Fernsehen outete, befand er sich weit entfernt von seiner Familie. „Ich habe mich im Fernsehen geoutet, während ich weit weg von meiner Familie war, und wusste nicht, wie sie reagieren würde“, erinnerte sich Thorpe. Die Reaktion seines Vaters habe ihm schließlich die erhoffte Sicherheit gegeben. „Mein Vater? Er sagte zu mir: ‚Okay, wir haben dich lieb.‘ Das war genau das, was ich hören wollte.“ Heute bezeichnet sich der frühere Schwimmer nach einer längeren Auseinandersetzung mit seiner psychischen Gesundheit als „einen sehr glücklichen Mann“.
Karriere und Privatleben
Thorpe gehörte zu den erfolgreichsten Schwimmern seiner Generation. Insgesamt gewann er bei Olympischen Spielen, Weltmeisterschaften und den Panpazifischen Spielen 27 Gold-, acht Silber- und zwei Bronzemedaillen. Seinen internationalen Durchbruch feierte er bei den Olympischen Spielen 2000 in Sydney. Vor heimischem Publikum gewann er drei Gold- und zwei Silbermedaillen. Bei den Weltmeisterschaften 2001 im japanischen Fukuoka folgten sechs Goldmedaillen, die ihn endgültig zu einem der bekanntesten Schwimmer weltweit machten. Von 1998 bis 2002 wurde Thorpe fünfmal in Folge als „World Swimmer of the Year“ ausgezeichnet. Nachdem er die Qualifikation für die Olympischen Spiele 2012 in London verpasst hatte, beendete er seine Karriere.
Auch über Thorpes Privatleben wurde nach seinem Coming-Out wiederholt berichtet. Von 2015 bis 2019 war er mit Ryan Channing liiert. Channing starb im Mai 2022 im Alter von nur 32 Jahren nach einem plötzlichen medizinischen Notfall auf der indonesischen Insel Bali. Im Jahr 2020 führte Thorpe eine Beziehung mit dem Model Nick Hudson. Derzeit ist der ehemalige Schwimmer Single. Über sein Privatleben ist seitdem nur wenig öffentlich bekannt Heute nutzt Thorpe seine Bekanntheit vor allem, um für Offenheit und Akzeptanz im Sport zu werben. Seine eigenen Erfahrungen hätten ihm gezeigt, wie belastend es sein könne, die eigene Identität zu verbergen – und welche Bedeutung die Unterstützung durch Familie und Umfeld habe.
Erinnerungen an 9/11
Neben seinen Erfahrungen als homosexueller Sportler erinnerte sich Thorpe im Interview auch an einen weiteren einschneidenden Moment seines Lebens. Am 11. September 2001 hielt er sich in New York auf, als islamistische Terroristen mit entführten Flugzeugen die Zwillingstürme des World Trade Centers angriffen. Thorpe hatte nach eigenen Angaben geplant, die Türme an diesem Morgen zu besuchen. Eine vergessene Kamera führte jedoch dazu, dass er noch einmal in sein Hotel zurückkehrte. „Ich wollte dort hinauf, auf die Zwillingstürme, aber ich hatte meine Kamera im Hotel vergessen und ging zurück, um sie zu holen. Das war meine Rettung“, sagte er. Die zufällige Entscheidung bewahrte ihn nach seiner Darstellung davor, sich zum Zeitpunkt des Anschlags im World Trade Center aufzuhalten.