Freier bestrafen, Sexarbeiter und Prostituierte dagegen nicht: Bayerns Sozialministerin Ulrike Scharf (CSU) fordert einen grundlegenden Kurswechsel beim Umgang mit Sexarbeit in Deutschland. Nach ihrer Vorstellung soll sich die Bundesrepublik künftig am sogenannten Nordischen Modell orientieren. Die Debatte selbst indes ist nicht neu.
Das Wichtigste im Überblick
- Bayerns Sozialministerin Ulrike Scharf (CSU) fordert ein neues Modell zum Schutz von Sexarbeitern und Prostituierten und will künftig den Kauf sexueller Dienstleistungen bestrafen.
- Scharf spricht sich für das sogenannte Nordische Modell aus. Danach werden Freier bestraft, während der Verkauf sexueller Dienstleistungen straffrei bleibt.
- Befürworter sehen darin ein Instrument gegen Menschenhandel, sexuelle Ausbeutung und Zwangsprostitution.
- Gegner befürchten dagegen, dass Sexarbeit stärker in die Illegalität und an unsichere Orte verdrängt werden könnte.
- Auch zahlreiche Fachorganisationen und Beratungsstellen lehnen ein Sexkaufverbot ab. Der LSVD+ warnt ausdrücklich vor einer weiteren Kriminalisierung.
- In Bayern waren Ende 2025 insgesamt 4.826 Prostituierte offiziell registriert.
Neues Schutz-Modell
„Wir brauchen ein neues Schutz-Modell für Deutschland. Die aktuellen Regeln zum Schutz von Frauen vor sexueller Ausbeutung sind viel zu schwach“, sagte Scharf der Augsburger Allgemeinen. „Frauen auszunutzen und auszubeuten, darf nicht folgenlos bleiben.“ Auf männliche Sexarbeiter nahm Scharf indes gar keinen Bezug. Die CSU-Politikerin gehört zu den Befürwortern des Nordischen Modells. Dieses sieht vor, den Kauf sexueller Dienstleistungen unter Strafe zu stellen. Wer sexuelle Dienstleistungen anbietet, soll dagegen nicht bestraft werden. Zugleich sollen Prostituierte Unterstützung erhalten, wenn sie die Sexarbeit verlassen und sich eine andere Existenz aufbauen wollen. Zum Modell gehört außerdem die Schließung von Bordellen. Befürworter verbinden damit die Erwartung, Menschenhandel und Zwangsprostitution wirksamer bekämpfen zu können. Seinen Ursprung hat das Modell in Schweden. Dort wurde erstmals ein System eingeführt, bei dem nicht der Verkauf, sondern der Kauf sexueller Dienstleistungen illegal ist. Zuletzt vermeldete Island, ähnliche Regeln einführen zu wollen.
Verlagerung in die Illegalität
Das Konzept ist allerdings stark umstritten. Gegner eines Sexkaufverbots bezweifeln, dass Prostitution dadurch tatsächlich verschwindet oder sexuelle Ausbeutung wirksam verhindert wird. Sie befürchten vielmehr, dass sich Sexarbeit zunehmend in einen schwer kontrollierbaren und für die Betroffenen gefährlicheren Bereich verlagern könnte. Die zentrale Sorge: Müssen Kunden strafrechtliche Konsequenzen fürchten, könnten sexuelle Dienstleistungen verstärkt im Verborgenen angeboten werden. Beratungsstellen warnen etwa vor einer Verlagerung aus kontrollierbaren Arbeitsorten in Privatwohnungen, Autos oder andere Orte, an denen Sicherheitsvorkehrungen und schnelle Hilfe fehlen können. Auch der Sozialdienst katholischer Frauen (SkF) lehnt ein Sexkaufverbot ab. Der Verband argumentiert unter Berufung auf Erfahrungen aus der Beratungspraxis und wissenschaftliche Erkenntnisse, Verbote könnten Sexarbeit unsichtbarer machen und Betroffene dadurch stärker Gefahren durch Gewalt und Ausbeutung aussetzen. Statt weiterer Kriminalisierung fordert der SkF Rechte, niedrigschwellige Hilfsangebote und einen sicheren Zugang zum Unterstützungssystem.
Queere Verbände gegen Verbot
Gegen ein Sexkaufverbot sprechen sich zudem zahlreiche Fachorganisationen, Beratungsstellen und Interessenvertretungen aus. Dazu gehört ausdrücklich auch der LSVD+ – Verband Queere Vielfalt. Der queere Bürgerrechtsverband lehnt eine weitere Kriminalisierung der Sexarbeit ab und unterscheidet dabei zwischen einvernehmlicher Sexarbeit unter Erwachsenen und sexueller Ausbeutung, die konsequent bekämpft werden müsse. Nach Auffassung des LSVD+ kann ein Verbot die Situation von Sexarbeitern sogar verschärfen: Kriminalisierung könne die Tätigkeit prekärer und gefährlicher machen und den Zugang zu medizinischer Versorgung, Beratung sowie zum Schutz vor Gewalt erschweren. Der Verband weist zudem darauf hin, dass queere und homosexuelle Menschen unter den Sexarbeitern von zusätzlicher Stigmatisierung betroffen sein können und warnt davor, dass eine stärkere Kriminalisierung auch LGBTIQ+-Lebensräume und Treffpunkte stärker ins Visier der Behörden bringen könnte. Auch der Berufsverband erotische und sexuelle Dienstleistungen verweist darauf, dass sich zahlreiche Organisationen, Vereine, Forschungsgruppen, Stiftungen und andere Institutionen mit Expertise im Bereich Sexarbeit gegen die Einführung des Nordischen Modells ausgesprochen haben.
In Bayern ist die Zahl der offiziell registrierten Prostituierten zuletzt leicht gestiegen. Nach Angaben des Bayerischen Landesamts für Statistik waren Ende Dezember 2025 insgesamt 4.826 Personen angemeldet, die im Prostitutionsgewerbe tätig waren. Hinzu kamen 368 registrierte Gewerbebetriebe. Gegenüber dem Vorjahr erhöhte sich die Zahl der angemeldeten Prostituierten damit um 1,4 Prozent. Ein großer Teil der registrierten Personen besitzt nicht die deutsche Staatsangehörigkeit. Ihr Anteil lag den Angaben zufolge bei 86,4 Prozent.