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36 Jahre Deutsche Einheit Was die Einheit für die LGBTIQ+-Community veränderte

Von ms - 02.10.2026 - 15:30 Uhr
36 Jahre Deutsche Einheit
Foto: AI GENERATED - FASH Medien
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Wenn Deutschland am 3. Oktober wieder den Tag der Deutschen Einheit begeht, liegen inzwischen 36 Jahre zwischen Gegenwart und Wiedervereinigung. Für die Geschichte von Lesben, Schwulen und queeren Menschen ist dieses Datum mit einer besonderen Ambivalenz verbunden: Die deutsche Einheit brachte Freiheit, neue politische Handlungsmöglichkeiten und langfristig weitreichende Fortschritte. Doch in einem entscheidenden Punkt war der Osten dem Westen 1990 rechtlich voraus.

Das Wichtigste im Überblick

  • Am 3. Oktober 1990 trat die DDR der Bundesrepublik bei. Für Lesben und Schwule bedeutete die Einheit nicht einfach den Übergang von einem repressiveren zu einem liberaleren Rechtssystem – die Geschichte war komplizierter. 
  • Die DDR hatte ihre strafrechtliche Sondervorschrift gegen homosexuelle Beziehungen bereits 1988 vollständig abgeschafft. In Westdeutschland bestand der Paragraf 175 dagegen noch bis 1994. 
  • Zugleich waren Lesben und Schwule in der DDR gesellschaftlicher Ausgrenzung und staatlicher Überwachung ausgesetzt. Ab den 1980er-Jahren entwickelte sich dennoch eine eigenständige homosexuelle Emanzipationsbewegung. 
  • Ausgerechnet am 9. November 1989, dem Abend des Mauerfalls, hatte im Berliner Kino International der DEFA-Film „Coming Out“ Premiere – der erste DDR-Spielfilm mit schwuler Thematik. 
  • Der Umbruch 1989/90 eröffnete LGBTIQ+-Gruppen neue politische Möglichkeiten. Ostdeutsche Aktivisten spielten später auch beim endgültigen Aus für Paragraf 175 eine wichtige Rolle. 
  • Seitdem hat sich die rechtliche Situation grundlegend verändert: 2001 kam die eingetragene Lebenspartnerschaft, 2017 die Ehe für gleichgeschlechtliche Paare. 

Ambivalente Geschichte 

Als am 3. Oktober 1990 der Einigungsvertrag in Kraft trat und das Grundgesetz fortan auch in den ostdeutschen Ländern galt, endeten mehr als vier Jahrzehnte deutscher Teilung. Vorausgegangen waren die Friedliche Revolution in der DDR, der Fall der Berliner Mauer am 9. November 1989 und monatelange Verhandlungen über die staatliche Einheit. Für homosexuelle Menschen verlief diese historische Zäsur allerdings entlang einer Geschichte, die in Ost und West sehr unterschiedlich gewesen war. Ein verbreitetes Bild von der Bundesrepublik als durchweg liberalerem Westen und der DDR als in allen Fragen repressiverem Osten greift bei der Geschichte der Homosexualität zu kurz.

Die DDR schaffte den aus dem deutschen Strafrecht übernommenen Paragrafen 175 bereits 1968 ab. An seine Stelle trat Paragraf 151. Dieser stellte bestimmte gleichgeschlechtliche Kontakte zwischen Erwachsenen und Jugendlichen weiterhin unter Strafe und erfasste – anders als Paragraf 175 – auch weibliche Homosexualität. Im Dezember 1988 wurde auch diese Sondervorschrift gestrichen. Damit gab es in der DDR zum Zeitpunkt des Mauerfalls keine strafrechtliche Sondervorschrift gegen homosexuelle Beziehungen mehr. Anders in der Bundesrepublik. Dort war Paragraf 175 1969 zwar grundlegend reformiert worden; einvernehmlicher Sex zwischen erwachsenen Männern war damit nicht länger generell strafbar. 1973 folgte eine weitere Reform. Vollständig aus dem Strafgesetzbuch verschwand Paragraf 175 jedoch erst 1994 – fast vier Jahre nach der deutschen Einheit. 

So entstand 1990 eine bemerkenswerte Situation: Mit der Wiedervereinigung trafen zwei Rechtsordnungen aufeinander, und ausgerechnet beim Sexualstrafrecht hätte eine einfache Übernahme des westdeutschen Rechts für homosexuelle Männer im Osten einen Rückschritt bedeutet. Dazu kam es glücklicherweise nicht. Im Zuge der Rechtsangleichung wurde Paragraf 175 schließlich 1994 vollständig gestrichen. Die Bundeszentrale für politische Bildung beschreibt dies aus westdeutscher Perspektive als rechtliche Zeitenwende, aus ostdeutscher Perspektive dagegen als Sicherung eines bereits zuvor erreichten Zustands. Ostdeutsche Aktivisten hatten an diesem Ausgang einen wichtigen Anteil. 

Straffrei bedeutete nicht frei

Aus der früheren Entkriminalisierung lässt sich allerdings nicht ableiten, homosexuelle Menschen hätten in der DDR frei und gleichberechtigt leben können. Ehe und traditionelle Familie bildeten die gesellschaftliche Norm. Homosexualität blieb vielfach unsichtbar. Schwule und Lesben wurden staatlich überwacht, Treffpunkte und Strukturen kontrolliert und Aktivisten von der Staatssicherheit beobachtet. Die Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur verweist darauf, dass homosexuelle Menschen sowohl durch die Staatssicherheit als auch durch mediale Verunglimpfung diskriminiert wurden. 

Wie belastend das gesellschaftliche Klima sein konnte, zeigen Befragungen aus der Umbruchzeit 1990/91. Darin berichteten 42 Prozent der befragten Lesben und 55 Prozent der Schwulen von homophoben Beschimpfungen. Sieben Prozent der lesbischen und 25 Prozent der schwulen Befragten gaben an, wegen ihrer Homosexualität körperliche Gewalt erlebt zu haben.  Auch im Berufsleben wurden Benachteiligungen angegeben. Zugleich hatten zahlreiche homosexuelle Menschen heterosexuelle Ehen geführt und Kinder bekommen – ein Hinweis auf den erheblichen gesellschaftlichen Anpassungsdruck jener Zeit. 

Unter dem Dach der Kirche 

Trotz dieser Bedingungen begann sich die Situation in den 1980er-Jahren zu verändern. Eine wichtige Rolle spielte die evangelische Kirche. Seit Anfang der 1980er-Jahre entstanden unter ihrem Dach zunehmend homosexuelle Arbeitskreise. Die kirchlichen Räume boten einen gewissen Schutz und ermöglichten Vernetzung, Diskussionen und politische Arbeit. Bis zum Sommer 1989 existierten nach Darstellung der Bundeszentrale für politische Bildung knapp 30 lesbische, schwule oder gemischte Arbeitskreise; hinzu kamen Gruppen in staatlichen Jugend- und Kulturhäusern. 1987 erschien mit „Homosexualität“ eine erste populärwissenschaftliche Publikation zum Thema in der DDR. 1988 produzierte das Deutsche Hygiene-Museum Dresden den Aufklärungsfilm „Die andere Liebe“. In den letzten Jahren der DDR entstanden außerdem Gruppen außerhalb der Kirchenstrukturen. Die Emanzipationsbewegung war also bereits vorhanden, als die politische Ordnung ins Wanken geriet.

Ein schwuler Film beim Mauerfall

Kaum ein Ereignis verbindet homosexuelle Geschichte und deutsche Zeitgeschichte symbolischer als der Abend des 9. November 1989. Während in Berlin die Mauer fiel, feierte wenige Kilometer entfernt im Kino International der DEFA-Film „Coming Out“ Premiere. Der Film erzählt von einem schwulen Lehrer und war der erste DDR-Spielfilm, der Homosexualität zentral behandelte. Er sollte für gesellschaftliche Toleranz gegenüber homosexuellen Menschen werben.  Doch noch während der Premiere veränderte sich draußen das Land. Als die Besucher das Kino verließen, war die Grenze geöffnet. Die politische Realität, innerhalb derer der Film entstanden war, begann sich innerhalb weniger Stunden aufzulösen. Für die schwule deutsche Geschichte besitzt diese Gleichzeitigkeit bis heute eine außergewöhnliche Symbolkraft: Sichtbarkeit und Freiheit brachen sich an demselben Abend auf ganz unterschiedliche Weise Bahn.

Neue Handlungsfreiräume 

Friedliche Revolution und Mauerfall eröffneten den homosexuellen Gruppen in der DDR Handlungsspielräume, die zuvor nicht bestanden hatten. Politische Arbeit konnte nun offen stattfinden, neue Organisationen entstanden, Aktivisten versuchten ihre Forderungen unmittelbar in die Neuordnung des Staates einzubringen.  Aus feministisch-lesbischen Netzwerken ging im Dezember 1989 der Unabhängige Frauenverband hervor. Vertreterinnen und Vertreter von LGBTIQ+-Interessen beteiligten sich am Zentralen Runden Tisch. Dabei ging es um erstaunlich aktuelle Forderungen: In den letztlich nicht verwirklichten Entwurf für eine neue DDR-Verfassung gelangte ein Schutz vor Diskriminierung aufgrund der „sexuellen Orientierung“. Auch dauerhaft angelegte Lebensgemeinschaften sollten geschützt werden. Dieser Verfassungsentwurf wurde durch die schnelle Entwicklung hin zur deutschen Einheit politisch überholt.

Die Einheit bedeutete auch Verlust

Gerade deshalb ist der 3. Oktober aus LGBTIQ+-Perspektive nicht ausschließlich eine Geschichte geradlinigen Fortschritts. Mit dem Ende der DDR verschwanden auch Strukturen, Erfahrungen und politische Ansätze der ostdeutschen Lesben- und Schwulenbewegung in einem Vereinigungsprozess, bei dem weitgehend die Institutionen und das Rechtssystem der Bundesrepublik übernommen wurden. Gleichzeitig wurden Homosexuellenfeindlichkeit, Rechtsextremismus und rassistische Gewalt während der gesellschaftlichen Umbrüche in Ostdeutschland deutlich sichtbar. Die Bundeszentrale für politische Bildung verweist für die Zeit nach 1989/90 auf eine Zunahme neonazistischer Gewalt.  Die gewonnene politische Freiheit bedeutete deshalb nicht automatisch persönliche Sicherheit. 

Umbruchzeit in der Community

Aus der Umbruchzeit gingen zugleich Organisationen hervor, die die homosexuelle Politik im vereinigten Deutschland prägen sollten. 1990 gründeten schwule Aktivisten in der DDR den Schwulenverband in Deutschland. Er entwickelte sich später zu einer bundesweit tätigen Organisation, heute bekannt als LSVD+. Ostdeutsche Aktivisten beteiligten sich auch am Kampf gegen Paragraf 175 und an der Forderung nach einer rechtlichen Anerkennung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften. 1992 folgte die „Aktion Standesamt“: Gleichgeschlechtliche Paare verlangten öffentlich die Öffnung der Ehe. Noch sollte es lange dauern. 2001 führte Deutschland die eingetragene Lebenspartnerschaft ein. 2017 wurde schließlich die Ehe für gleichgeschlechtliche Paare geöffnet. Im selben Jahr beschloss der Bundestag einstimmig die Rehabilitierung und Entschädigung von Menschen, die nach 1945 aufgrund der früheren Strafvorschriften gegen homosexuelle Handlungen verurteilt worden waren. Erfasst wurden dabei Verurteilungen in der Bundesrepublik und der DDR. 

36 Jahre Wendegeschichte 

Zwischen dem Deutschland des Jahres 1990 und dem des Jahres 2026 liegen damit für Lesben und Schwule enorme rechtliche Veränderungen. Zum Zeitpunkt der Einheit existierte im Westen noch eine strafrechtliche Sondervorschrift für männliche Homosexualität. Heute können zwei Männer oder zwei Frauen heiraten. Gerade deshalb erzählt der 3. Oktober aus homosexueller Perspektive nicht nur von der Vereinigung zweier Staaten. Er erzählt auch von zwei unterschiedlichen Geschichten homosexuellen Lebens, die 1990 aufeinandertrafen. Für die historische Einordnung lässt sich zudem festhalten: Mauerfall und deutsche Einheit ermöglichten ostdeutschen Lesben und Schwulen eine zuvor nicht gekannte politische Organisationsfreiheit. 

Gleichzeitig mussten sie bereits erkämpfte Rechte verteidigen und ihre Erfahrungen in ein neues gesamtdeutsches System einbringen. Auch 36 Jahre nach der Einheit ist die Frage nach Gleichstellung nicht vollständig historisch geworden – noch immer wird so unter anderem um die Ergänzung des Grundgesetzes Artikel 3 mit dem besonderen Schutz der „sexuellen Identität“ gekämpft. Und auch die gesellschaftliche Akzeptanz ist zuletzt wieder zurückgegangen. Der Tag der Deutschen Einheit kann aus LGBTIQ+-Perspektive deshalb zugleich Erinnerung an Befreiung, an Widersprüche und an unabgeschlossene Geschichte sein. Der Fall der Mauer beseitigte 1989 eine Grenze. Für Schwule und Lesben verschwanden damit jedoch nicht über Nacht sämtliche anderen Grenzen. Manche fielen erst Jahre später. Manche sind bis heute Gegenstand gesellschaftlicher und politischer Auseinandersetzungen.

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