Eine nigerianische Webserie über schwule und bisexuelle Männer ist trotz des Widerstands der staatlichen Filmbehörde wieder auf YouTube erschienen. Die National Film and Video Censors Board (NFVCB) will erreichen, dass „Living in Colors“ wieder von der Videoplattform entfernt wird. Zuvor hatte die Behörde bereits eine geplante Premiere in Lagos verhindert.
Das Wichtigste im Überblick
- Die nigerianische Webserie „Living in Colors“ erzählt vom Leben fünf junger Männer und behandelt offen Homosexualität und Bisexualität.
- Nigerias Filmbehörde NFVCB will verhindern, dass die Serie im Land gezeigt oder über YouTube verbreitet wird.
- Eine geplante Premiere in Lagos wurde nach Intervention der Behörde verhindert.
- Die Serie erschien dennoch auf YouTube und erreichte binnen kurzer Zeit mehr als 90.000 Aufrufe pro Folge.
- Nach ihrer Entfernung wurden mehrere Folgen erneut auf dem Kanal des Produktionsstudios veröffentlicht.
- Die Filmbehörde beruft sich unter anderem auf Nigerias strenge Gesetze zu gleichgeschlechtlichen Beziehungen.
- Ob die fiktionale Darstellung solcher Beziehungen tatsächlich gegen diese Vorschriften verstößt, ist in diesem Fall bislang nicht gerichtlich entschieden.
Kampf gegen schwule Webserie
Der Konflikt begann im August. Die NFVCB erklärte am 26. August, die Produktion sei ihr vor der geplanten öffentlichen Vorführung weder vorgelegt noch von ihr geprüft oder eingestuft worden. Vorläufige Untersuchungen hätten zudem ergeben, dass der Trailer nach Auffassung der Behörde „explizite Pornografie“ enthalte und gleichgeschlechtliche Beziehungen fördere. Die Behörde kündigte an, mit Sicherheitsbehörden auf Bundes- und Landesebene zusammenzuarbeiten, um die geplante Veranstaltung zu verhindern. Auch der vorgesehene Veranstaltungsort wurde gewarnt. Eine Vorführung könne Sanktionen bis hin zur Schließung und zum Entzug der Betriebserlaubnis nach sich ziehen. Zudem stellte die NFVCB rechtliche Schritte gegen die Produktionsfirma, Produzenten und Unterstützer in Aussicht. Ob solche Verfahren tatsächlich eingeleitet wurden, hat die Behörde bislang nicht öffentlich mitgeteilt.
Zehntausende Zuschauer
Trotz der Warnungen wurde „Living in Colors“ am 30. August auf dem YouTube-Kanal des Produktionsunternehmens Prism House Studio veröffentlicht. Die sieben Folgen erreichten während ihrer kurzen Verfügbarkeit jeweils mehr als 90.000 Aufrufe. Bereits am 2. September waren die Videos allerdings wieder verschwunden. Wer sie entfernte, ist unklar. Bekannt ist weder, ob YouTube oder die Produzenten dafür verantwortlich waren, noch ob die Filmbehörde einen formellen Löschantrag gestellt hatte.
Am 13. September kehrte die Serie nun allerdings auf denselben YouTube-Kanal zurück. Zunächst waren vier Folgen verfügbar. Damit verlagerte sich der Streit von einer geplanten Kinovorführung auf die Frage, inwieweit die nigerianische Filmbehörde auch Produktionen regulieren kann, die über internationale Plattformen verbreitet werden. Die NFVCB vertritt die Position, dass nigerianische Produktionen auch für eine Veröffentlichung über Plattformen wie YouTube zuvor eingestuft und registriert werden müssen.
Fünf Freunde im Mittelpunkt
„Living in Colors“ wurde von Prism House Studio produziert. Manuel Ruben wird als Produzent genannt, Tega Idogho und Udo Casciavit führten Regie. Die Serie begleitet die fünf Freunde Jeremy, Chris, Robert, Justin und Shawn, die gemeinsam in Lagos leben. Im Mittelpunkt stehen Beziehungen, Sexualität, Freundschaft, berufliche Ziele und persönliche Probleme. Justin ist ein femininer schwuler Mann, der auf dem Weg zu einem Date von Männern wegen seines Auftretens angegriffen wird. Sein Mitbewohner Chris rettet ihn. Chris bezeichnet sich selbst nicht als schwul, beginnt später jedoch eine sexuelle Beziehung mit Justins Date, einem verheirateten Mann. Robert gerät bei der Suche nach einem Partner in eine Falle, wird entführt und zusammengeschlagen. Shawn ist bisexuell und sexuell experimentierfreudig, während Jeremy eine Beziehung am Arbeitsplatz beginnt, die ihn schließlich seinen Job kostet. Die Serie behandelt damit Fragen von Identität, Sexualität, Gewalt, Beziehungen, Freundschaft und dem Leben in der nigerianischen Metropole.
Strenge Gesetze in Nigeria
Der Streit findet vor dem Hintergrund einer restriktiven Rechtslage für homosexuelle Menschen in Nigeria statt. Die Filmbehörde verweist unter anderem auf den Same-Sex Marriage (Prohibition) Act von 2013. Das Gesetz verbietet gleichgeschlechtliche Ehen und zivile Partnerschaften sowie die „öffentliche Zurschaustellung einer gleichgeschlechtlichen Liebesbeziehung, direkt oder indirekt“. Für bestimmte Verstöße sind Gefängnisstrafen vorgesehen. Für die direkte oder indirekte öffentliche Darstellung einer gleichgeschlechtlichen Liebesbeziehung nennt das Gesetz eine Freiheitsstrafe von bis zu zehn Jahren. Ob eine fiktionale Darstellung gleichgeschlechtlicher Beziehungen in einer Serie unter diese Bestimmung fällt, ist im Fall von „Living in Colors“ allerdings bislang nicht gerichtlich geklärt. Auch die Vorwürfe der Filmbehörde und eine mögliche strafrechtliche Verantwortlichkeit müssten in einem rechtsstaatlichen Verfahren festgestellt werden. Abseits davon wird die Lage insbesondere für schwule Männer im Land immer gefährlicher, viele von ihnen verlassen wenn möglich inzwischen ihre Heimat.
Hartes Vorgehen angekündigt
Die hohen Zuschauerzahlen zeigen unterdessen ein erhebliches Interesse an der Produktion. Daraus lässt sich allerdings nicht ableiten, dass die Zuschauer deren Inhalte unterstützen. Einige könnten die Serie auch aus Neugier angesehen haben, nachdem die Filmbehörde öffentlich vor ihr gewarnt hatte. NFVCB-Chef Shaibu Husseini kündigte an, die Behörde werde weiter gegen die Veröffentlichung vorgehen. „Der Film als Ganzes fördert gleichgeschlechtliche Beziehungen; es ist kein Film, der die Kunst fördert. Wir haben alle regulatorischen Schritte unternommen, um sicherzustellen, dass der Film nicht veröffentlicht wird, einschließlich der Verhinderung seiner Premiere oder Vorführung im Land. Wir werden alles daransetzen, dafür zu sorgen, dass er von Streamingplattformen wie YouTube entfernt wird. Wenn er gezeigt werden soll, dann soll er in einem anderen Gebiet gezeigt werden, wo man das erlaubt, aber im nigerianischen Raum wird er nicht gezeigt“, sagte Husseini.
Er fügte hinzu: „Der Film fördert etwas, das rechtswidrig ist. Wir haben kein Problem damit, wenn sich jemand mit seiner Sexualität identifiziert, aber sie sollte nicht durch Unterhaltung gefördert werden.“ Damit ist der Konflikt um „Living in Colors“ noch nicht beendet. Die Serie ist nicht nur zum Streitfall über die Darstellung gleichgeschlechtlicher Beziehungen geworden. Zugleich geht es um die Frage, wie weit die Befugnisse einer nationalen Filmbehörde bei Produktionen reichen, die über internationale Streamingplattformen verbreitet werden.