Der Krieg zwischen Israel und der Hisbollah hat bisher mehr als eine Million Menschen gezwungen, ihre Häuser zu verlassen. Besonders betroffen sind der Südlibanon und die Bekaa-Ebene, wo Dutzende Dörfer evakuiert wurden. Viele Vertriebene kommen bei Angehörigen, in Zelten oder in staatlich eingerichteten Gemeinschaftsunterkünften unter. Für LGBTIQ+-Menschen ist die Lage ungleich schwieriger, warnen jetzt mehrere Verbände vor Ort.
Das Wichtigste im Überblick
- Mehr als eine Million Menschen mussten wegen des Krieges zwischen Israel und der Hisbollah ihre Häuser verlassen, besonders im Südlibanon und in der Bekaa-Ebene.
- Für LGBTIQ+-Menschen sind staatlich eingerichtete Gemeinschaftsunterkünfte häufig keine Alternative. Alleinstehende werden oft abgewiesen, zudem fürchten Schwule und Lesben dort homophobe Anfeindungen.
- Die Organisationen Mosaic und Helem betreiben deshalb eigene Schutzräume und Anlaufstellen.
- Mosaic hat wegen der neuen Bombardierungen seine Kapazitäten erweitert.
- Neben Unterkünften fehlen Lebensmittel, Decken und psychologische Unterstützung.
- Helfer kritisieren, dass der staatliche Krisenplan marginalisierte Gruppen wie LGBTIQ+-Menschen, alleinstehende Frauen und Menschen mit Behinderungen nicht ausreichend berücksichtigt.
Schutz vor Bomben
Homosexuelle und queere Menschen finden nur selten Anlaufstellen, die nicht erneut zur Bedrohung werden können. Ein paar wenige davon betreibt die queere Organisation Mosaic. In Friedenszeiten bietet sie LGBTIQ+-Menschen Schutz, die aus ihrem Zuhause geworfen wurden oder Gewalt erlebt haben. Seit der Wiederaufnahme der Bombardierungen im März hat sich die Lage verschärft. Mosaic eröffnete weitere LGBTIQ+-Unterkünfte in Wohnungen, um mehr Menschen aufnehmen zu können. Reguläre Anlaufstellen kommen für die meisten Homosexuellen nicht in Frage.
Einer davon ist der schwule Karim. Er musste sein Zuhause in Dahiya, dem südlichen Vorort von Beirut, verlassen, der massiv bombardiert wurde. „Ich würde lieber sterben, als in eine Gemeinschaftsunterkunft zu gehen“, sagt er gegenüber dem französischen Nachrichtenportal tetu. Als Grund nennt er „die Demütigung, in eine Gemeinschaftsunterkunft gehen zu müssen, wo man dicht an dicht lebt und auf schlechtes Essen warten muss“. Doch Karim fürchtet noch etwas anderes: „Ich wäre gezwungen, umgeben von homophoben Männern zu leben …“ Als die Bombardierungen begannen, kam er deshalb bei einem Bekannten im Viertel Geitaoui im Nordosten Beiruts unter. Auch dort fühlt er sich nicht sicher. Vor drei Jahren wurde er in dem Viertel mitten auf der Straße von Mitgliedern der Soldaten Gottes, einer rechtsextremen religiösen Gruppe, zusammengeschlagen. Einen Monat musste er anschließend im Krankenhaus verbringen. Seitdem achtet er genau darauf, wie er sich kleidet, und meidet Orte, die er für gefährlich hält.
Gemeinschaftsunterkünfte nur für Familien
Auch die LGBTIQ+-Organisation Helem sieht erhebliche Probleme beim Zugang zu staatlichen Unterkünften. Geschäftsführerin Sandy Mteirek sagt, queere Menschen fühlten sich dort nicht sicher und seien vielfach auch nicht willkommen. „Der nationale Aktionsplan, der als Reaktion auf den Krieg umgesetzt wurde, war überhaupt nicht inklusiv – nicht nur gegenüber LGBT+, sondern auch gegenüber alleinstehenden Frauen, Menschen mit Behinderungen und generell allen Menschen, die nicht den Normen entsprechen.“ Bereits während der vorherigen Eskalation zwischen Israel und der Hisbollah im Jahr 2024 eröffnete Helem drei Einrichtungen, um obdachlos gewordenen Mitgliedern der Community zu helfen. Zwei Jahre später hatte die Organisation auf Verbesserungen gehofft. „Auch in diesem Jahr haben die Aufnahmekriterien der Gemeinschaftsunterkünfte sehr viele Menschen ohne Unterbringungsmöglichkeit zurückgelassen“, sagt Mteirek.
Die Unterkünfte nähmen weiterhin vor allem klassische Familien auf. Die Ausgrenzung sei meist nicht ausdrücklich vorgesehen. Wegen der großen Nachfrage werde versucht, den vorhandenen Raum möglichst effizient zu nutzen. Alleinstehende würden deshalb häufig abgewiesen, damit ein Zimmer nicht von einer einzelnen Person belegt werde, wenn darin eine ganze Familie unterkommen könnte. Für LGBTIQ+-Menschen wird genau das zum Problem. Viele leben allein, weil sie von ihren Familien abgelehnt wurden. Helem versucht deshalb, die Lücken zumindest teilweise zu schließen. „Im Krieg sind wir zu einer Tagesunterkunft geworden“, sagt Mteirek vor der gepanzerten Tür der Vereinsräume. „Wenn die israelische Armee die Evakuierung ganzer Viertel anordnet, kommen Mitglieder der Community hierher und suchen Schutz, bis die Bombardierungen vorbei sind.“
Nicht nur Wohnungen fehlen
Die Not beschränkt sich nicht auf fehlenden Wohnraum. Im Libanon mangelt es an Lebensmitteln, Decken und psychologischer Unterstützung. Für LGBTIQ+-Menschen kommen diese Probleme zu einer ohnehin schwierigen Situation hinzu. „Die Regierung hat nicht erst seit dem Krieg Minderheiten vernachlässigt“, sagt Karen, Sozialarbeiterin bei Mosaic. „Schon unter normalen Umständen gilt: Wenn eine queere Person zur Polizei geht, um wegen Gewalt Anzeige zu erstatten, macht sich die Polizei über sie lustig – oder Schlimmeres!“
Ihre Kollegin Samar musste selbst ihr Zuhause in Dahiya verlassen. Sie erlebt täglich, wie stark der Hilfsbedarf gestiegen ist. „Mit dem Krieg haben die Telefonanrufe stark zugenommen. Deshalb mussten wir irgendwie noch mehr Platz schaffen und zeitweise mehr Menschen aufnehmen, als eigentlich vorgesehen ist. Denn diejenigen, die uns anrufen, gehören zu den am stärksten ausgegrenzten Menschen und haben überhaupt kein Sicherheitsnetz mehr.“ Wie groß der Bedarf ist, zeigt die Warteliste für die Unterkünfte.
Zusammenhalt und Ausgrenzung
Der Verein versucht dabei, umfassend zu helfen: „Wir begleiten sie während dieser Übergangszeit, bis sie wieder eine Wohnung gefunden und erneut Fuß gefasst haben“, sagt Karen. Zumindest in der unmittelbaren Umgebung der Unterkünfte gibt es ein Netzwerk, das den Bewohnern Rückhalt bietet. Samar zeigt aus dem Fenster auf die umliegenden Gebäude. „Dort gibt es zwei Wohnungen, in denen queere Menschen leben; auf der anderen Seite waren die Büros eines LGBT+-Mediums; und der Lebensmittelladen unten ist ebenfalls sehr queerfreundlich. Wir fühlen uns wohl in diesem Viertel!“ Die Solidarität hilft auch dabei, fehlendes Geld auszugleichen. Bechara Samneh, Leiter von Mosaic, verweist auf die Unterstützung durch Spender.
„Zum Beispiel stammen 80 Prozent der Möbel in unserer ersten Wohnung aus Spenden. Wenn eine Krise kommt, schließt sich die Community zusammen, um sich gegenseitig zu unterstützen!“ Die gegenseitige Hilfe kann das Gefühl der Ausgrenzung jedoch nicht vollständig auffangen. Wie tief die Ablehnung bis in Familien hineinreichen kann, erlebt Karim selbst. „Letzte Woche habe ich meine Eltern im Dorf in der Bekaa besucht. Meine Mutter zählte all die Dinge auf, bei denen Gott uns helfen müsse: der Krieg, die Bombardierungen in der Nähe des Hauses und … die Homosexuellen“, erzählt er lachend. Dann fügt er hinzu: „Wenn sie wüsste!“ In dem Krieg stehen sich Israel und die vom Iran unterstützte libanesische Hisbollah gegenüber. Auslöser der jüngsten Eskalationen waren gegenseitige Angriffe im Zusammenhang mit dem Gaza-Krieg; Israel will insbesondere die militärischen Strukturen der Hisbollah im Libanon schwächen.