Direkt zum Inhalt

Nackter Held im Feuer Zwischen Erotik und Geschichtsdrama

Von ms - 23.10.2026 - 16:00 Uhr
Nackter Held im Feuer
Foto: IMAGO / World History Archive
ANZEIGE
Loading audio player...

Ein nackter Mann am Maschinengewehr: Auf den ersten Blick wirkt das weltberühmte Foto „PBY Blister Gunner, Rescue at Rabaul“ wie ein ungewöhnliches, fast irritierendes Motiv. Doch hinter dem Bild steht eine dramatische Geschichte von Krieg, Rettung und außergewöhnlichem Mut. Aufgenommen wurde die Fotografie im April 1944 vom legendären Fotojournalisten Horace Bristol. Sie zeigt einen vollständig nackten Bordschützen der US-Marine an seinem Platz im sogenannten „Blister“, der transparenten Geschützkuppel am Rumpf eines Flugzeugs – unmittelbar nach einer lebensgefährlichen Rettungsaktion im Südpazifik. Das Bild wurde vielfach reproduziert und gilt heute als Symbol für Mut, Loyalität und eine besondere Form von männlicher Körperlichkeit. Gerade die Verbindung aus militärischem Heldentum und der ungeschützten Darstellung eines jungen, athletischen Männerkörpers verleiht der Aufnahme bis heute auch eine homoerotische Spannung. Der nackte Körper ist dabei nicht losgelöst von der ernsten Geschichte dahinter, sondern steht im Kontrast zu ihr: Verletzlichkeit und Stärke treffen aufeinander.

Rettung unter japanischem Beschuss

Der Schauplatz war die Bucht von Rabaul im heutigen Papua-Neuguinea – eine stark befestigte Schlüsselbasis des japanischen Militärs im Zweiten Weltkrieg. Die Mission begann, nachdem der US-Marineflieger Lieutenant Robert A. Schaeffer mit seiner F4U Corsair über dem St. Georges Channel abgeschossen worden war. Nach Stunden im Wasser war der Pilot schwer verbrannt, erschöpft und vorübergehend erblindet. Ein zweimotoriges Amphibienflugzeug der US Navy vom Typ Consolidated PBY „Catalina“ mit dem Rufnamen „Dumbo“ landete daraufhin in feindlichem Gewässer, um den Piloten zu retten. Doch die Situation war äußerst gefährlich: Japanische Küstenbatterien und Soldaten auf der Insel eröffneten das Feuer auf das Rettungsflugzeug und den Piloten im Wasser. Der junge Bordschütze erkannte, dass schnelles Handeln notwendig war. Seine schwere Uniform und die vollgesogenen Stiefel hätten ihn beim Schwimmen behindert und möglicherweise selbst in Lebensgefahr gebracht. Also zog er sich in kürzester Zeit vollständig aus, sprang ins Wasser, erreichte den verletzten Piloten und brachte ihn erfolgreich zurück an Bord der PBY. 

Nach der Rettung blieb jedoch keine Zeit, sich wieder anzuziehen. Das Flugzeug musste sofort starten, um dem feindlichen Beschuss zu entkommen. Der nackte Soldat kehrte deshalb direkt zu seinem Maschinengewehr im „Blister“ zurück, um die Maschine während des Starts zu schützen. In diesem Moment höchster Anspannung und mit dem Adrenalin der gerade überstandenen Gefahr drückte Horace Bristol den Auslöser seiner Kamera. Während die Identität des geretteten Piloten Robert A. Schaeffer durch Militärprotokolle im Nationalarchiv der USA belegt ist, wurde der Name des nackten Bordschützen nie offiziell bekannt. Horace Bristol selbst nannte den Namen des Mannes zeitlebens nicht. Der Soldat blieb damit eines der berühmtesten ungelösten Geheimnisse der Fotogeschichte des Zweiten Weltkriegs. Eine mögliche neue Spur lieferte später das Air Force Museum of New Zealand. Forscher entdeckten einen Brief Bristols aus dem Jahr 1993 an die neuseeländische Botschaft in Washington. Darin deutete der Fotograf an, dass der Bordschütze möglicherweise ein neuseeländischer Soldat gewesen sein könnte, da amerikanische und neuseeländische Einheiten im Südpazifik eng zusammenarbeiteten. Der Bericht des Museums trägt den Titel „Kiwi Connection: The Naked Gunner of Rabaul“.

Fotograf der Zeitgeschichte

Horace Bristol dokumentierte mit seiner Kamera große Teile der Geschichte des 20. Jahrhunderts. Seine Fotografien erschienen in den 1930er-Jahren umfangreich im LIFE Magazine. Besonders bekannt wurden seine eindringlichen Porträts von Wanderarbeitern im kalifornischen Central Valley, die in Zusammenarbeit mit John Steinbeck entstanden. Diese Arbeiten inspirierten später Steinbecks Roman „Früchte des Zorns“ und machten Bristol zu einem der bedeutendsten Fotografen seiner Zeit. Nach dem japanischen Angriff auf Pearl Harbor schloss sich Bristol 1941 einem elitären Team von Marinefotografen unter der Leitung von Edward Steichen an. Die Gruppe dokumentierte wichtige Kriegsschauplätze, darunter die Invasionen in Nordafrika, Okinawa und Iwo Jima. Nach dem Krieg zog Bristol mit seiner Familie nach Japan, fotografierte dort die Folgen der Zerstörung und gründete die Fotoagentur „East-West“, die sich auf die Veränderungen im pazifischen Raum konzentrierte. Seine Bilder wurden weltweit in Südostasien, Europa und den USA veröffentlicht.

Zwischen Heldentum und Erotik

Die besondere Wirkung des Fotos liegt auch heute noch in seinem Spannungsverhältnis: Es zeigt einen Soldaten in einer extremen Ausnahmesituation – und zugleich einen nackten männlichen Körper, der von vielen Betrachtern als ästhetisch und erotisch wahrgenommen wird. Der französische Philosoph Georges Bataille argumentierte, dass Erotik eine Funktion erfülle, indem sie Grenzen zwischen menschlicher Subjektivität und Menschsein auflöse – eine Überschreitung, die die rationale Welt aufbreche: „Erotik ist im Gegensatz zu einfacher sexueller Aktivität eine psychologische Suche … Erotik bedeutet, dem Leben selbst angesichts des Todes zuzustimmen.“ Gerade angesichts der Todesgefahr – der Rettung eines abgeschossenen Piloten und dem Moment des „Memento Mori“, den die Fotografie festhält – kann der Betrachter in diesem Bild nicht nur Gefahr und Heldentum erkennen, sondern auch eine besondere Form von Lebensbejahung. Der „Naked Gunner“ bleibt damit mehr als ein Kriegsfoto: Es ist ein Bild über Mut, Verletzlichkeit, Männlichkeit – und über die komplexen Gefühle, die ein einzelnes historisches Foto bis heute auslösen kann.

Anzeige

Auch Interessant

Die Liebe und die Kunst

Marvincicode aus Hamburg

Er ist 30 Jahre jung, heißt Marvin Blömer alias Marvincicode und gehört zu den spannendsten Künstlern in Hamburg. SCHWULISSIMO traf ihn zum Gespräch.
Sicher zum ersten Grindr-Date

Sieben Tipps vor dem ersten Treffen

Erstes Grindr-Date? Diese sieben Tipps helfen bei Treffpunkt, Check-in und Privatsphäre – und erklären, was bei Druck oder Gefahr wichtig ist.
Coming Out Day 2026

Wie geht es queeren Jugendlichen?

Coming Out Day 2026: Wie geht es der queeren Jugend aktuell? Was sind die wichtigsten Probleme? Sven Norenkemper vom Coming Out Day Verein weiß es!
LGBT History Month

Erinnern für ein besseres Morgen

Heute startet mit dem ersten Oktober der LGBT History Month, ein Monat zum erinnern, aber auch, um mehr Kraft für die Gegenwart zu entwickeln.
50 Jahre English Theatre

Feier mit Golden Season

Das English Theatre in Hamburg wird 50 Jahre jung und feiert dieses besondere Jubiläum mit einzigartigen Bühnenproduktionen.
HIQFF setzt auf Widerstand

Queeres Kino zeigt Haltung

Das 37. Hamburg International Queer Film Festival begeistert im Oktober erneut sein Publikum und setzt zudem auf Widerstand in schwierigen Zeiten!
Puppenalarm in Bochum

Tim Becker im Variete et cetera

Der schwule Bauchredner Tim Becker lässt seit Jahren erfolgreich seine Puppen tanzen und leiht ihnen seine Stimme. SCHWULISSIMO wollte mehr wissen.
Richtungswahl im Norden?

Zwsichen Rostock und Schwerin

Mecklenburg-Vorpommern wählt! Die Community blickt gespannt auf die Ergebnisse der Landtagswahl - und mitunter auch mit Skepsis und Ängsten.
Regierungswechsel in Berlin

Wahl zum Abgeordnetenhaus

In Berlin findet die Wahl zum Abgeordnetenhaus statt. Klar ist, dass es an der Spitze einen Wechsel geben wird, doch was bedeutet das für LGBTIQ+?