Marvin Blömer alias Marvincicode ist 30 Jahre alt und hat sich inzwischen in Hamburg einen Namen als junger schwuler Künstler gemacht – und das nicht nur durch seine besondere Street-Art. Nun steht der junge Mann kurz vor seiner ersten Solo-Ausstellung. SCHWULISSIMO traf den „schwulen Keith Haring“ der jungen Generation zum Gespräch.
Marvin, was reizt dich an der Malerei? Ich habe gehört, der schwule Leonardo da Vinci hatte seine Finger im Spiel?
Ich glaube, mich reizt an Kunst vor allem die Möglichkeit, Dinge auszudrücken, für die mir manchmal die Worte fehlen. Ich male mittlerweile seit ungefähr 14 oder 15 Jahren. Angefangen habe ich damals nach dem Tod meiner Großmutter. Aus den vielen Emotionen, die ich damals in mir getragen habe, wurde mit der Zeit meine eigene künstlerische Sprache. Zur Graffiti-Kunst bin ich eigentlich eher zufällig gekommen. Ich habe irgendwann die Sprühdose als neues Medium für meine eigene Bildsprache entdeckt. Meine Motive und meine Art, zu arbeiten, waren schon vorher da. Und dann ist da natürlich Leonardo da Vinci. Unter anderem hat mich damals „The Da Vinci Code“ mit Tom Hanks unglaublich fasziniert. Ein damaliger Bekannter fing irgendwann an, mich „marvincicode “ zu nennen, und aus diesem zufälligen Spitznamen entwickelte sich mit der Zeit etwas viel Persönlicheres. Leonardo ist für mich jemand, den ich malerisch, aber auch in seiner Art zu denken und die Welt zu betrachten, unglaublich verehre. Und „Code“ steht für mich für das Geheimnisvolle, das Rätselhafte, das nicht sofort Erklärbare.
Du bist seit einem Jahr glücklich vergeben, welche Rolle spielt also die Liebe in deinen Werken?
Ich glaube an die Liebe wahrscheinlich mehr als an alles andere – und ich habe sie auf meine ganz eigene Art sehr genau studiert. Als ich nach Hamburg kam, war das ganze Thema Liebe für mich noch Neuland. Ich war gerade einmal 20, kannte kaum jemanden in der Stadt, war schüchtern und habe mich in dieser neuen Welt erst einmal ausprobiert – vielleicht manchmal auch etwas zu sehr. Es folgten einige Beziehungen, die mich sehr geprägt haben. Ich bin in meinem Leben immer wieder auf Männer getroffen, die selbst sehr mit sich und ihren Gefühlen zu kämpfen hatten. Lange habe ich vieles davon akzeptiert, weil ich dachte, es sei normal, dass ich als der Jüngere mich eher unterordne. Mit einer Therapie und dem damit verbundenen Wiederfinden meiner selbst veränderte sich auch meine Kunst. So tragisch sich manche meiner Beziehungen im Rückblick vielleicht erzählen lassen, bin ich heute trotzdem dankbar für die Erfahrungen und Lektionen, die ich aus ihnen mitnehmen durfte. Auf der letzten Halloween-Party habe ich dann Alex kennengelernt – und irgendwie entwickelte sich daraus ganz ungeplant immer mehr. Heute bin ich sehr froh, ihn an meiner Seite zu haben. Er gibt mir und meiner Kunst den Raum und das Vertrauen, das ich brauche. Er glaubt an mich, ohne mir nach dem Mund zu reden – und vielleicht ist genau das eine der schönsten Formen von Unterstützung.
Einer der berühmtesten Vertreter der Graffiti-Kunst war der schwule Keith Haring. Sehr oft ging es dabei um Sichtbarkeit und Identität. Was ist dir besonders wichtig?
Ich find es witzig, dass du Haring erwähnst, da mir schön öfter gesagt wurde, da würde eine gewisse Ähnlichkeit zwischen uns sein. Meine Bilder und Werke beziehen sich ebenso auf Themen wie Identität, Wahrnehmung und Sichtbarkeit. Genauso mache ich aber die Themen Liebe, Despressionen und persönliche Laster sichtbar. Wir leben in einer Zeit, in der zu wenig für Menschen mit psychischen Erkrankungen getan wird.
Musik spielt bei deiner Arbeit eine wichtige Rolle. Auch auf deinem Instagram-Profil hören wir immer wieder Lady Gaga.
Musik ist für mich nicht nur beim Malen wichtig, sondern eigentlich schon mein ganzes Leben lang. Sie kann einen Raum verändern, eine Stimmung erzeugen und manchmal Dinge ausdrücken, für die man selbst gar keine Worte findet. Lady Gaga ist dabei eine ganz besondere Begleiterin. Sie war eine der ersten Musikerinnen, deren Geschichte und Persönlichkeit mich wirklich tief berührt haben. Ihre Andersartigkeit, ihre Stärke und gleichzeitig diese unglaubliche Menschlichkeit haben mich von Anfang an berührt. Vor allem ihre Botschaften wie „Be who you are“ und „You were born this way“ habe ich sehr verinnerlicht. Dieses Gefühl, dass man nicht jemand anderes werden muss, um richtig oder gut genug zu sein, begleitet mich bis heute.
Du stehst kurz vor deiner ersten Solo-Ausstellung „becoming marvincicode“ in Cloppenburg. Wie fühlst Du dich dabei?
Für mich selbst ist diese erste Solo-Ausstellung natürlich unglaublich aufregend. Nach einigen Ausstellungen und Gruppenausstellungen weiß ich mittlerweile ungefähr, wie es sich anfühlt, wenn eigene Bilder öffentlich gezeigt werden. Und trotzdem ist es jedes Mal etwas ganz Besonderes. Dass ich jetzt die Möglichkeit bekomme, eine komplette Ausstellung nur mit meiner eigenen Kunst zu gestalten – und das ausgerechnet in meiner Heimatstadt Cloppenburg, in der ich seit zehn Jahren nicht mehr lebe – bedeutet mir deshalb besonders viel. Cloppenburg ist für mich ein Ort, an dem ich mich früher nicht immer gesehen oder gehört gefühlt habe. Dass heute von dort die Möglichkeit auf mich zukommt, meine Kunst in diesem Umfang zu zeigen, macht mich vor allem dankbar.
Was wünscht Du dir für die kommenden Jahre?
Wenn ich ehrlich bin, habe ich vor nicht allzu langer Zeit selbst noch nicht geglaubt, dass all das möglich ist. Dass meine Kunst einmal solche Wege gehen könnte. Und genau deshalb glaube ich mittlerweile, dass die Welt einem unglaublich viele Möglichkeiten offenhält. Ich habe ständig neue Ideen und Projekte. Mein größter Wunsch ist aber eigentlich, Menschen zu inspirieren. Menschen vielleicht dazu zu bringen, sich selbst oder Dinge, die sie bisher für selbstverständlich gehalten haben, einmal zu hinterfragen. Vielleicht mutiger zu sein, mehr sie selbst zu sein oder einfach mit etwas mehr Liebe durch diese Welt zu gehen.
Marvin, alles Gute dir und Danke fürs Gespräch.
Mehr unter: Instagram @artbymarvincicode und galerie-newman.de