Das English Theatre feiert ein besonderes Jubiläum: 50 Jahre! SCHWULISSIMO fragte nach bei Theater-Chef Paul Glaser.
Paul, was bedeutet dieses Jubiläum für dich?
Ich freue mich natürlich sehr über dieses Jubiläum. Gleichzeitig empfinde ich eine große Verantwortung für das, was die beiden Gründer in 50 Jahren aufgebaut haben. Ich selbst bin ja erst seit knapp zehn Jahren dabei. Jetzt geht es darum, dieses Erbe weiterzuentwickeln, damit wir noch mindestens weitere 50 Jahre da sind.
Wenn Du die vergangenen Jahrzehnte in einer einzigen Szene darstellen müsstest, welche wäre das?
Wir spielen zwar nur sehr selten Musicals, aber für diese Aufgabe würde ich eine Ausnahme machen und „I’m Still Here“ aus Sondheims „Follies“ inszenieren. Ein bisschen Höhenflug, ein bisschen Krise, immer wieder Veränderung – und am Ende steht man noch da. Nach 50 Jahren Theater passt das eigentlich ziemlich gut: We’re still here.
Das Publikum ist größtenteils deutschsprachig, auf der Bühne wird Englisch gesprochen. Wie oft merkst Du, dass jemand einen Witz erst drei Sekunden später versteht?
Erstaunlich selten! Unser Publikum versteht viel mehr, als man vielleicht denkt. Natürlich hängt es auch davon ab, in welchem Englisch ein Stück geschrieben ist. Manche Stücke sind amerikanisch, andere viktorianisch-britisch, wieder andere irisch – und wir spielen sie selbstverständlich auch mit den entsprechenden Akzenten. Das kann sprachlich durchaus anspruchsvoll sein. Aber ich glaube, unser Publikum hört sich sehr schnell hinein. Und manchmal kommt das Lachen eben ein paar Sekunden später – Hauptsache, es kommt!
Ihr holt britische Schauspieler direkt an die Elbe. Was überrascht die Kollegen mehr: das Publikum oder das Hamburger Schietwetter?
Definitiv das Publikum. Wegen des Wetters fühlen sie sich eigentlich sofort wie zu Hause.
Gab es in der Geschichte des Theaters einen Moment, bei dem Du dachtest, das kann jetzt nur noch schiefgehen – und es ging trotzdem gut?
Ich kann natürlich nur für meine Zeit am Theater sprechen. Aber Brexit und Pandemie gleichzeitig – das war schon ein Moment, in dem ich dachte: Das könnte schwierig werden. Plötzlich war es unglaublich kompliziert, unsere britischen Schauspieler nach Hamburg zu holen, und gleichzeitig mussten wir durch Corona. Aber irgendwie sind wir durchgekommen.
Gibt es Menschen, die heute als Erwachsene wiederkommen und sagen: Hier war ich schon mit meiner Schulklasse?
Absolut. Sie erzählen, dass sie schon als Schüler mit ihrer Klasse hier waren und heute mit ihren eigenen Kindern kommen. Dann wird mir immer wieder klar, was dieses Theater für viele Hamburger bedeutet, und dass 50 Jahre doch eine ziemlich lange Zeit sind.
Ihr feiert das Jubiläum mit einer „Golden Season“. Was muss eine Produktion können, damit sie wirklich eines 50. Geburtstags würdig ist?
Die Produktionen müssen auch etwas für uns bedeuten. Zum Beispiel wurde ich immer wieder gefragt, ob wir „The Picture of Dorian Gray“ noch einmal spielen würden. Nach fast zehn Jahren schien jetzt der richtige Moment – auch weil das Stück heute wieder unglaublich relevant ist. Wir wollen in dieser Saison unserer Geschichte Tribut zollen, gleichzeitig aber mit einer Reihe wirklich unterhaltsamer Stücke und spannender Specials feiern. Und wir haben noch ein paar Überraschungen geplant. Also: Augen und Ohren offen halten!
Wenn das English Theatre nach 50 Jahren eine Person wäre – wäre es eher ein britischer Gentleman, eine exzentrische Diva oder doch ein ziemlich cooles Hamburger Original?
Nach 50 Jahren wahrscheinlich von allem etwas: ein britischer Gentleman mit dem Temperament einer exzentrischen Diva – der inzwischen aber längst ein Hamburger Original geworden ist.
Paul, vielen Dank für das Gespräch.
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