Vor einem Jahr startete der Coming-Out-Day-Verein bundesweit mit vierzehn Peer-Beratern die erste Videoberatung für queere Jugendliche. Wie hat sich seitdem die Lage für LGBTIQ+-Menschen entwickelt? SCHWULISSIMO fragte nach bei Vereinschef Sven Norenkemper.
Wie fällt euer Fazit nach dem ersten Jahr Videoberatung aus?
Das erste Jahr hat unsere Erwartungen deutlich übertroffen. Video- und Mailberatung zusammen haben fast 700 Beratungsanliegen erreicht. Das ist für ein neues Angebot eine enorme Zahl – und für uns vor allem ein sehr deutlicher Beleg dafür, wie groß der Bedarf ist. Besonders gut funktioniert, dass sich beide Beratungsformate ergänzen und gegenseitig stärken. Ein wesentlicher Erfolgsfaktor ist für uns dabei der Peer-Ansatz. Junge Menschen sprechen bei uns mit Berater:innen aus der Community, die viele Fragen, Unsicherheiten und Erfahrungen rund um Coming-Out und queeres Aufwachsen auch aus der eigenen Biografie kennen. Das schafft häufig sehr schnell eine besondere Form von Vertrauen und das Gefühl: Mein Gegenüber versteht nicht nur theoretisch, worüber ich gerade spreche. Gleichzeitig ist Peer-Beratung bei uns nicht einfach nur ein nettes Gespräch unter queeren Menschen. Unsere Berater:innen werden intensiv geschult, fachlich begleitet und regelmäßig supervidiert. Und die fast 700 Beratungsanliegen zeigen für uns noch etwas anderes: Wir schließen hier eine Versorgungslücke, die es in einem Land wie Deutschland eigentlich nicht geben dürfte.
Das Projekt wird über das Bundesprogramm „Demokratie leben!“ finanziert. Bundesbildungsministerin Karin Prien hat zuletzt erklärt, dass das Bundesprogramm neu in Richtung Extremismusbekämpfung ausgerichtet und Vielfaltsförderung stark zurückgefahren werden soll. Ist eure Videoberatung weiterhin gesichert?
Nein, in der bisherigen Form ist sie leider nicht gesichert. Unser Projekt wird, wie alle Innovationsprojekte im Bundesprogramm „Demokratie leben!“, zum Ende dieses Jahres nicht weiter gefördert. Wir können den Gedanken grundsätzlich nachvollziehen, Förderprogramme regelmäßig auf ihre Wirksamkeit zu überprüfen und politische Schwerpunkte neu zu bewerten. Das muss sogar passieren. Was wir allerdings nicht nachvollziehen können, ist, Vielfalt und Extremismusprävention gegeneinander auszuspielen. Wenn junge Menschen aufgrund ihrer sexuellen Orientierung oder geschlechtlichen Identität angegriffen, ausgegrenzt oder im Internet mit Hass überzogen werden, dann kann man doch nicht auf der einen Seite sagen, wir wollen stärker gegen Extremismus vorgehen, und auf der anderen Seite ausgerechnet die Strukturen schwächen, die diejenigen unterstützen, gegen die sich dieser Hass richtet. Deshalb tun wir derzeit alles dafür, die Beratung ab dem kommenden Jahr anders aufzustellen und neue Finanzierungsmöglichkeiten zu finden.
Das Bundesbildungsministerium hat auch dem Jugendnetzwerk Lambda für 2027 alle Gelder gestrichen. Die sinngemäße Begründung war, dass es queere Strukturen inzwischen in vielen Vereinen gibt, spezielle Anlaufstellen seien nicht mehr nötig.
Diese Einschätzung teilen wir überhaupt nicht. Und nach unserer Erfahrung beruht sie auf einem grundlegenden Missverständnis darüber, was spezialisierte queere Jugendarbeit eigentlich leistet. Natürlich ist es großartig, wenn heute ein Sportverein, eine Jugendfeuerwehr oder ein allgemeines Jugendzentrum sagt: Bei uns sind queere Jugendliche selbstverständlich willkommen. Genau da wollen wir hin. Aber „willkommen sein“ und eine spezialisierte Beratungs- und Unterstützungsstruktur zu haben, sind zwei völlig unterschiedliche Dinge. Und wir dürfen eines nicht vergessen: Einrichtungen wie Lambda haben über Jahrzehnte Wissen, Strukturen und Vertrauen aufgebaut. So etwas kann man relativ schnell kaputtsparen. Aber man kann es nicht zwei Jahre später per Förderbescheid einfach wieder herstellen.
Noch immer hinterlässt der islamistische Anschlag auf den Berliner CSD seine Spuren. Welche Auswirkungen nehmt ihr bei jungen queeren Menschen wahr?
In unserer Mailberatung begegnet uns immer wieder eine grundsätzliche Angst um die eigene Zukunft und teilweise tatsächlich um die eigene Existenz. Da geht es um Fragen wie: Wie wird sich die gesellschaftliche Stimmung entwickeln? Kann ich in einigen Jahren noch genauso offen leben? Wird es noch schlimmer? Muss ich irgendwann wieder vorsichtiger damit sein, wer ich bin und wem ich davon erzähle? Unsere Sorge ist deshalb weniger, dass jetzt plötzlich jeder junge queere Mensch Angst hat, einen CSD zu besuchen. Es ist eher dieses Gefühl: Ist das, was wir uns in den vergangenen Jahrzehnten an Freiheit und Selbstverständlichkeit erarbeitet haben, eigentlich dauerhaft sicher? Und das sollten wir ernst nehmen. Gleichzeitig möchten wir jungen Menschen auch nicht vermitteln, dass sie permanent Angst haben müssen. Die gesellschaftliche Realität besteht nicht nur aus Hass, Anschlägen und schlechten Nachrichten. Es gibt unglaublich viele Menschen, Familien, Schulen und Einrichtungen, in denen queere Jugendliche heute selbstverständlich akzeptiert werden.
Seit dem Anschlag wird in der Community einmal mehr verstärkt darüber diskutiert, ob die größere Gefahr für LGBTIQ+ von Rechtsextremen oder Islamisten ausgeht.
Wir halten wenig davon, diese beiden Gefahren ständig gegeneinander aufzurechnen. Entscheidend ist doch nicht, welche Form von Extremismus am Ende auf irgendeiner Rangliste weiter oben steht. Wir müssen über beides sprechen können – klar, differenziert und ohne ideologische Scheuklappen. Rechtsextremismus ist eine massive Gefahr für queere Menschen und für unsere Demokratie als Ganzes. Das sehen wir an Angriffen, an Hass im Netz, an Störungen von CSDs und an einer politischen Sprache, die sich in den vergangenen Jahren deutlich verschärft hat. Und wir müssen genauso selbstverständlich über Islamismus sprechen können. Eine islamistische Ideologie, die Homosexualität verdammt, Menschen aufgrund ihrer sexuellen Orientierung entrechtet oder Gewalt legitimiert, steht genauso im fundamentalen Widerspruch zu einer freien Gesellschaft. Dabei ist uns die Unterscheidung zwischen Islam und Islamismus sehr wichtig. Wir beraten selbst junge queere Menschen, die muslimisch sind. Für einige von ihnen ist gerade die Frage ein zentrales Thema, wie sie ihre Religion und ihre sexuelle Orientierung oder geschlechtliche Identität zusammenbringen und leben können.
Die EU sowie auch die Bundesregierung planen, Social-Media-Plattformen für Jugendliche unter 14 Jahren generell zu verbieten. Wie steht ihr dazu?
Wir halten Altersbegrenzungen für soziale Medien grundsätzlich für sinnvoll. Und die Diskussion darüber ist aus unserer Sicht längst überfällig. Wir akzeptieren Altersgrenzen in vielen anderen Lebensbereichen völlig selbstverständlich. Nicht, weil wir Kinder und Jugendliche bevormunden oder bestrafen wollen, sondern weil wir anerkennen, dass bestimmte Dinge Risiken mit sich bringen und Entwicklung eine Rolle spielt. Interessant finden wir dabei, dass auch viele junge Menschen selbst wesentlich kritischer auf Social Media schauen, als Erwachsene manchmal vermuten. Natürlich sehen wir gleichzeitig die besondere Bedeutung digitaler Räume für queere Jugendliche. Für einen 13-Jährigen in einer ländlichen Region kann das Internet der erste Ort sein, an dem er feststellt: Ich bin nicht allein. Dort findet er Informationen, Vorbilder und vielleicht erstmals andere Menschen mit ähnlichen Erfahrungen. Aber genau deshalb dürfen wir die Diskussion nicht auf „Social Media ja oder nein“ reduzieren. TikTok, Instagram und andere kommerzielle Plattformen sind nicht gleichbedeutend mit digitaler Teilhabe. Die entscheidende Frage lautet: Wie ermöglichen wir jungen Menschen Zugang zu Information, Beratung und Community, ohne sie gleichzeitig möglichst früh den Mechanismen kommerzieller Plattformen auszusetzen?
Das BKA betonte zuletzt, dass sich immer mehr Jugendliche online radikalisieren. Insbesondere der Hass auf LGBTIQ+ wird dort zu einem Flächenbrand.
Das halten wir für eine der gefährlichsten Entwicklungen der letzten Jahre. Radikalisierung braucht heute nicht mehr zwangsläufig irgendeinen Hinterhof, eine politische Gruppe oder einen extremistischen Freundeskreis. Das Smartphone im Kinderzimmer reicht. Gleichzeitig ist für Jugendliche der digitale Raum realer sozialer Raum. Die Algorithmen haben jedoch ein grundsätzliches Problem: Empörung funktioniert. Zuspitzung funktioniert. Wut funktioniert. Wer einmal bei entsprechenden Inhalten hängenbleibt, bekommt schnell mehr davon angeboten. Und irgendwann kann aus „Das Gendern nervt mich“ eine vollkommen andere Gedankenwelt werden, in der queere Menschen angeblich Kinder bedrohen, Familien zerstören oder Teil irgendeiner Verschwörung sind. Jugendliche befinden sich in einer Phase, in der sie Zugehörigkeit suchen, Grenzen austesten und Orientierung brauchen. Extremistische Akteure verstehen inzwischen sehr gut, wie man genau diese Bedürfnisse digital anspricht. Deshalb ist Medienkompetenz für uns inzwischen auch Demokratiebildung.
Am kommenden Sonntag (11.Oktober) wird der Internationale Coming Out Tag begangen, an dem Menschen ihr Coming-Out feiern und Mut machen wollen. Gleichzeitig erleben wir einen Anstieg von Hasskriminalität und einen Rückgang der Akzeptanz. Ist es wirklich eine gute Zeit für ein Coming-Out – oder ist es gerade jetzt besonders wichtig?
Beides. Es ist schwieriger geworden – und gerade deshalb ist es wichtig. Aber wir möchten einen Gedanken korrigieren, der beim Coming Out Day manchmal mitschwingt: Niemand schuldet der Community ein Coming-Out. Kein 16-Jähriger muss sich outen, damit wir gesellschaftlich sichtbarer werden. Wenn jemand aufgrund seiner Familie, seines sozialen Umfeldes oder aus Angst vor Gewalt sagt: Ich erzähle es momentan nicht, dann kann genau das die richtige Entscheidung sein. Ein Coming-Out muss der Person nutzen, die sich outet – nicht einer gesellschaftlichen Idee. Gleichzeitig wissen wir natürlich, was Sichtbarkeit bewirken kann. Wenn Menschen einen schwulen Sohn haben, eine lesbische Kollegin, einen bisexuellen Freund oder eine trans* Mitschülerin kennen, wird aus einer abstrakten gesellschaftlichen Debatte plötzlich ein Mensch. Deshalb ist der Coming Out Day vielleicht gerade jetzt besonders wichtig.
Was sind 2026 die größten Probleme junger queerer Menschen?
Erstaunlicherweise sind viele Fragen im Kern dieselben wie vor 20 oder 30 Jahren: Bin ich normal? Werden meine Eltern mich noch lieben? Wie sage ich es meinen Freund:innen? Werde ich jemanden finden, der mich liebt? Dazu sind neue Fragen gekommen. Wie sicher bin ich im Netz? Muss ich mich eigentlich eindeutig labeln? Bin ich schwul, bi, pan, queer – und muss ich das überhaupt schon wissen? Wie gehe ich mit Hass um? Wie offen kann ich in der Schule sein? Und bei trans* und nicht-binären Jugendlichen kommen noch einmal ganz andere Fragen hinzu bis zur Angst um die eigene, selbstbestimmte Existenz. Mehr als 80 Prozent unserer Beratungsanfragen beziehen sich inzwischen auf ein TIN*-Thema, also auf trans*, inter* und nicht-binäre Lebensrealitäten. Was uns beschäftigt, ist dieser permanente Krisenmodus. Junge Menschen wachsen seit Jahren mit Pandemie, Krieg, Klimakrise, Inflation, politischer Polarisierung und einer unglaublich aufgeladenen digitalen Öffentlichkeit auf. Manchmal wünschen wir jungen Menschen schlicht mehr Normalität. Eine Jugend, in der man sich unglücklich verliebt, eine Fünf in Mathe schreibt, sich mit den Eltern streitet und irgendeinen Unsinn macht – ohne dass gleichzeitig die eigene Identität ständig zur gesellschaftspolitischen Grundsatzfrage wird.
Die Kindeswohlgefährdung ist zuletzt in Deutschland deutlich angestiegen, die meisten Krisen gibt es mit den eigenen Eltern – ein Thema, das gerade auch junge queere Menschen betrifft?
Wir würden davor warnen zu sagen, die meisten Eltern reagieren ablehnend. Viele Eltern reagieren heute sehr viel selbstverständlicher auf ein Coming-Out als noch vor 20 oder 30 Jahren. Aber die Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die bei uns Beratung suchen, sind natürlich nicht der statistische Durchschnitt. Zu uns kommen verstärkt diejenigen, bei denen etwas schwierig ist. Und da erleben wir weiterhin die ganze Bandbreite. Von „Mama hat mich einfach in den Arm genommen und gesagt, das wusste ich doch längst“ bis hin zu Kontrolle, emotionaler Erpressung, religiös begründeter Ablehnung oder der Androhung, das Kind vor die Tür zu setzen. Interessant ist, dass Ablehnung heute teilweise subtiler geworden ist. Es heißt dann nicht unbedingt: „Du darfst nicht schwul sein“, sondern: „Musst du das denn jetzt allen erzählen?“ Oder: „Leb das doch privat.“ Das klingt zunächst toleranter, transportiert aber immer noch die Botschaft: Ein Teil von dir ist etwas, das besser unsichtbar bleibt. Und auch der alte Satz „Was haben wir falsch gemacht?“ ist noch nicht völlig ausgestorben.
Wie sieht es beim Thema Mobbing an Schulen aus?
Schule bleibt einer der wichtigsten Orte überhaupt, weil Jugendliche ihm nicht ausweichen können. Wir sehen sehr engagierte Schulen und großartige Lehrkräfte. Es gibt Schulen und Lehrkräfte, die sehr genau hinschauen, Haltung zeigen und für einzelne Jugendliche einen riesigen Unterschied machen. Das Problem entsteht dort, wo Erwachsene Queerfeindlichkeit als normalen pubertären Umgangston abtun. Wenn „schwul“ jeden Tag als Schimpfwort fällt, prägt das natürlich den Zwölf- oder Dreizehnjährigen, der gerade merkt, dass er selbst schwul ist. Und entscheidend ist für uns die Reaktion der Erwachsenen. Jugendliche testen Grenzen. Wenn eine Lehrkraft klar sagt: „So reden wir hier nicht über Menschen“, setzt sie eine Grenze. Wenn sie weghört, sendet sie ebenfalls eine Botschaft.
Was müsste sich verändern, damit queere Jugendliche sicherer aufwachsen können?
Das Erste wäre für uns Verlässlichkeit. Junge Menschen brauchen Strukturen, die da sind, wenn sie gebraucht werden. Das Zweite wäre, viel früher anzusetzen. Wir dürfen nicht immer erst reagieren, wenn ein Jugendlicher bereits gemobbt wird, psychisch erkrankt oder nach einem eskalierten Coming-Out Beratung sucht. Und das Dritte klingt vielleicht am unspektakulärsten, ist für uns aber fast das Wichtigste: Wir müssen jungen Menschen wieder mehr zutrauen und ihnen gleichzeitig Sicherheit geben. Unser Ziel sollte sein, dass sie genügend Sicherheit, Zeit und Unterstützung haben, um selbst herauszufinden, wer sie sind und wie sie leben möchten.
Sven, vielen Dank dir!
Mehr unter: www.comingoutundso.de