"Tip Toe“ schlägt hohe Wellen Gabriel Clark warnt vor gesellschaftlicher Entwicklung
Das schockierende Ende der britischen queeren Serie „Tip Toe“ sorgt in dieser Woche immer wieder für Schlagzeilen. Nun meldete sich einer der Darsteller, der Brite Gabriel Clark, direkt zu Wort. Er berichtet von alltäglichen homophoben Gewalterfahrungen, die auch die Hauptfigur in der neuen Mini-Serie von „Queer as Folk“-Mastermind Russell T Davies durchleben muss.
Das Wichtigste im Überblick
- Gabriel Clark berichtet von einem homophoben Vorfall in Manchester kurz vor Beginn der Dreharbeiten zu „Tip Toe“.
- Die Serie erzählt die Geschichte eines offen schwulen Clubbesitzers, der Opfer eines Lynchmordes wird.
- Clark sieht die Produktion als Warnung vor gesellschaftlichen Entwicklungen.
- Der Schauspieler äußert sich besorgt über die Lage von LGBTIQ+-Menschen im Vereinigten Königreich.
- Clark lobt die Arbeit von Serienmacher Russell T Davies sowie die Zusammenarbeit mit Alan Cumming und David Morrissey.
Homophober Vorfall vor Beginn der Dreharbeiten
Im Mittelpunkt der Serie steht Leo Struthers, gespielt von Alan Cumming. Der offen schwule Betreiber des Nachtclubs „Spit & Polish“ lebt Tür an Tür mit Clive Goss, dargestellt von David Morrissey. Clive ist Verschwörungstheoretiker, Brexit-Befürworter und Corona-Leugner. Bereits zu Beginn der ersten Folge erfahren die Zuschauer, dass Leo später an einem Laternenpfahl vor seinem Haus gelyncht wird. Die Serie zeigt jedoch erst nach und nach die Ereignisse, die zu diesem Verbrechen führen.
Kurz vor Beginn der Dreharbeiten zur Serie „Tip Toe“ wurden der britische Schauspieler Gabriel Clark und sein Kollege Dominic Holmes auf der Canal Street in Manchester selbst Opfer homophober Beschimpfungen. Mehrere Männer beleidigten sie aus einem Auto heraus und seien anschließend lachend davongefahren. „Keiner von uns beiden war überrascht“, erinnert sich Clark. Auch die anwesenden Zeugen hätten kaum überrascht gewirkt. „Es ist so traurig, dass so etwas passieren kann und keiner von uns überhaupt gezuckt hat. Es fühlte sich an wie ein ganz normaler Tag.“ Für Clark zeigt dieser Vorfall, warum Pride-Veranstaltungen weiterhin notwendig seien und weshalb eine Serie wie „Tip Toe“ gerade jetzt wichtig sei.
Geschichte eines angekündigten Verbrechens
Clark vergleicht die Erzählweise mit einer klassischen griechischen Tragödie. „Ich erinnere mich daran, wie ich das Drehbuch gelesen habe und bei jeder Seite hoffte, dass es doch nicht passiert, dass jemand eingreift und das Unvermeidliche verhindert. Genau dieses Gefühl hat man auch beim Zuschauen.“ Besonders die Drehbücher lobt der 27-Jährige: „Das ist unglaublich klug geschrieben. Bei jeder Entscheidung jeder Figur analysiert man sofort, ob sie am Ende zu Leos Tod beitragen wird.“
Das Ende der Serie sei bewusst drastisch gestaltet, erklärt Clark. Die Geschichte zeige zwar extreme Ereignisse, basiere aber auf Entwicklungen, die bereits heute sichtbar seien. „Ich glaube nicht, dass das der richtige Weg ist“, sagt Clark mit Blick auf provokative Kommunikationsstrategien in sozialen Medien. „Aber um dem etwas entgegenzusetzen, muss das schockierende Ende die Menschen wachrütteln.“
Weiter erklärt er: „Wir haben Kampagnen versucht, wir haben Briefe geschrieben, wir haben höflich Gespräche geführt, wir haben freundlich darum gebeten, die richtigen Pronomen zu verwenden, Menschen bei ihrem gewählten Namen zu nennen oder nicht auf der Straße anzuhalten und homophobe Beleidigungen zu rufen. Offensichtlich hört man uns nicht zu, und die Situation wird schlimmer. Manchmal muss man aufstehen und zurückschreien. Genau das macht diese Serie.“
Hoffnung auf gesellschaftliche Debatten
Nach dem Tod der Hauptfigur zeigt die Serie auch die Folgen für die Hinterbliebenen. Dazu gehören persönliche Krisen einzelner Figuren sowie die Schließung des queeren Nachtclubs „Spit & Polish“. Clark dazu: „Die Geschichte endet dort, wo die Geschichte endet, aber das Leben der Figuren geht weiter. Sie müssen weiterleben, und das ist schwer.“ Zugleich greift die Serie damit ein reales Problem auf: das Verschwinden vieler queerer Treffpunkte und Veranstaltungsorte.
Clark hofft, dass „Tip Toe“ ähnlich wie andere gesellschaftlich relevante Serien Diskussionen anstößt. „Ich hoffe, dass diese Serie ein ähnliches Vermächtnis hinterlässt wie ‚Adolescence‘ – als Weckruf für die Menschen und als Ausgangspunkt für wichtige Gespräche“, erklärt er. Gleichzeitig wünsche er sich, dass die Serie nicht dieselbe prophetische Wirkung entfaltet wie Russell T Davies’ frühere Produktion „Years and Years“, die mehrere spätere Entwicklungen erstaunlich präzise vorweggenommen habe. „Ich hoffe, dass ‚Tip Toe‘ als großartige Fernsehserie in Erinnerung bleibt, die die Gefühle ihrer Zeit eingefangen hat. Nicht als Serie, die die Zukunft vorhergesagt hat, sondern als eine, die gezeigt hat, was hätte passieren können.“
Gesellschaftliche Entwicklungen bereiten Sorgen
Der Schauspieler äußerte sich im Gespräch auch besorgt über die aktuelle Lage von LGBTIQ+-Menschen in Großbritannien. Besonders die Situation von trans* Personen bereite ihm große Sorgen. „Ich habe große Angst, besonders um meine trans* Geschwister, weil ich nicht glaube, dass selbst unsere eigene Community die aktuellen Bedrohungen ernst genug nimmt“, sagt Clark. Kritisch äußert er sich zudem zur Politik der britischen Regierung unter Premierminister Keir Starmer. „Es ist ein Schandfleck für unser Land, dass wir eine Labour-Regierung haben, die zulässt, dass die Rechte von trans* Menschen direkt vor unseren Augen ausgehöhlt werden. Eine Regierung, die von sich behauptet, fortschrittlich zu sein und mit dem Versprechen von Veränderung angetreten ist. Die Veränderung, die sie begleitet hat, ist jedoch eine Verschlechterung von Rechten.“
Russell T Davies als Vorbild
Clark berichtet außerdem, dass ihn die Werke von Russell T Davies schon lange begleiten. Serien wie „Queer As Folk“, „Doctor Who“ oder „Torchwood“ hätten queeren Menschen wichtige Identifikationsfiguren geboten. Mit Davies sei er bereits vor „Tip Toe“ befreundet gewesen. Der Autor und Produzent habe ihn immer wieder unterstützt und beraten. „Es bedeutet viel, jemanden an seiner Seite zu haben, der einen unterstützt“, so Clark weiter. „Ich bin dankbar, dass wir schließlich ein gemeinsames Projekt gefunden haben.“ Besonders wichtig ist Clark seine Figur Mikey Driscoll. Der junge, selbstbewusste Barkeeper verkörpere vieles, was er selbst als Jugendlicher vermisst habe. „Wenn ich als Jugendlicher eine Figur wie Mikey gesehen hätte, hätte das mein Leben verändert. Er kommt aus Bolton. Ich komme aus Bolton. Also kommt Mikey aus Bolton. Er klingt wie ich, ist Nordengländer, ist schwul – und leidet nicht wegen seiner Sexualität.“
Lob für Alan Cumming und David Morrissey
Große Anerkennung findet Clark auch für seine Schauspielkollegen. Über Alan Cumming sagt er: „Alan ist genauso großartig, wie man es sich erhofft – und sogar noch mehr. Er trägt die Serie mit enormer Eleganz und hat uns jüngeren Schauspielern gezeigt, was es bedeutet, die Hauptrolle zu tragen.“ Auch David Morrissey würdigt er ausdrücklich: „Alan und David liefern beide unglaubliche Leistungen ab.“ Cumming sei am Set schnell zu einer Art Mentor für die jüngeren Darsteller geworden. „Er war frech, lustig und herzlich. Es war einfach verrückt“, erinnert sich Clark.
Als Marvel-Fan freue er sich zudem auf den kommenden Film „Avengers: Doomsday“, in dem Cumming erneut als Nightcrawler zu sehen sein wird. „Wir haben Alan natürlich ständig nach den Avengers gefragt“, erzählte Clark abschließend. „Aber er hat kaum etwas verraten. Er meinte nur, der Film sei großartig und die Russo-Brüder hätten etwas Magisches geschaffen. Ich freue mich riesig darauf.“