Berlinale-Teddy-Nominierung „Mit leiser Stimme“: Queerer Film über Zwänge in Tunesien
Die tunesisch-französische Regisseurin Leyla Bouzid bringt mit „Mit leiser Stimme“ ein queeres Familiendrama auf die deutsche Kinoleinwand, das ab 9. Juli 2026 Einblicke in das Leben zwischen Angst, Geheimnis und Mut im heutigen Tunesien gibt. Die Hauptfigur Lilia, gespielt von Eya Bouteraa, kehrt zur Beerdigung ihres Onkels Daly nach Sousse zurück – eine Reise, die nicht nur familiäre Bande herausfordert, sondern die harsche Realität der tunesischen Gesetzgebung gegenüber Homosexuellen unübersehbar macht.
Das Wichtigste im Überblick
- Kinostart von „Mit leiser Stimme“ ist am 9. Juli 2026
- Premiere und Nominierung für den Teddy Award auf der Berlinale
- Homosexualität steht in Tunesien nach Artikel 230 weiterhin unter Strafe
Eine Familie zwischen Schweigen und Wahrheit
Im Zentrum des Films steht Lilia, die in Paris offen mit ihrer Partnerin Alice lebt, in Tunesien aber gezwungen ist, ihre Beziehung selbst vor der eigenen Mutter zu verbergen. Als sie im Heimatland ankommt, muss Alice in einem Hotel unterkommen, weil Lilias Familie nichts von ihrer sexuellen Orientierung wissen darf. Diese Entscheidung spiegelt die allgegenwärtigen Zwänge wider, mit denen queere Menschen in Tunesien konfrontiert sind. Nach dem Tod ihres Onkels erfährt Lilia, dass Daly, gespielt von Karim Rmadi, ein geheimes schwules Leben geführt hat und unter mysteriösen Umständen gestorben ist. Diese Entdeckung wird zum Ausgangspunkt für eine ambivalente Suche nach Wahrheit und Identität, bei der Lilia immer tiefer in eine verborgene queere Subkultur eintaucht.
Eleganz im Angesicht reaktionärer Gesetze
Bouzid gelingt es, die zerstörerische Kraft des Unausgesprochenen mit einer feinfühligen, nahezu poetischen Bildsprache einzufangen. Gedreht wurde in Sousse, einer Stadt, in der das Risiko, sich öffentlich zu outen, für viele Menschen existenziell ist. Die Angst vor Zwangsuntersuchungen und Gefängnis unter Artikel 230 des tunesischen Strafgesetzbuchs schwebt permanent über den Figuren. Hiam Abbass liefert als Lilias Mutter eine fesselnde Performance, die Spannungen, Verletzungen und die Ohnmacht innerhalb der Familie sichtbar macht. Die Kamera beobachtet mit zurückhaltender Intimität – jede Einstellung scheint Mitgefühl zu fordern, ohne sich in Larmoyanz zu verlieren.
Weltpremiere und Stimmen zum Film
Mit seiner Uraufführung im Wettbewerb der Berlinale 2026 hat „Mit leiser Stimme“ nicht nur Kritikerinnen und Kritiker, sondern auch Aktivistinnen und Aktivisten sowie Cineasten begeistert. Das Werk war für den renommierten Teddy Award als bester Spielfilm nominiert und gilt bereits vor dem Kinostart als Meilenstein des queeren Weltkinos.
„Der Film schafft es, Unsichtbarkeit und heimliche Stärke der queeren Gemeinschaft eindrucksvoll zu verbinden“, urteilt die Festivaljury.
Kurzer Hintergrund zur Rechtslage
Tunesien bleibt eines der letzten Länder Nordafrikas, in dem gleichgeschlechtliche Liebe gesetzlich verfolgt wird. Nach Informationen von Human Rights Watch und Amnesty International drohen Homosexuellen nicht nur bis zu drei Jahren Haft, sondern auch entwürdigende „medizinische“ Untersuchungen. Diese gesellschaftlichen Rahmenbedingungen verleihen Bouzids Film sowohl Brisanz als auch gesellschaftliche Relevanz.
Wie es weitergeht
Mit dem bundesweiten Kinostart am 9. Juli 2026 wird „Mit leiser Stimme“ auch in Deutschland Debatten über Unsichtbarkeit, Migration und Mut in queeren Biografien anstoßen. Cineastinnen und Cinenasten dürfen damit rechnen, dass dieser Film weit über Tunesien hinaus Impulse für Sichtbarkeit und Wandel setzt – die leise, aber unüberhörbare Stimme einer neuen Generation des Weltkinos.