Streit in Polen Neues Schulfach zur Sexuallehre erhitzt die Gemüter
In Polen sorgt ein neues Unterrichtsfach für anhaltende politische und gesellschaftliche Debatten. Seit dem Schuljahr 2025/26 wird an Schulen „Gesundheitserziehung“ angeboten. Der Unterricht umfasst Themen wie körperliche und psychische Gesundheit, Ernährung, Umwelteinflüsse sowie Risiken durch soziale Medien und Drogen. Die Teilnahme ist freiwillig. Besonders umstritten ist der Bereich Sexualkunde. Dort geht es unter anderem um Empfängnisverhütung, Geschlechtskrankheiten, Homosexualität und sexuelle Gewalt.
Neustrukturierung an Schulen
Konservative Organisationen und die katholische Kirche lehnen das Fach ab und warnen vor einer „Verderbnis“ von Kindern. Sie fordern, das Angebot vollständig aus den Lehrplänen zu streichen. Das Bildungssystem ist in Polen seit Jahren politisch stark umkämpft. Die Mitte-Links-Regierung unter Ministerpräsident Donald Tusk hatte nach ihrem Amtsantritt im Dezember 2023 umfassende Reformen angekündigt. Zuvor hatte die rechtskonservative Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS) zwischen 2015 und 2023 die Schulen stärker politisch geprägt und eine „patriotische Erziehung“ sowie „konservative Werte“ in den Mittelpunkt gestellt. Das neue Fach gilt als sichtbares Zeichen der bildungspolitischen Neuausrichtung. Es ersetzt den bisherigen Unterricht „Erziehung zur Familie“, der ebenfalls freiwillig war. Bildungsministerin Barbara Nowacka ließ zugleich festlegen, dass Eltern ihre Kinder von der Teilnahme abmelden können.
Kritik vom Präsidenten
Kritik kam auch von höchster politischer Ebene. Der streng konservative und queerfeindliche Präsident Karol Nawrocki meldete sein Kind vom Unterricht ab und erklärte, das Fach sei ein Versuch, „unter harmlos klingendem Namen Ideologie und Politik in die Schulen hineinzuschmuggeln“. Der Unterricht wird in den Klassen vier bis acht sowie in den ersten beiden Jahrgängen der weiterführenden Schulen jeweils eine Stunde pro Woche angeboten. Die jüngsten Teilnehmer sind etwa zehn Jahre alt. Nach Angaben des Bildungsministeriums nehmen rund 30 Prozent der Schülerinnen und Schüler teil, mit besonders niedrigen Quoten im Südosten des Landes.
Lehrer und Schüler befürworten Schritt
Lehrkräfte sehen in dem Fach hingegen Chancen. Die Warschauer Lehrerin Tosia Kopyt, die an der Entwicklung des Lehrplans beteiligt war, bezeichnet das Angebot gegenüber der Deutschen Welle als „sehr modern und breit aufgestellt“. Und weiter: „Ich liebe diese Stunden. Gesundheit ist superwichtig.“ Gerade beim Thema Sexualität gehe es darum, Hemmungen abzubauen: „Es ist wichtig, die Jugendlichen mit Sexualität vertraut zu machen. Sie sollten wissen, dass man über diese Themen ohne falsche Scham sprechen kann – und auch ohne vulgären Wortschatz.“
Auch aus Schulleitungen kommt Unterstützung. Magdalena Wielogorska, Leiterin einer Schule in Masuren, hält das Fach für unverzichtbar. „Das Fach ist absolut notwendig. Das Wissen ermöglicht den jungen Menschen, mehr über sich selbst, über ihren Körper zu erfahren und gesund zu bleiben.“ An ihrer Schule nehmen nach eigenen Angaben 86 Prozent der Schülerinnen und Schüler teil.
Die Bildungsministerin will bis Ende März entscheiden, ob „Gesundheitserziehung“ künftig verpflichtend wird oder freiwillig bleibt. Befürworter und Gegner versuchen daher bis zuletzt, Einfluss auf diese Entscheidung zu nehmen. Die Direktorin einer Warschauer Schule, Danuta Kozakiewicz, fordert eine klare Linie: „Gesundheitserziehung soll zum Pflichtfach werden. Wir können nicht zulassen, dass ideologische Interessen über das Wohl der Kinder gestellt werden.“ Auch Schülerorganisationen sprechen sich für das Fach aus. „Gesundheitserziehung ist das wichtigste Fach im Schulsystem. Wir sind wütend, dass es von den Politikern in eine politische Schlammschlacht hineingezogen wurde“, sagte Pawel Mrozek von der Initiative „Schüler-Aktion“.
Kritiker betonen „Genderideologie“
Gegner bleiben jedoch bei ihrer Ablehnung. Die „Koalition für die Rettung der polnischen Schulen“, nach eigenen Angaben ein Zusammenschluss von mehr als 90 Organisationen, fordert die Abschaffung des Fachs. Es propagiere „Genderideologie“, führe zum Geschlechtswechsel und damit zur „Verstümmelung des Körpers“. Ein Pflichtfach wäre aus ihrer Sicht ein „Schlag gegen die psychische und physische Gesundheit der Schüler“ sowie ein Eingriff in Elternrechte und die Gewissensfreiheit von Lehrern. Unabhängig von der aktuellen Entscheidung könnte die Zukunft des Fachs politisch offen bleiben. Spätestens mit der Parlamentswahl 2027 steht die Bildungspolitik erneut zur Disposition. Sollte die PiS wieder an die Regierung kommen, könnte das Fach wieder abgeschafft werden.