Cineastische Aids-Drama-Doku Oscar-Rennen: "Cashing Out" schafft es auf Shortlist
Im Oscar-Rennen: „Cashing Out“ trifft mitten ins Herz.
Mitten im Ringen um die begehrten Oscars 2026 rückt ein 39-minütiger Dokumentarfilm ins Rampenlicht, der auf den ersten Blick vielleicht unscheinbar wirkt – und dennoch einen nervösen Puls in der Kinolandschaft hinterlässt. „Cashing Out“, produziert von Matt Bomer und der Drag-Künstlerin Angeria Paris VanMichaels, die nach ihrem Sieg bei "RuPaul’s Drag Race All Stars 9" nun auch die Filmbühne erobert, hat es auf die exklusive Shortlist für den besten Dokumentar-Kurzfilm geschafft.
Einblicke in eine unsichtbare Realität
Regisseur Matt Nadel taucht tief in den wenig bekannten Kosmos der sogenannten „Viaticum-Deals“ ein. Inmitten der HIV- und AIDS-Krise waren unzählige Betroffene brutal auf sich gestellt – der Staat ließ insbesondere queere Menschen, darunter viele trans* Frauen und Männer, ebenso wie People of Color, im Stich. Das Überleben wurde zum Pokerspiel: Lebensversicherungen dienten als einzig verbliebener Rettungsanker, verkauft an Investoren, um wenigstens ein wenig Würde und Fürsorge in den letzten Tagen zu ermöglichen. Nadel folgt den Spuren dieser Schicksale, wie etwa von Sean O. Strub oder der Aktivistin DeeDee Chamblee, und konfrontiert sein Publikum mit einer Geschichte, die selten erzählt wird – und die aufrüttelt.
Stimmen voll Stolz und Erschütterung
Angeria Paris VanMichaels zeigt sich auf ihrer Reise als Produzentin zu den Oscars zutiefst bewegt. Sie beschreibt, wie das Thema HIV lange ein Tabu in ihrer Heimat Georgia war: „Die Leute wussten entweder nichts darüber oder sie haben einfach nicht darüber gesprochen.“ Erst durch ihr Engagement als Drag-Künstlerin und ihren eigenen Bildungsweg wurde ihr Ausmaß und Wucht der AIDS-Krise bewusst. Für Regisseur Nadel liegt die Botschaft der Doku klar auf der Hand: „Das Virus diskriminiert nicht. Heute wie damals scheitern Menschen am Zugang zu Gesundheitsversorgung.“
Die Bedeutung dieses Kurzfilms liegt weit über einem nostalgischen Rückblick. In „Cashing Out“ schimmert eine eindringliche Warnung an die Gegenwart: Trotz medizinischer Fortschritte bleiben viele mit HIV noch immer von gesellschaftlicher Marginalisierung und finanzieller Unsicherheit betroffen. Weltweit leben laut UNAIDS rund 39 Millionen Menschen mit HIV, viele kämpfen weiterhin mit Diskriminierung und schlechter Versorgung. Nadel fordert, dass der kollektive Blick nicht abgleiten darf – die Verantwortung zu handeln endet nicht mit der Vergangenheit.
Ein cineastisches Mahnmal mit Oscar-Potenzial
„Cashing Out“ überzeugt nicht durch Pathos, sondern durch radikale Ehrlichkeit und einen seltenen Blick auf queere Lebensgeschichten im Schatten der Krise. So avanciert der Film nicht nur zum Oscar-Anwärter, sondern zum notwendigen Beitrag in einer Debatte, deren Echo im Hier und Jetzt unüberhörbar ist. Wird diese filmische Chronik endlich für mehr Empathie und politischen Wandel sorgen? Die Oscar-Nacht wird vielleicht erste Antworten liefern.