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Internetsperre in Afghanistan

Internetsperre in Afghanistan Verzweiflung in der Community wächst weiter an

ms - 01.10.2025 - 11:00 Uhr
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Die Lage in Afghanistan verschlimmert sich für die verbleibenden LGBTIQ+-Menschen noch weiter: Die extremistischen Taliban haben jetzt landesweit den Zugang zum Internet und zum Mobilfunk weitestgehend blockiert. Für homosexuelle und queere Menschen war dies bisher die letzte Möglichkeit, Kontakt mit Hilfsorganisationen aufzubauen oder sich untereinander zu verständigen. Das UNO-Menschenrechtsbüro hat heute die Taliban aufgefordert, die landesweite Sperre des Internets sofort aufzuheben.

Isolation im Untergrund 

Seit dieser Woche können Haushalte und Privatpersonen online keine Seiten mehr aufrufen. Zudem ist der Mobilfunk massiv eingeschränkt worden. Ziel der Aktion scheint es so unter anderem zu sein, unliebsame Personen noch weiter zu isolieren, dazu gehören insbesondere Homosexuelle und queere Personen, denen bei Ergreifung Haft, Folter und Mord drohen. Die meisten von ihnen verstecken sich aktuell in Kellerwohnungen oder ähnlichen Einrichtungen und wagen es nicht, nach draußen zu gehen – ihr einziger Kontakt mit anderen Menschen findet bisher online statt. 

Menschenrechtsaktivist Ali Tawakoli, Gründer der Rainbow Afghanistan Organisation, erklärte dazu exklusiv gegenüber SCHWULISSIMO: „Für die LGBTIQ+-Personen war das Internet ein Überlebensinstrument. Sie konnten über Online-Räume sichere Netzwerke aufbauen, sofortige Warnungen erhalten und sogar Wege für eine Flucht aus dem Land organisieren. Mit der Abschaltung des Internets geraten diese Personen in einen völligen Kreislauf der Isolation: Sie haben weder die Möglichkeit zur Flucht, noch wird ihre Stimme gehört, noch können sie ihr Leid und ihre Gefahr an die Welt übermitteln. Dieses erzwungene Schweigen ist selbst eine Form von Gewalt.“

Perfide Strategie 

Dabei ist die Abschaltung des Internets laut dem afghanischen Experten Teil einer Strategie, um insbesondere die LGBTIQ+-Community immer mehr unsichtbar zu machen: „Der Internetausfall in Afghanistan ist kein zufälliges oder technisches Ereignis, sondern Teil der bewussten Politik der Taliban zur Kontrolle und Unterdrückung. Seit der Rückkehr an die Macht im August 2021 haben die Taliban erkannt, dass das Internet das wichtigste Instrument für die Zivilgesellschaft, Journalisten, Frauen und insbesondere für die LGBTIQ+-Community ist, um zu überleben und mit der Außenwelt in Verbindung zu bleiben. Die Einschränkung oder Abschaltung des Internets in diesem Land muss als strategisches Mittel der Taliban betrachtet werden, um eine Informationssperre zu errichten.“

Ein anderes Ziel der islamistischen Terrorbewegung dürfte laut dem Deutschlandfunk dabei auch sein, Schülerinnen und Studentinnen den Zugang zum Unterricht online zu verwehren. Nach Meldungen von einzelnen Taliban-Sprechern solle damit die „Unmoral“ unter jungen Frauen verhindert werden, die mittels Online-Kursen versuchen, sich weiterzubilden. 

Verschleierungen der Gewalt 

Ein weiterer Aspekt: Durch die Abschaltung des Internets dringen kaum noch Informationen nach außen, so Tawakoli weiter: „Die LGBTIQ+-Community in Afghanistan ist nach dem Machtantritt der Taliban mit der schwersten Unterdrückungswelle der jüngeren Geschichte konfrontiert: von willkürlichen Verhaftungen und systematischer Folter bis hin zu öffentlichen Hinrichtungen. Diese Realität konnte nur dokumentiert und weitergegeben werden, weil Betroffene oder deren Familien über das Internet Zugang zu Menschenrechtsorganisationen und Medien hatten. Mit der Abschaltung des Internets kappen die Taliban genau diesen Weg, sodass ihre Verbrechen ohne Zeugen und ohne Beweise bleiben.“ 

Der Menschenrechtsexperte richtet sich daher mit einer klaren Botschaft an die Weltgemeinschaft – und insbesondere an die Politik in Deutschland: „Es ist die Pflicht der internationalen Gemeinschaft, dieser Politik des Schweigens und der Vertuschung nicht tatenlos zuzusehen, da jedes Schweigen mehr Opfer in Afghanistan bedeutet. Angesichts dieser offensichtlichen Verbrechen und der Existenz einer geschlechtsspezifischen Apartheid in Afghanistan ist es beschämend, dass die Bundesregierung einerseits über diese Situation spricht, andererseits jedoch zwei Vertreter des terroristischen Taliban-Regimes auf deutschem Boden akzeptiert; ein Regime, das weder über innere noch über internationale Legitimität verfügt. Diese Entscheidung trägt nicht nur zur Normalisierung einer unterdrückerischen Regierung bei, sondern dient zugleich als Instrument migrationsfeindlicher Politik, während tausende afghanische Geflüchtete – darunter auch LGBTIQ+-Personen – nur versuchen, in Deutschland ihr Leben zu retten.“

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