Direkt zum Inhalt

Viel Aufregung in Nigeria Regierung will schwule YouTube-Serie verbieten lassen

Von ms - 29.09.2026 - 14:00 Uhr
Aufregung in Nigeria
Foto: Prism House Studio
ANZEIGE
Loading audio player...

Eine nigerianische Webserie über schwule und bisexuelle Männer ist trotz des Widerstands der staatlichen Filmbehörde wieder auf YouTube erschienen. Die National Film and Video Censors Board (NFVCB) will erreichen, dass „Living in Colors“ wieder von der Videoplattform entfernt wird. Zuvor hatte die Behörde bereits eine geplante Premiere in Lagos verhindert.

Das Wichtigste im Überblick

  • Die nigerianische Webserie „Living in Colors“ erzählt vom Leben fünf junger Männer und behandelt offen Homosexualität und Bisexualität.
  • Nigerias Filmbehörde NFVCB will verhindern, dass die Serie im Land gezeigt oder über YouTube verbreitet wird.
  • Eine geplante Premiere in Lagos wurde nach Intervention der Behörde verhindert.
  • Die Serie erschien dennoch auf YouTube und erreichte binnen kurzer Zeit mehr als 90.000 Aufrufe pro Folge.
  • Nach ihrer Entfernung wurden mehrere Folgen erneut auf dem Kanal des Produktionsstudios veröffentlicht.
  • Die Filmbehörde beruft sich unter anderem auf Nigerias strenge Gesetze zu gleichgeschlechtlichen Beziehungen.
  • Ob die fiktionale Darstellung solcher Beziehungen tatsächlich gegen diese Vorschriften verstößt, ist in diesem Fall bislang nicht gerichtlich entschieden.

Kampf gegen schwule Webserie 

Der Konflikt begann im August. Die NFVCB erklärte am 26. August, die Produktion sei ihr vor der geplanten öffentlichen Vorführung weder vorgelegt noch von ihr geprüft oder eingestuft worden. Vorläufige Untersuchungen hätten zudem ergeben, dass der Trailer nach Auffassung der Behörde „explizite Pornografie“ enthalte und gleichgeschlechtliche Beziehungen fördere. Die Behörde kündigte an, mit Sicherheitsbehörden auf Bundes- und Landesebene zusammenzuarbeiten, um die geplante Veranstaltung zu verhindern. Auch der vorgesehene Veranstaltungsort wurde gewarnt. Eine Vorführung könne Sanktionen bis hin zur Schließung und zum Entzug der Betriebserlaubnis nach sich ziehen. Zudem stellte die NFVCB rechtliche Schritte gegen die Produktionsfirma, Produzenten und Unterstützer in Aussicht. Ob solche Verfahren tatsächlich eingeleitet wurden, hat die Behörde bislang nicht öffentlich mitgeteilt.

Zehntausende Zuschauer

Trotz der Warnungen wurde „Living in Colors“ am 30. August auf dem YouTube-Kanal des Produktionsunternehmens Prism House Studio veröffentlicht. Die sieben Folgen erreichten während ihrer kurzen Verfügbarkeit jeweils mehr als 90.000 Aufrufe. Bereits am 2. September waren die Videos allerdings wieder verschwunden. Wer sie entfernte, ist unklar. Bekannt ist weder, ob YouTube oder die Produzenten dafür verantwortlich waren, noch ob die Filmbehörde einen formellen Löschantrag gestellt hatte.

Am 13. September kehrte die Serie nun allerdings auf denselben YouTube-Kanal zurück. Zunächst waren vier Folgen verfügbar. Damit verlagerte sich der Streit von einer geplanten Kinovorführung auf die Frage, inwieweit die nigerianische Filmbehörde auch Produktionen regulieren kann, die über internationale Plattformen verbreitet werden. Die NFVCB vertritt die Position, dass nigerianische Produktionen auch für eine Veröffentlichung über Plattformen wie YouTube zuvor eingestuft und registriert werden müssen.

Fünf Freunde im Mittelpunkt

„Living in Colors“ wurde von Prism House Studio produziert. Manuel Ruben wird als Produzent genannt, Tega Idogho und Udo Casciavit führten Regie. Die Serie begleitet die fünf Freunde Jeremy, Chris, Robert, Justin und Shawn, die gemeinsam in Lagos leben. Im Mittelpunkt stehen Beziehungen, Sexualität, Freundschaft, berufliche Ziele und persönliche Probleme. Justin ist ein femininer schwuler Mann, der auf dem Weg zu einem Date von Männern wegen seines Auftretens angegriffen wird. Sein Mitbewohner Chris rettet ihn. Chris bezeichnet sich selbst nicht als schwul, beginnt später jedoch eine sexuelle Beziehung mit Justins Date, einem verheirateten Mann. Robert gerät bei der Suche nach einem Partner in eine Falle, wird entführt und zusammengeschlagen. Shawn ist bisexuell und sexuell experimentierfreudig, während Jeremy eine Beziehung am Arbeitsplatz beginnt, die ihn schließlich seinen Job kostet. Die Serie behandelt damit Fragen von Identität, Sexualität, Gewalt, Beziehungen, Freundschaft und dem Leben in der nigerianischen Metropole.

Strenge Gesetze in Nigeria 

Der Streit findet vor dem Hintergrund einer restriktiven Rechtslage für homosexuelle Menschen in Nigeria statt. Die Filmbehörde verweist unter anderem auf den Same-Sex Marriage (Prohibition) Act von 2013. Das Gesetz verbietet gleichgeschlechtliche Ehen und zivile Partnerschaften sowie die „öffentliche Zurschaustellung einer gleichgeschlechtlichen Liebesbeziehung, direkt oder indirekt“. Für bestimmte Verstöße sind Gefängnisstrafen vorgesehen. Für die direkte oder indirekte öffentliche Darstellung einer gleichgeschlechtlichen Liebesbeziehung nennt das Gesetz eine Freiheitsstrafe von bis zu zehn Jahren. Ob eine fiktionale Darstellung gleichgeschlechtlicher Beziehungen in einer Serie unter diese Bestimmung fällt, ist im Fall von „Living in Colors“ allerdings bislang nicht gerichtlich geklärt. Auch die Vorwürfe der Filmbehörde und eine mögliche strafrechtliche Verantwortlichkeit müssten in einem rechtsstaatlichen Verfahren festgestellt werden. Abseits davon wird die Lage insbesondere für schwule Männer im Land immer gefährlicher, viele von ihnen verlassen wenn möglich inzwischen ihre Heimat. 

Hartes Vorgehen angekündigt

Die hohen Zuschauerzahlen zeigen unterdessen ein erhebliches Interesse an der Produktion. Daraus lässt sich allerdings nicht ableiten, dass die Zuschauer deren Inhalte unterstützen. Einige könnten die Serie auch aus Neugier angesehen haben, nachdem die Filmbehörde öffentlich vor ihr gewarnt hatte. NFVCB-Chef Shaibu Husseini kündigte an, die Behörde werde weiter gegen die Veröffentlichung vorgehen. „Der Film als Ganzes fördert gleichgeschlechtliche Beziehungen; es ist kein Film, der die Kunst fördert. Wir haben alle regulatorischen Schritte unternommen, um sicherzustellen, dass der Film nicht veröffentlicht wird, einschließlich der Verhinderung seiner Premiere oder Vorführung im Land. Wir werden alles daransetzen, dafür zu sorgen, dass er von Streamingplattformen wie YouTube entfernt wird. Wenn er gezeigt werden soll, dann soll er in einem anderen Gebiet gezeigt werden, wo man das erlaubt, aber im nigerianischen Raum wird er nicht gezeigt“, sagte Husseini.

Er fügte hinzu: „Der Film fördert etwas, das rechtswidrig ist. Wir haben kein Problem damit, wenn sich jemand mit seiner Sexualität identifiziert, aber sie sollte nicht durch Unterhaltung gefördert werden.“ Damit ist der Konflikt um „Living in Colors“ noch nicht beendet. Die Serie ist nicht nur zum Streitfall über die Darstellung gleichgeschlechtlicher Beziehungen geworden. Zugleich geht es um die Frage, wie weit die Befugnisse einer nationalen Filmbehörde bei Produktionen reichen, die über internationale Streamingplattformen verbreitet werden.

Anzeige
ANZEIGE

QUEERE PRESSESCHAU

tazAusstellung, Buch und Queeres Leben: Sich von Arschlöchern nicht kleinkriegen lassenDER SPIEGELBerlin: Gedenkort für CSD-Anschlag zum dritten Mal attackiertrbb24Berliner Tiergarten: CSD-Regenbogenbank erneut beschädigttazDie Wahrheit: „Wiegen Sie mal Diversity!“Alle Meldungen ansehen
ANZEIGE

Umfrage der Woche

Wie sollte das Abstammungsrecht für Regenbogenfamilien geregelt werden?

Choices
Artikel zur Umfrage lesen
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE

Auch Interessant

Williams fordert Festnahmen

Sexuelle Übergriffe an Universität

Hudson Williams fordert Festnahmen nach einem mutmaßlichen sexuellen Übergriff an der Cornell University. Die Staatsanwaltschaft prüft den Fall neu.
Angriff auf den Regenbogen

Dritter Fall von Vandalismus

Traurig aber immer weniger überraschend für viele: Zum dritten Mal wurde jetzt die Regenbogenbank in Berlin Tiergarten verwüstet.
Fake News aus der KI

KI wird zur Propagandawaffe

Russische Akteure sollen Claude für Propaganda, Fake News und die Überwachung politischer Gegner in Zentralafrika eingesetzt haben, auch gegen LGBTIQ+
Schüler warten auf Schutz

Dramatische Lage an US-Schulen

Unter Präsident Trump liegen zahlreiche Bürgerrechtsfälle an US-Schulen auf Eis. Betroffen sind Vorwürfe zu Rassismus und sexueller Belästigung.
US-Lesbenbar im Rampenlicht

Masken-Streit beschäftigt Hollywood

Eine US-Lesbenbar lockert ihre hauseigene Corona-Maskenpflicht und löst heftigen Streit aus. Nun interessiert sich sogar Hollywood für die Geschichte.
Island setzt Europas Maßstab

Europa führt bei Gleichstellung

Europa führt weltweit bei der Gleichstellung von Frauen und Männern - eine gute Entwicklung auch für LGBTIQ+-Menschen. Weltweit führend ist Island.
Forscher kämpfen für Lambda

Queeres Jugendnetzwerk unter Druck

141 Wissenschaftler fordern eine langfristige Finanzierung des queeren Jugendnetzwerks Lambda und kritisieren das Ende der bisherigen Bundesförderung.
Keine Homophobie bei Nike

Aktionäre stützen LGBTIQ+-Kurs

Ein Antrag zur Überprüfung von Nikes LGBTIQ+-Engagement ist bei den Aktionären deutlich gescheitert: Nur ein Prozent stimmte dafür.
Neuer Plan für gleiche Rechte

LGBTIQ+-Strategie des Europarats

Der Europarat verabschiedete jetzt erstmals eine LGBTIQ+-Strategie. Sie soll Diskriminierung, Hass und Gewalt bekämpfen und gleiche Rechte stärken.