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Stonewall-Bar von 1969 3D-Modell zeigt verschwundene Räume

Von ms - 29.10.2026 - 15:30 Uhr
Stonewall-Bar von 1969
Foto: iStock / Yuriy Turetskiy
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Zeitreise der besonderen Art: Mehr als fünf Jahrzehnte nach dem historischen Stonewall-Aufstand können Interessierte jetzt erstmals virtuell durch eine detaillierte Rekonstruktion der Bar gehen, in der sich 1969 eines der wichtigsten Ereignisse der modernen LGBTIQ+-Bürgerrechtsbewegung ereignete. Ein neues dreidimensionales Modell zeigt das ursprüngliche Stonewall Inn im New Yorker Stadtteil Greenwich Village so, wie es im Sommer jenes Jahres ausgesehen hat.

Das Wichtigste im Überblick

  • Historische Rekonstruktion: Ein neues digitales 3D-Modell zeigt das ursprüngliche Stonewall Inn in New York, wie es im Sommer 1969 aussah.
  • Virtueller Rundgang: Besucher können unter anderem den Eingang, die Garderobe, die Tanzfläche und den damaligen Standort der Musikbox erkunden.
  • Aufwendige Recherche: Das NYC LGBTQ Historic Sites Project und Making Gay History entwickelten das Modell anhand historischer Dokumente, Fotografien und Zeitzeugenberichte.
  • Wichtiger Ort der LGBTIQ+-Geschichte: Eine Polizeirazzia am 28. Juni 1969 löste mehrtägige Proteste aus, die zu einem Symbol der modernen LGBTIQ+-Bürgerrechtsbewegung wurden.
  • Originalräume verschwunden: Das heutige Stonewall Inn nimmt nur noch einen Teil der damaligen Fläche ein. Von der ursprünglichen Inneneinrichtung ist praktisch nichts erhalten.
  • Die digitale Rekonstruktion kann weltweit kostenlos online erkundet werden.

Einblick ins Jahr 1969

Entwickelt wurde die digitale Rekonstruktion vom NYC LGBTQ Historic Sites Project und der Organisation Making Gay History. Vorgestellt wurde das Projekt jetzt anlässlich des LGBTIQ+-History Monats im Oktober. Die Darstellung basiert auf historischen Dokumenten, Fotografien und mündlichen Erinnerungen von Zeitzeugen. Sie umfasst sowohl die ursprünglichen Räume des Stonewall Inn als auch das umliegende Stonewall National Monument. Die Nutzer können sich virtuell durch den Eingangsbereich, die Garderobe und die Tanzfläche bewegen. Auch der frühere Standort der Musikbox wurde rekonstruiert. Das Projekt soll einen Eindruck davon vermitteln, wie die Bar aussah, bevor die Ereignisse vom Juni 1969 sie weltweit bekannt machten.

Bisher umfassendste Ressource

Ken Lustbader, Co-Direktor des NYC LGBTQ Historic Sites Project, bezeichnete die Rekonstruktion als bislang einzigartiges Dokumentationsprojekt. „Dies ist die bisher umfassendste Ressource, die uns zeigt, wie das Innere der Bar 1969 aussah und welche Atmosphäre dort herrschte. Sie wurde anhand von Archivmaterialien und historischen Recherchen mit größter Sorgfalt rekonstruiert.“ Zudem betonte er: „Für uns als Denkmalschützer ist es wichtig, die Bar so zu verstehen und zu erleben, wie sie zur Zeit des Stonewall-Aufstands existierte, der sich auf den umliegenden Straßen abspielte.“ Lustbader hob außerdem die Möglichkeiten digitaler Technologien hervor. „Immersive Technologien wie dieses 3D-Modell schaffen eine starke, unmittelbar erfahrbare Verbindung zu unserer gemeinsamen LGBTIQ+- und amerikanischen Geschichte, zu der Stonewall untrennbar gehört.“ Die Rekonstruktion ist über das Internet zugänglich. Eine Reise nach New York ist dafür nicht erforderlich.

Besondere Zeitzeugenberichte

Auch Eric Marcus, Geschäftsführer von Making Gay History und Gründer sowie Moderator des gleichnamigen preisgekrönten Podcasts, sieht in dem Projekt eine neue Möglichkeit der Geschichtsvermittlung. „Das 3D-Modell ist für jeden und überall zugänglich – man braucht lediglich ein Smartphone oder einen Computer und eine Internetverbindung. Es ist eine unglaublich wirkungsvolle Möglichkeit, sich mit der Geschichte unserer Community zu verbinden.“ Making Gay History dokumentiert unter anderem die Erinnerungen von Menschen, die wichtige Ereignisse der LGBTIQ+-Bewegung selbst erlebt haben. „Dieses neue digitale Werkzeug ergänzt die Geschichten, die wir in unserem Podcast vorstellen – wenn wir hören, wie ältere LGBTIQ+-Menschen mit ihren eigenen Stimmen beschreiben, was sie während des Stonewall-Aufstands gesehen und erlebt haben.“

Marcus verwies auf die Möglichkeit, die geschilderten Ereignisse nun mit dem historischen Schauplatz in Verbindung zu bringen. „Dank dieses leicht zugänglichen Werkzeugs können wir jetzt genau sehen, wie der längst verschwundene Ort aussah, den diese Menschen vor und in der Nacht des Aufstands erlebt haben.“ Bislang ließ sich der ursprüngliche Zustand des Lokals nur anhand von Archivmaterial und Beschreibungen nachvollziehen. „Wenn ich Menschen erzähle, dass vom ursprünglichen Innenraum des Stonewall Inn so gut wie nichts mehr existiert, kann ich ihnen jetzt den Link zum 3D-Modell schicken, damit sie sehen können, wie der Ort vor mehr als 50 Jahren ausgesehen hat.“

Die Mafia als Betreiber 

Die Geschichte des Stonewall Inn reicht bis in die 1930er-Jahre zurück. Damals wurde das Lokal an der Adresse 51 bis 53 Christopher Street in Manhattan unter dem Namen Bonnie’s Stonewall Inn betrieben. In den folgenden Jahrzehnten wechselten mehrfach die Eigentümer. 1967 eröffneten drei Mitglieder der Mafia das Lokal als Schwulenbar neu. Eine zentrale Rolle spielte Tony Lauria, der unter dem Spitznamen „Fat Tony“ bekannt war. Dass kriminelle Organisationen solche Lokale betrieben, war damals nicht ungewöhnlich. Homosexuelle Menschen waren gesellschaftlicher Diskriminierung und staatlicher Verfolgung ausgesetzt. Viele Gäste wollten deshalb den Kontakt mit der Polizei vermeiden. 

Die Betreiber konnten diese Situation ausnutzen, indem sie beispielsweise alkoholische Getränke verdünnten und verkauften, ohne Beschwerden bei den Behörden befürchten zu müssen. Teilweise wurden Kunden auch mit der Drohung erpresst, ihre sexuelle Orientierung öffentlich zu machen. Das Stonewall Inn galt Schätzungen zufolge damals als größte Schwulenbar der Vereinigten Staaten. Eine Besonderheit war die Tanzfläche. Anders als in vielen anderen New Yorker Schwulenbars war Tanzen dort erlaubt. Das machte das Lokal vor allem bei jüngeren Gästen beliebt und zu einem wichtigen Treffpunkt der homosexuellen Community.

Polizeirazzia im Juni 1969 

In den frühen Morgenstunden des 28. Juni 1969 führte die New Yorker Polizei eine Razzia im Stonewall Inn durch. Solche Einsätze waren damals keine Seltenheit. Schwulenbars wurden regelmäßig unter dem Vorwand durchsucht, dort herrschten ungeordnete Zustände oder es müssten die Bestimmungen zum Alkoholausschank überprüft werden. Die Polizei konnte außerdem Menschen festnehmen, deren Kleidung nach damaligen Vorstellungen nicht dem Geschlecht entsprach. Besonders gefährdet waren dadurch Dragqueens. Auch Gäste des Stonewall Inn waren von solchen Maßnahmen betroffen. Bereits wenige Tage vor dem 28. Juni hatte es eine Polizeirazzia in der Bar gegeben. Als die Beamten in jener heißen Sommernacht erneut einschritten, leisteten Gäste Widerstand. 

Die Auseinandersetzungen weiteten sich zu Protesten auf den umliegenden Straßen aus, die mehrere Nächte andauerten. Sie entwickelten sich zu einem zentralen Bezugspunkt der modernen LGBTIQ+-Bürgerrechtsbewegung in den Vereinigten Staaten und darüber hinaus. Am ersten Jahrestag des Aufstands fand 1970 dann in New York ein Gedenkmarsch statt. Er gilt als erster Pride-Marsch für Schwule und Lesben in der Stadt. Die Demonstration erinnerte an die Ereignisse des Vorjahres und machte zugleich die Forderungen homosexueller Menschen nach gesellschaftlicher Anerkennung und gleichen Rechten öffentlich sichtbar. In den folgenden Jahrzehnten wurde Stonewall weltweit zu einem Symbol des Widerstands gegen die Diskriminierung sexueller und geschlechtlicher Minderheiten.

Wechselvolle Bar-Geschichte 

Der historische Schauplatz selbst veränderte sich jedoch erheblich. Vom ursprünglichen Innenraum blieb fast nichts erhalten. Das Stonewall Inn stellte seinen Betrieb bereits kurze Zeit nach dem Aufstand ein. Erst zwischen 1987 und 1989 existierte an der Adresse 51 Christopher Street erneut eine Bar mit dem Namen Stonewall. Nach deren Schließung wurde auch das ursprüngliche senkrechte „Stonewall“-Schild entfernt. 1990 eröffnete an der benachbarten Adresse 53 Christopher Street ein Lokal namens Jimmy’s Stonewall Place. Ein Jahr später wurde es in Stonewall umbenannt. Seit 2006 wird die Bar von der heutigen Geschäftsführung unter dem Namen Stonewall Inn betrieben. Allerdings umfasst sie nur einen Teil der Fläche, die das ursprüngliche Lokal in den 1960er-Jahren einnahm. Die damaligen Innenräume existieren nicht mehr. Wer heute das Stonewall Inn besucht, betritt daher zwar einen historisch bedeutsamen Ort, sieht aber nicht mehr die ursprüngliche Raumaufteilung und Ausstattung von 1969.

Die historische Bedeutung des Stonewall Inn wurde in den Vereinigten Staaten mehrfach offiziell anerkannt. 1999 wurde der Ort in das National Register of Historic Places aufgenommen, das nationale Verzeichnis historisch bedeutsamer Stätten. Im Jahr 2000 erhielt er den Status einer National Historic Landmark und damit eine weitere Auszeichnung für seine herausragende Bedeutung in der amerikanischen Geschichte. 2016 wurde Stonewall schließlich zum ersten National Monument der Vereinigten Staaten erklärt, das ausdrücklich der LGBTIQ+-Bürgerrechtsbewegung gewidmet ist. Direkt zum 3D-Modell geht es hier. 

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