Junge Menschen in Italien sprechen überwiegend offen über Sexualität, verfügen aber häufig nur über lückenhaftes Wissen zu Verhütung, LGBTIQ+, sexuell übertragbaren Infektionen und ihren eigenen Rechten. Das zeigt eine neue Untersuchung des Meinungsforschungsinstituts Ipsos Doxa unter 16- bis 25-Jährigen.
Das Wichtigste im Überblick
- Mehr Sexualerziehung gefordert: 71 Prozent der 16- bis 25-Jährigen in Italien wollen Sexual- und Beziehungserziehung an Schulen. 56 Prozent sprechen sich für ein Pflichtfach aus.
- Google und KI als Ratgeber: 50 Prozent suchen Informationen über Sexualität im Internet, 27 Prozent nutzen künstliche Intelligenz. Nur 18 Prozent wenden sich an Ärzte.
- Pornografie als Wissensquelle: 31 Prozent geben an, ausschließlich durch Pornografie etwas über Sex gelernt zu haben.
- Große Wissenslücken: 55 Prozent fühlen sich über ihre sexuellen und reproduktiven Rechte nicht informiert. Auch bei HIV und anderen sexuell übertragbaren Infektionen bestehen erhebliche Unsicherheiten.
- Kondome selten konsequent genutzt: Nur 36 Prozent der sexuell erfahrenen Befragten verwenden bei jedem Geschlechtsverkehr ein Kondom.
- Kostenlose Verhütung gefordert: 73 Prozent wünschen sich kostenlose Verhütungsmittel für junge Menschen.
Offen reden über Sexualität
Die Studie mit dem Titel „Jugendliche und sexuelle Rechte“ wurde von der Hilfsorganisation Ärzte der Welt in Auftrag gegeben und jetzt in Mailand vorgestellt. Besonders auffällig ist die Bedeutung digitaler Informationsquellen. Während viele Jugendliche und junge Erwachsene bei Fragen zu Sexualität auf Google, soziale Netzwerke oder künstliche Intelligenz zurückgreifen, suchen vergleichsweise wenige professionelle medizinische Beratung. Zugleich wünschen sich die meisten Befragten eine stärkere Rolle der Schule bei der Vermittlung von Wissen über Sexualität, Beziehungen und Gefühle. Die Untersuchung widerspricht der Vorstellung, Sexualität sei für junge Menschen grundsätzlich ein Tabuthema.
74 Prozent der Befragten erklären, dass sie sich wohl dabei fühlen, über Sexualität zu sprechen. Dabei überwiegen positive Assoziationen. Jeweils 58 Prozent verbinden Sexualität mit Vergnügen und Liebe. 44 Prozent nennen Erregung, 29 Prozent Spaß und 25 Prozent Freiheit. Die Offenheit im Umgang mit dem Thema bedeutet allerdings nicht, dass die jungen Menschen auch ausreichend darüber informiert sind. Gerade bei Fragen der sexuellen Gesundheit, LGBTIQ+ und der rechtlichen Rahmenbedingungen zeigt die Untersuchung erhebliche Wissensdefizite.
Sexualerziehung an Schulen
71 Prozent der Befragten sind der Ansicht, dass Schulen für Sexual- und Beziehungserziehung zuständig sein sollten. Die Familie wird von 57 Prozent als geeigneter Ort für entsprechende Aufklärung genannt. Mehr als die Hälfte der jungen Menschen geht noch einen Schritt weiter: 56 Prozent fordern, dass Sexual- und Beziehungserziehung für alle Schülerinnen und Schüler verpflichtend sein sollte. Die Regierung indes hat jene Unterrichtsmaterialien stark eingeschränkt und für untere Klassen sogar verboten – dagegen wehrt sich aktuell ein Referendum mit dem Ziel, die Richtlinien wieder abzuschaffen. Die Ergebnisse zeigen eine deutliche Nachfrage nach institutioneller Aufklärung, die nicht allein vom Elternhaus oder der Eigeninitiative der Jugendlichen abhängt.
Google und KI
Bei der Frage, woher junge Menschen ihr Wissen über Sexualität hauptsächlich erhalten haben, liegt die Schule mit 42 Prozent an erster Stelle. 39 Prozent nennen das Internet und soziale Netzwerke, 35 Prozent Freundinnen und Freunde. Anders sieht es aus, wenn die Befragten aktiv nach Informationen zu Sexualität und reproduktiver Gesundheit suchen. Dann greifen 50 Prozent auf das Internet oder Suchmaschinen wie Google zurück. 30 Prozent wenden sich an Freunde und Gleichaltrige. Bereits 27 Prozent nutzen Plattformen mit künstlicher Intelligenz. Nur 18 Prozent holen sich Informationen bei einem Arzt oder einer Gynäkologin beziehungsweise einem Gynäkologen. Dabei genießen medizinische Fachkräfte unter den Befragten großes Vertrauen: 86 Prozent halten Ärzte und Beschäftigte im Gesundheitswesen bei Fragen zu Intimität und Sexualität für zuverlässige Informationsquellen. Auch Jugend- und Familienberatungsstellen spielen bei der Informationssuche bislang eine untergeordnete Rolle. Zwar kennen 83 Prozent der Befragten solche Einrichtungen oder haben zumindest schon davon gehört. Tatsächlich besucht haben sie jedoch nur 14 Prozent.
Wissen durch Pornografie
Eine besonders große Rolle bei der sexuellen Wissensvermittlung spielt Pornografie. 31 Prozent der jungen Italienerinnen und Italiener geben an, dass pornografische Inhalte ihre einzige Informationsquelle über Sex gewesen seien. Gleichzeitig ist vielen Befragten bewusst, dass Pornografie kein realistisches Bild von Sexualität vermittelt. 71 Prozent finden, dass junge Menschen darüber aufgeklärt werden sollten, dass pornografische Darstellungen nicht der Wirklichkeit entsprechen. 64 Prozent glauben, dass Pornografie unrealistische Erwartungen an die sexuelle Leistungsfähigkeit erzeugt. 47 Prozent sehen die Gefahr, dass Pornografie unrealistische Erwartungen an den eigenen Körper entstehen lässt. Neben der praktischen Sexualaufklärung untersucht die Studie auch, wie gut junge Menschen über ihre sexuellen und reproduktiven Rechte informiert sind. Das Ergebnis fällt deutlich aus: 55 Prozent erklären, über diese Rechte nicht informiert zu sein. Lediglich acht Prozent halten ihr Wissen für ausreichend.
Große Sorge vor Geschlechtskrankheiten
Sexuell übertragbare Infektionen beschäftigen viele junge Menschen. 74 Prozent geben an, sich darüber Sorgen zu machen. Allerdings fehlt es häufig an grundlegenden Kenntnissen über einzelne Infektionen. 61 Prozent fühlen sich über Chlamydien wenig oder überhaupt nicht informiert. Bei Gonorrhö, auch Tripper genannt, beträgt dieser Anteil 60 Prozent. 56 Prozent berichten über unzureichendes Wissen zu Syphilis. Jeweils 50 Prozent fühlen sich bei Genitalherpes sowie Hepatitis B und C nicht ausreichend informiert. Bei humanen Papillomviren (HPV) sind es 39 Prozent, bei HIV 29 Prozent.
Hinzu kommen verbreitete Fehlannahmen über die Schutzwirkung von Verhütungsmethoden. 60 Prozent der Befragten glauben, dass ein Vaginalring vor sexuell übertragbaren Infektionen schützt. 56 Prozent gehen davon aus, dass ein Verhütungspflaster Infektionen verhindern kann. 42 Prozent glauben dies von der Antibabypille. Diese Methoden dienen jedoch der Schwangerschaftsverhütung und bieten keinen Schutz vor HIV oder anderen sexuell übertragbaren Infektionen. Umgekehrt unterschätzen manche Befragte die Wirksamkeit von Kondomen. 20 Prozent sind der Ansicht, dass das Kondom für Männer nicht vor sexuell übertragbaren Infektionen schützt.
Extremes Unwissen bei HIV
Besonders gravierend sind einige Wissenslücken im Zusammenhang mit HIV. 72 Prozent wissen laut der Erhebung nicht, dass andere Verhütungsmethoden als Kondome bei sexuellen Kontakten keinen Schutz vor HIV bieten. 35 Prozent kennen das Übertragungsrisiko bei Bluttransfusionen nicht, 24 Prozent das Risiko beim gemeinsamen Gebrauch von Spritzen. 16 Prozent wissen nicht, dass Geschlechtsverkehr ohne Kondom ein HIV-Übertragungsrisiko mit sich bringen kann. Gleichzeitig halten viele Befragte Übertragungswege für möglich, über die HIV tatsächlich nicht weitergegeben wird. 52 Prozent glauben, Mücken könnten das Virus übertragen. 48 Prozent halten eine Ansteckung auf öffentlichen Toiletten für möglich. 40 Prozent nehmen an, HIV könne durch Niesen oder Husten übertragen werden. 34 Prozent glauben, dass Küssen ein Übertragungsweg sei. Diese Vorstellungen sind medizinisch falsch. HIV wird weder durch Mückenstiche noch durch öffentliche Toiletten, Husten, Niesen oder gewöhnliches Küssen übertragen. Die Studie macht damit deutlich, dass neben der allgemeinen Sexualerziehung auch eine gezielte Aufklärung über HIV und andere sexuell übertragbare Infektionen erforderlich ist.
Keine Lust auf Kondome
Die Mehrheit der befragten jungen Menschen verfügt bereits über sexuelle Erfahrungen. 64 Prozent geben an, schon Geschlechtsverkehr gehabt zu haben. 62 Prozent berichten, vor ihrem 18. Geburtstag Geschlechtsverkehr gehabt zu haben. Unter den sexuell erfahrenen Befragten kennen 97 Prozent das Kondom für Männer und 89 Prozent das Kondom für Frauen. Trotz dieser hohen Bekanntheit werden Kondome vergleichsweise selten konsequent verwendet. Nur 36 Prozent der sexuell erfahrenen jungen Menschen geben an, bei jedem Geschlechtsverkehr ein Kondom zu benutzen. 21 Prozent verwenden Kondome nie oder nur selten. Ein Grund für die unregelmäßige Verwendung von Kondomen sind offenbar auch die Kosten. Jeder zehnte junge Mensch erklärt, nicht immer ein Kondom zu benutzen, weil es zu teuer sei. 70 Prozent der Befragten sind grundsätzlich der Ansicht, dass Verhütungsmittel zu viel kosten. 73 Prozent fordern deshalb, dass Verhütungsmittel für junge Menschen kostenlos angeboten werden sollten.