Die Zahl der dokumentierten rechtsmotivierten Gewalttaten in Niedersachsen ist gestiegen. Nach einer aktuellen Jahresbilanz der Betroffenenberatung Niedersachsen wurden 2025 insgesamt 81 Angriffe erfasst, die einen rechten, rassistischen, antisemitischen oder anderen menschenfeindlichen Hintergrund hatten. Ein Jahr zuvor waren es 68 Fälle gewesen. Das entspricht einem Anstieg um rund 19 Prozent.
Das Wichtigste im Überblick
- Mehr rechte Gewalt: Die Betroffenenberatung Niedersachsen registrierte für 2025 insgesamt 81 rechts, rassistisch, antisemitisch oder anderweitig menschenfeindlich motivierte Angriffe. Im Vorjahr waren es 68.
- Mindestens 107 Opfer: Unter den Betroffenen befanden sich zehn Minderjährige. Die Statistik umfasst auch zwei Tötungsdelikte und eine versuchte Tötung.
- Acht Angriffe auf LGBTIQ+-Menschen: Drei davon standen im Zusammenhang mit CSDs. Weitere Übergriffe ereigneten sich im Wohnumfeld und in alltäglichen Situationen.
- Die Beratungsstelle dokumentierte 31 rassistisch motivierte Angriffe.
- Schwere körperliche Gewalt: Erfasst wurden 32 Körperverletzungen, zehn gefährliche Körperverletzungen sowie 22 Fälle von Nötigung und Bedrohung.
- Die Zahlen beruhen auf der Dokumentation der Betroffenenberatung und sind nicht mit einer vollständigen polizeilichen Statistik sämtlicher Straftaten gleichzusetzen.
Hass auf LGBTIQ+
Mindestens 107 Menschen waren von den registrierten Taten betroffen, darunter zehn Kinder und Jugendliche. Die Beratungsstelle weist darauf hin, dass ihre Zahlen nicht das gesamte Ausmaß rechter Gewalt im Bundesland abbilden. Viele Vorfälle würden der Einrichtung nicht bekannt und könnten deshalb nicht in die Dokumentation aufgenommen werden. Besonders besorgt zeigen sich die Mitarbeiter über die Gewalt gegen Menschen, die aufgrund ihrer sexuellen Orientierung oder geschlechtlichen Identität angefeindet werden. Acht entsprechende Angriffe wurden für 2025 dokumentiert. Auch im Umfeld von Christopher-Street-Day-Veranstaltungen kam es zu Übergriffen.
Zwei Tötungsdelikte
Die Jahresbilanz verdeutlicht, dass rechte und menschenfeindlich motivierte Angriffe teilweise schwerste Folgen haben. Nach der Einordnung der Beratungsstelle gehören zu den dokumentierten Fällen zwei Tötungsdelikte und eine versuchte Tötung. Den größten Anteil der erfassten Vorfälle bildeten körperliche Angriffe. Insgesamt registrierte die Einrichtung 32 Körperverletzungen und zehn gefährliche Körperverletzungen. Damit entfielen 42 der 81 dokumentierten Taten auf diese beiden Kategorien und somit mehr als die Hälfte aller Fälle. Hinzu kamen 22 Nötigungen und Bedrohungen. Die Gewalt beschränkt sich damit nicht auf unmittelbare körperliche Übergriffe. Auch Einschüchterungen und Drohungen können das Leben der Betroffenen erheblich beeinträchtigen. Bei den Tatmotiven stand Rassismus mit 31 dokumentierten Fällen an erster Stelle. Einen weiteren Schwerpunkt bildeten Angriffe auf Menschen, die sich politisch engagieren. In diesem Bereich erfasste die Beratungsstelle 25 Fälle und damit deutlich mehr als zuvor.
Gewalt gegen LGBTIQ+
Ein eigenes Augenmerk richtet die Jahresbilanz auf Angriffe gegen Menschen aus der LGBTIQ+-Community. Für 2025 wurden acht entsprechende Taten dokumentiert. Damit war LGBTIQ+-Feindlichkeit das vierthäufigste Tatmotiv in der Statistik. Drei der acht Angriffe standen im Zusammenhang mit Christopher-Street-Day-Veranstaltungen. Die Bedrohung beschränkte sich nach Angaben der Beratungsstelle allerdings nicht auf solche öffentlichen Veranstaltungen. Auch im eigenen Wohnumfeld und in gewöhnlichen Alltagssituationen wurden Menschen wegen ihrer sexuellen Orientierung oder geschlechtlichen Identität angegriffen oder bedroht. Das betrifft insbesondere Personen, die offen als LGBTIQ+ leben und dadurch für mögliche Täter erkennbar sind.
Als Beispiel führt die Beratungsstelle einen Angriff im Anschluss an den Christopher Street Day in Emden an. Dort wurde ein Teilnehmer der Veranstaltung von einem Jugendlichen ins Gesicht geschlagen. Die Verletzungen waren so schwer, dass der Betroffene im Krankenhaus behandelt werden musste. Besonders schwer wiegt ein weiterer Fall aus Osnabrück, der ebenfalls in der Dokumentation berücksichtigt wird. Dort wurde eine Person von ihrem Mitbewohner erstochen. Nach den vorliegenden Angaben war das Opfer bereits vor der Tat bedroht und schwulenfeindlich beleidigt worden.
„Queerfeindlichkeit“ verbindet
Die Betroffenenberatung sieht in der Entwicklung einen Zusammenhang mit der politischen Mobilisierung gegen sexuelle und geschlechtliche Vielfalt. Pressesprecherin Anna Eschbaum erklärte: „Seit einigen Jahren ist Queerfeindlichkeit zum verbindenden Element der extremen Rechten geworden.“ Nach Einschätzung der Einrichtung trägt die zunehmende Agitation gegen LGBTIQ+-Menschen dazu bei, dass Anfeindungen und Gewalttaten häufiger werden. Besonders Veranstaltungen wie der Christopher Street Day und andere öffentlich sichtbare Zeichen gesellschaftlicher Vielfalt gerieten verstärkt in den Fokus rechter Akteure. Die dokumentierten Fälle verdeutlichen dabei unterschiedliche Formen der Bedrohung. Während einige Menschen bei öffentlichen Veranstaltungen angegriffen werden, erleben andere Einschüchterung oder Gewalt im unmittelbaren persönlichen Umfeld.
Die Folgen menschenfeindlicher Gewalt enden nach Angaben der Beratungsstelle häufig nicht mit dem eigentlichen Angriff. Körperliche Verletzungen können verheilen, während psychische Belastungen und das Gefühl der Unsicherheit über längere Zeit bestehen bleiben. Betroffene berichteten unter anderem von Angst und einem anhaltenden Verlust ihres Sicherheitsgefühls. Das könne dazu führen, dass sie bestimmte Orte meiden, andere Wege zur Arbeit oder nach Hause wählen oder ihr Verhalten in der Öffentlichkeit verändern. Für LGBTIQ+-Menschen kann dies auch bedeuten, dass sie ihre sexuelle Orientierung oder geschlechtliche Identität weniger offen zeigen.
Rund 300 Beratungsgespräche
Neben der Erfassung von Angriffen unterstützt die Betroffenenberatung Niedersachsen Menschen, die menschenfeindlich motivierte Gewalt erfahren haben. Im Jahr 2025 führte die Einrichtung mehr als 300 Beratungsgespräche. Das Angebot richtete sich nicht nur an unmittelbar Betroffene, sondern auch an Angehörige und Zeugen. Projektkoordinatorin Kara Evers fordert, dass Menschen nach einem Angriff möglichst schnell erfahren, welche Unterstützungsangebote ihnen zur Verfügung stehen. Dabei müsse gewährleistet sein, dass Betroffene auch dann Beratung erhalten können, wenn sie sich gegen eine Strafanzeige entscheiden oder noch unsicher sind, ob sie rechtliche Schritte einleiten möchten. Die veröffentlichten Zahlen beruhen auf der eigenen Dokumentation der Betroffenenberatung Niedersachsen. Sie sind daher nicht mit einer vollständigen polizeilichen Statistik sämtlicher Straftaten gleichzusetzen.