Direkt zum Inhalt

Quo vadis Großbritannien Was bedeutet der Regierungswechsel für LGBTIQ+?

Von ms - 23.06.2026 - 10:00 Uhr
Quo vadis Großbritannien
Foto: IMAGO / ZUMA Press Wire
ANZEIGE
Loading audio player...

Der britische Premierminister Keir Starmer hat gestern seinen Rückzug aus dem Amt angekündigt. Aus der Downing Street heraus erklärte er seinen Schritt gegenüber Medienvertretern und begründete ihn mit politischem Druck sowie fehlender Rückendeckung aus der eigenen Partei. Sein möglicher Nachfolger: Andy Burnham. Was könnte das für die LGBTIQ+-Community in Großbritannien bedeuten?

Das Wichtigste im Überblick

  • Keir Starmer hat seinen Rücktritt als britischer Premierminister angekündigt
  • Andy Burnham gilt als wahrscheinlicher Nachfolger und neuer Labour-Anführer
  • Starmer hatte 2024 die Wahl gewonnen nach langer konservativer Regierungszeit
  • Seine Amtszeit ist von kontroversen Debatten über LGBTIQ+-Politik geprägt
  • Burnham wird als progressiver und LGBTIQ+-nah beschrieben

Keir Starmer erklärt Rücktritt 

Labour-Politiker Starmer war erst vor knapp zwei Jahren nach einer langen Regierungszeit der Konservativen ins Amt gekommen. In der Folge der Brexit-Ära gilt er als sechster britischer Premierminister, der sein Amt vorzeitig verliert. „Ich verlasse den wichtigsten Job der Welt, aber jetzt wartet die schönste Aufgabe auf mich: Ehemann der Frau, die ich liebe, und ein liebevoller Vater meiner Kinder zu sein. Es war die Ehre meines Lebens, in die Downing Street einzuziehen. Wir haben ein Land in großer Notlage geerbt und versucht, Veränderung zu bewirken (…) Die Partei glaubt nicht mehr an mich und ich trete deswegen zurück“, so Starmer gestern. Der rechte Politiker Nigel Farage forderte umgehend Neuwahlen. 

Rohrkrepierer für die Community?

Die Community blickt indes mit gemischten Gefühlen auf die Amtszeit von Starmer – zu Beginn hatten LGBTIQ+-Menschen viel Hoffnung in den Labour-Mann gesetzt. Einerseits setzte er ein neues Gesetz um, dass Hassverbrechen gegen LGBTIQ+-Personen rechtlich mit rassistischen Hassverbrechen gleichsetzte und dadurch schärfere Strafen ermöglichte, andererseits versprach er eine mögliche Selbstidentifikation für trans* Personen, die nicht umgesetzt wurde. Später bekräftigte er, dass trans* Frauen kein Recht hätten, Frauenräume zu nutzen: „Deshalb habe ich immer gesagt, dass Räume für biologische Frauen geschützt werden müssen““, so Starmer. 

Nach dem Urteil des britischen Supreme Court im April 2025, das die Definition von „Frau“ im Equality Act auf „biologische Frau“ festlegte, erklärte Starmer, er halte trans* Frauen nicht für Frauen: „Das Urteil des Supreme Court hat klargestellt, dass im Rahmen des Equality Act eine Frau eine biologische Frau ist.“ Im Februar 2026 schränkte die Regierung dann die Verschreibung von Pubertätsblockern für minderjährige trans* Menschen vollständig ein. Zudem: Ein angekündigtes Verbot von Konversionstherapien wurde in seiner Amtszeit nicht umgesetzt, er scheiterte daran wie seine zahlreichen Vorgänger. Als Premierminister änderte er zudem seine frühere Meinung zu LGBTIQ+-inklusiver Bildung an Schulen und erklärte: „Ich bin nicht dafür, dass in unseren Schulen Ideologie über Geschlecht gelehrt wird.“

Hoffnungsträger Burnham? 

Starmer bleibt noch Premierminister, bis eine neue Führung bestimmt ist; die Nominierungen sollen am 9. Juli beginnen. Als wahrscheinlicher Nachfolger Starmers innerhalb der Labour-Partei wird Andy Burnham gehandelt, bisheriger Bürgermeister von Manchester. Der 56-Jährige stammt aus Liverpool und ist seit 2001 in der Politik aktiv. Zuvor war er unter anderem Schatzkanzler, Kulturminister und Gesundheitsminister. Seit 2017 ist er Bürgermeister von Greater Manchester und wurde mehrfach deutlich wiedergewählt.

Burnham wird als politisch progressiver beschrieben und hat sich wiederholt für LGBTIQ+-Rechte eingesetzt. Er entschuldigte sich für frühere Diskriminierungen durch die Polizei von Greater Manchester und sprach von „inakzeptabler Diskriminierung“ sowie „Leid und Schmerz“, die entstanden seien. Er unterstützte früh die Einführung der Ehe für alle und sprach sich 2022 dafür aus, dass trans* Frauen Zugang zu Frauenräumen haben sollten. Nach einem Urteil des Supreme Court passte er seine Position an und betonte die Notwendigkeit, sowohl Schutzräume zu erhalten als auch die trans* Community nicht zu marginalisieren. Zudem kündigte er ebenso an, Konversionstherapien zu bekämpfen und Organisationen, die diese unterstützen, keine öffentlichen Gelder zur Verfügung zu stellen.

Bereits früh als junger Politiker stimmte Burnham bei nahezu allen LGBTIQ+-relevanten Gesetzesvorhaben dafür, darunter auch die Aufhebung von Section 28, das Civil Partnership Act 2004, das Verbot von Diskriminierung aufgrund der sexuellen Orientierung beim Anbieten von Waren und Dienstleistungen 2007, die Einführung von In-vitro-Fertilisations-Rechten für lesbische Paare 2008 sowie die Einführung der gleichgeschlechtlichen Ehe 2013. Er unterstützte zudem 2015 eine Überprüfung der Regeln zur Blutspende durch schwule Männer und sagte, „Sexualität sollte wirklich nicht das Thema sein“. Stattdessen sollte das Kriterium ein „riskanter Lebensstil“ sein, unabhängig von der sexuellen Orientierung. Während seiner Zeit als Bürgermeister von Greater Manchester ernannte er 2018 Carl Austin-Behan, der wegen seiner Homosexualität aus der RAF entlassen worden war, zum LGBTIQ+-Berater der Stadt. Im selben Jahr startete er das LGBTIQ+-Gleichstellungsgremium für Greater Manchester. 

Anzeige
ANZEIGE

QUEERE PRESSESCHAU

tazHomosexualität im japanischen Sport: Rui Takahashi macht den ganz mutigen AufschlagtazNeue ZDF-Serie: Das Geisterhaus im SchwarzwaldhessenschauTanzen gegen die Einsamkeit: Ein Ort, an dem sich queere Menschen nicht erklären müssenBerliner MorgenpostDie Sehnsucht im Italien der bleiernen Jahre: „Buch der Träume“Alle Meldungen ansehen
ANZEIGE

Umfrage der Woche

Sollte die geplante automatische Weitergabe sensibler Daten in Baden-Württemberg verhindert werden?

Choices
Artikel zur Umfrage lesen
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE

Auch Interessant

Frankreich verbietet Dickpics

Hohe Strafen für Penisfotos

Frankreich will ungefragt verschickte Penisfotos unter Strafe stellen. Schon ein einziges Bild könnte künftig 15.000 Euro kosten, auch bei Dating-Apps
Schuluniformen in Pornos

Verbot in Großbritannien gefordert

In England wird über eine Petition debattiert, die Schuluniformen aus Pornofilmen verbannen und damit Jugendliche vor Sexualisierung schützen soll.
Justin Lui zieht Bilanz

Schwuler Olympionike hört auf

Der offen schwule Volleyball-Olympionike Justin Lui beendet seine Nationalmannschaftskarriere und blickt stolz auf sein Coming-Out zurück.
Coming-Out im Wandel

Schwul sein ohne Versteckspiel

Zwischen Angst und Selbstverständlichkeit: Das Coming-Out schwuler Männer hat sich in 30 Jahren grundlegend verändert.
Krise unter US-Jugendlichen

Queere Jugendliche ohne Zuhause

Junge LGBTIQ+-Menschen in den USA sind mehr als doppelt so häufig von Wohnungslosigkeit betroffen. Experten fordern jetzt bessere Hilfen.
Nackt durch Vice City

GTA 6 zeigt nackten Helden

Ein neuer GTA-6-Leak zeigt Hauptfigur Jason völlig nackt in Vice City. Rockstar bestätigt jetzt Nacktszenen für das kommende Spiel.
Heiratsantrag am Leuchtturm

Schwule Volleyballstars sagen Ja

Die schwulen Beachvolleyballer Tim Brewster und Kyle Friend haben sich verlobt. Der Heiratsantrag fand an einem Leuchtturm in Maine statt.
Gen Z altert schneller

Studie zeigt beschleunigtes Altern

Neue Studien deuten darauf hin, dass die queer-affine Gen-Z biologisch schneller altert. Die Hintergründe dafür sind noch nicht final erklärt.
Proteste gegen Harry Potter

Aktion gegen Lichter-Show in London

Aktivisten fordern ein Verbot der Harry-Potter-Weihnachtsbeleuchtung in London. Grund ist die Kritik an J. K. Rowlings Haltung zu trans* Rechten.