Direkt zum Inhalt

Queere Vielfalt im Tierreich Queere Tierwelt: Warum manche Widder Männchen bevorzugen

Von tb - 10.10.2026 - 19:30 Uhr
Ein Dickhornschaf-Widder vor Bergen und Nadelbäumen – Symbolbild
Foto: iStock / CHENG FENG CHIANG
ANZEIGE
Loading audio player...

Widder, die andere Männchen bevorzugen, sind kein zoologischer Mythos. Forschende haben bei einem Teil der männlichen Hausschafe eine dauerhafte gleichgeschlechtliche Partnerpräferenz beobachtet. Der oft genannte Anteil von rund acht Prozent entspricht ungefähr jedem zwölften Tier – ist aber keine exakte Quote für alle Schafherden. Der Befund gehört zu einer viel größeren Vielfalt sexuellen Verhaltens im Tierreich.

Das Wichtigste im Überblick

  • Bei untersuchten Widderpopulationen wird ein Anteil von bis zu rund acht Prozent mit gleichgeschlechtlicher Partnerpräferenz beschrieben.
  • Gleichgeschlechtliches Sexualverhalten wurde bei mehr als 1.500 Tierarten berichtet.
  • Verhalten, dauerhafte Präferenz und menschliche sexuelle Identität sind unterschiedliche Kategorien.
  • Die Forschung untersucht auch soziale Funktionen wie Bindung und Konfliktminderung.

Was bei Schafen beobachtet wurde

Die Studie von Surajit Bhattacharya und Kollegen in PLOS One aus dem Jahr 2022 beschreibt Hausschafe als wichtiges Modell für die Erforschung sexueller Partnerpräferenzen. Manche Widder richten ihr sexuelles Verhalten auch bei verfügbaren Weibchen beständig auf andere Männchen. Das unterscheidet die Beobachtung von einem einzelnen gleichgeschlechtlichen Kontakt.

Das Team untersuchte außerdem Unterschiede in der DNA-Methylierung und Genaktivität im Hypothalamus, einem Bereich des Gehirns, zwischen männchen- und weibchenorientierten Widdern. Es fand Unterschiede, betonte aber, dass künftige Arbeiten die konkreten Mechanismen klären müssten. Aus diesen Ergebnissen lässt sich keine einfache Erklärung menschlicher Homosexualität ableiten.

Viel mehr als ein Verhalten in Gefangenschaft

Eine Untersuchung in Nature Communications aus dem Jahr 2023 sammelte Nachweise für gleichgeschlechtliches Sexualverhalten bei 261 Säugetierarten. Dazu zählten Balz, Aufreiten, Genitalkontakte und Paarbindungen. Die Autoren verweisen zudem auf Berichte zu mehr als 1.500 Arten über die verschiedenen Tiergruppen hinweg.

Bei vielen Säugetierarten der Auswertung gab es Beobachtungen in freier Wildbahn oder unter halbwilden Bedingungen. Das Verhalten ist also nicht allein eine Folge von Zoohaltung. Zugleich warnt das Forschungsteam vor unvollständigen Daten: Nicht alle Arten werden gleich intensiv beobachtet. Fehlende Berichte bedeuten deshalb nicht automatisch, dass ein Verhalten bei einer Art fehlt.

Was soziale Bindungen damit zu tun haben

Die vergleichende Analyse deutet darauf hin, dass gleichgeschlechtliches Sexualverhalten bei manchen Säugetieren soziale Beziehungen stabilisieren und Konflikte mindern könnte. Das ist ein Erklärungsansatz für evolutionäre Zusammenhänge, keine einheitliche Antwort für sämtliche Arten und jede einzelne Begegnung.

Wie breit das Spektrum beobachteter Verhaltensweisen ist, zeigt auch unser Überblick zu gleichgeschlechtlicher Liebe im Tierreich. Zu Forschung über Primaten hat SCHWULISSIMO im Beitrag über neue Ergebnisse aus Großbritannien berichtet.

Ein Widder hat kein menschliches Identitätslabel

Wenn von „schwulen Schafen“ oder einer „queeren Tierwelt“ die Rede ist, sind das anschauliche menschliche Begriffe. Wissenschaftlich muss genauer unterschieden werden: Ein beobachteter Kontakt ist etwas anderes als eine über längere Zeit erkennbare Partnerpräferenz. Beides ist wiederum nicht mit einer selbst beschriebenen sexuellen Identität gleichzusetzen.

Der Blick auf Tiere widerlegt die Vorstellung, gleichgeschlechtliches Verhalten komme in der Natur nicht vor. Über die Rechte von Menschen entscheidet er jedoch nicht. Akzeptanz darf nicht davon abhängen, ob sich für jede menschliche Lebensweise ein tierisches Gegenstück findet. Die Tierwelt liefert vor allem einen Befund: Sexualverhalten ist vielfältiger, als eine ausschließlich auf Fortpflanzung verengte Betrachtung vermuten lässt.

Anzeige

Auch Interessant

Ältere Brüder, schwule Söhne?

Was die Forschung wirklich zeigt

Ältere Brüder und schwule Söhne: Studien finden Zusammenhänge. Doch die Ursache ist nicht bewiesen – und die Statistik bleibt umstritten.
Dresden holt den EuroPride

Rückkehr nach 25 Jahren

Dresden richtet den EuroPride 2029 aus. Nach 25 Jahren kehrt das europäische Pride-Event nach Deutschland zurück. Das Motto setzt auf Brücken.
Streit um Pornoseiten

Sperren vorerst gestoppt

Pornhub und YouPorn müssen vorerst nicht gesperrt werden. Das OVG NRW verweist auf EU-Recht. Der Streit um wirksamen Jugendschutz geht weiter.
Empörung auf Bestellung

Ragebait ist Jugendwort 2026

„Ragebait“ ist das Jugendwort 2026. Was der Begriff bedeutet, warum Provokation Reichweite bringt und was die LGBTIQ+-Community daraus lernen kann.
Warnung von Andrew Scott

Kein Vergessen der Aids-Krise

Der schwule Schauspieler Andrew Scott fordert, die Aids-Krise nicht zu vergessen. Sein neuer Film „Elsinore“ erinnert an jene Zeit.
Schwuler Politiker wehrt sich

BDSM-Fotos sorgen für Wirbel

Alte BDSM-Fotos bringen den schwulen US-Politiker Chris Gallant in die Schlagzeilen. Doch der Kongresskandidat denkt nicht an Rückzug.
Coming-Out bleibt ein Tabu

Schwule Profis schweigen weiter

Thomas Hitzlsperger sieht kleine Fortschritte gegen Homophobie im Fußball. Doch viele schwule Profis fürchten ein Coming-Out selbst nach Karriereende.
Schutz für queere Jugendliche

Mamdani finanziert trans* Medizin

New York stellt neun Millionen Dollar für die Behandlung trans* Jugendlicher bereit, nachdem mehrere Kliniken ihre Angebote eingestellt haben.
Queere Jugendliche in Wien

Mehr Angst vor Anfeindungen

Anfeindungen und Gewalt belasten queere Jugendliche in Wien zunehmend. Experten warnen vor psychischen Folgen und fordern bessere Hilfsangebote.