Polizeigewalt und Folter in Pakistan Folter von queeren Menschen ist nicht illegal
Es ist unfassbar mutig, was eine Gruppe von trans-Frauen in diesen Tagen in Pakistan macht. Die queeren Menschen wollen gemeinsam gegen Polizeigewalt, Folter und Demütigung vorgehen. Seit dem Jahr 2018 gibt es zwar ein Gesetz zum Schutz der Rechte von trans-Personen, die Lebensrealität ist für die meisten transsexuellen Menschen vor Ort aber eine andere. So gibt es beispielsweise in Pakistan keine Bürgerrechtsgesetze, die eine Diskriminierung, eine Belästigung aufgrund der sexuellen Ausrichtung oder sogar Folter explizit verbieten würden. Noch immer sind gerade trans-Frauen eine Art von „Freiwild“, insbesondere auch für die Polizei.
Eine von ihnen ist die trans-Frau Neeli Rana, die jetzt gegenüber der Deutschen Welle über ihre Erfahrungen berichtete. Immer wieder erleben so trans-Frauen in Pakistan, wie Polizisten sie mit Metallstangen, Schlagstöcken oder Ledergürteln angreifen und sie sexuell misshandeln. Die trans-Community fühle sich dabei in besonderem Maße verletzt und schutzlos, wenn diese Angriffe gerade von Polizisten kommen, die sie eigentlich beschützen sollten, so Rana. Erst vor wenigen Tagen erlebte die trans-Frau, wie eine trans-Freundin von ihr drangsaliert wurde.
Ein Polizist zerrte sie an den Haaren aus einer Rikscha und schlug brutal auf sie ein. Die trans-Frau erlitt massive Verletzungen im Nacken und an den Armen. Selbst als ihre Freundin blutend am Boden lag, ließ der Polizist noch nicht von ihr ab, sondern schrie sie weiter an, sie möge um Vergebung betteln. Am Ende zwang er sie dazu, ein Dokument zu unterschreiben, in dem die trans-Frau den Beamten von jeder Schuld befreit. Auf offizielle Nachfrage bestreitet die Polizei alle Vorwürfe rigoros und verweist auf die Überwachungskameras in den Polizeistationen, die als Schutzmaßnahme unangepasstes Verhalten festhalten würden – auf der Straße helfen solche Kameras natürlich wenig.
Nebst der weit verbreiteten Ablehnung von LGBTI*-Menschen zumeist aus religiösen Gründen, wird die Situation auch zudem durch die Tatsache verschärft, dass es kein Gesetz gegen Folter gibt. Dem Parlament liegen zwar aktuell zwei Gesetzentwürfe vor, die dies ändern sollen, doch bis jetzt haben sich die Abgeordneten noch nicht damit befasst. Die trans-Community in Pakistan will nicht solange warten, bis endlich etwas geschieht und kämpft jetzt aktiv selbst gegen Folter. Unterstützung bekommen die trans-Frauen dabei von der Rechtshilfeorganisation Justice Project Pakistan. Geschäftsführerin Sarah Belal dazu:
„Die Erfahrung hat gezeigt, dass man einen besonderen Rahmen braucht, um Beamte, die sich einer Straftat wie der Folter schuldig gemacht haben, zur Rechenschaft zu ziehen. Dafür kann man sie nicht innerhalb des bestehenden Rechtsrahmens belangen. In Pakistan haben wir bereits verschiedene Experimente diesbezüglich unternommen. Anfang der 2000er Jahre haben wir eine Polizeireform durchgesetzt, durch die mehrere Kommissionen für öffentliche Sicherheit und eine Reihe anderer Dinge eingerichtet wurden. Das Ergebnis ist aber leider trotzdem, dass das ganze System gescheitert ist. Es hat niemanden vor Gericht gebracht, es hat niemanden verurteilt. Es hat komplett versagt dabei, Opfer und Zeugen zu schützen.”
Pakistan hat zwar ein "drittes" Geschlecht zur Identifizierung von trans-Personen eingeführt und seit 2017 gibt es auch den ersten offiziell registrierten trans-Mann in der Geschichte des Landes, aber die alltägliche Realität sieht für die meisten trans-Personen trotzdem nicht rosig aus. Immer wieder kommt es zu Vergewaltigungen und auch Tötungen, einzelne Provinzen verzeichnen fast 500 Übergriffe auf trans-Frauen jedes Jahr.
Ein Stück weit noch dramatischer ist die Situation für homosexuelle Männer. Das pakistanische Strafgesetzbuch von 1860 bestraft gleichgeschlechtlichen Sex mit einer lebenslangen Gefängnisstrafe. Queere und besonders schwule Männer werden in der Gesellschaft stark stigmatisiert, verfolgt und zumeist ohne weitere Strafverfolgung auch ermordet – der Hass lässt sich dabei fast immer auf religiöse Überzeugungen zurückführen. Ein queeres Leben kann, wenn überhaupt, nur im Geheimen stattfinden.