In Baden-Württemberg beobachten Sicherheitsbehörden eine Entwicklung innerhalb der rechtsextremen Jugendszene: Jugendliche ukrainischer Herkunft schließen sich zunehmend zu neonazistischen Gruppen zusammen und suchen Kontakte zu bereits bestehenden extremistischen Netzwerken. Besonders auffällig ist nach Erkenntnissen des Landesamts für Verfassungsschutz (LfV) ihre ausgeprägte Feindseligkeit gegenüber homosexuellen und queeren Menschen.
Das Wichtigste im Überblick
- Neue rechtsextreme Netzwerke: Der Verfassungsschutz beobachtet in Baden-Württemberg eine zunehmende Vernetzung ukrainischstämmiger Jugendlicher mit deutschen Neonazis und anderen extremistischen Gruppen.
- Homophobie als gemeinsames Feindbild: Nach Erkenntnissen der Sicherheitsbehörden verbindet die Gruppen insbesondere eine „extrem ausgeprägte Homophobie“.
- Erhebliche Gewaltbereitschaft: Das Landesamt für Verfassungsschutz stuft die Gruppierungen als „enorm gewalttätig“ ein.
- Brutaler Angriff in Eislingen: Im Mai 2025 sollen zwei Neonazis einen jungen Mann verfolgt und mit einem Schlagring am Kopf verletzt haben.
- Queere Einrichtungen betroffen: In einem Jugendhaus in Nürtingen wurden wiederholt Hakenkreuze geschmiert und Ankündigungen für queere Veranstaltungen entfernt.
Organisierte Gruppen
Die Gruppierungen gelten als ausgesprochen gewaltbereit. In einer Antwort der Landesregierung auf eine Große Anfrage der SPD-Landtagsfraktion beschreibt der Verfassungsschutz sie als „enorm gewalttätig“. Die Sicherheitsbehörde sieht inzwischen landesweit ein „signifikantes Personenpotenzial ukrainestämmiger rechtsextremistischer Jugendlicher“. Die Jugendlichen treten demnach nicht ausschließlich als Einzelpersonen auf, sondern organisieren sich in Gruppen, verwenden nationalsozialistische Parolen und pflegen Kontakte über ihre unmittelbare Umgebung hinaus. Dabei entstehen Verbindungen sowohl zu deutschen Rechtsextremen als auch zu extremistischen Angehörigen anderer migrantischer Milieus. Über die Entwicklung berichtete die Stuttgarter Zeitung nach eigenen Recherchen.
Hass auf Homosexuelle
Eine wesentliche Gemeinsamkeit der Gruppen ist nach Einschätzung des Verfassungsschutzes ihre Ablehnung von LGBTIQ+ Menschen, insbesondere von Homosexuellen. Die Landesregierung verweist in ihrer Antwort auf gemeinsame Feindbilder, die eine Zusammenarbeit unterschiedlicher rechtsextremer Milieus erleichtern. Neben klassischen neonazistischen Überzeugungen spiele dabei eine „extrem ausgeprägte Homophobie“ eine besondere Rolle. Die Sicherheitsbehörde bezeichnet jene Feindlichkeit gegenüber LGBTIQ+ als „Brückennarrativ“ moderner neonazistischer Gruppierungen. Gemeint ist eine gemeinsame ideologische Grundlage.
Die ukrainische Soziologin Hanna Hrytsenko vom Zentrum Liberale Moderne sieht darin eine Fortsetzung bereits länger bestehender Entwicklungen. Rechtsextreme Gruppierungen in der Ukraine hätten sich schon vor Beginn des russischen Angriffskriegs insbesondere gegen homosexuelle und queere Menschen, feministische Initiativen und Roma gerichtet. Solche Feindbilder könnten auch nach einer Migration nach Deutschland bestehen bleiben und die Annäherung an hiesige rechtsextreme Strukturen begünstigen.
Störaktionen bei CSDs
Die zunehmende Bedeutung von Queerfeindlichkeit zeigt sich auch bei öffentlichen Veranstaltungen der LGBTIQ+ Community. Rechtsextreme Jugendgruppen versuchen immer wieder, Christopher Street Days (CSD) zu stören, Teilnehmer einzuschüchtern oder ihre Präsenz durch gezielte Provokationen zu demonstrieren. Nach den Ergebnissen einer kürzlich veröffentlichten Studie waren in Deutschland im Jahr 2026 mehr als die Hälfte der Pride-Veranstaltungen von Störungen betroffen, darunter wurden neben Rechtsextremen aber auch anderweitige Gruppen als Täter, auch aus dem islamistischen Sektor, genannt. Für die Sicherheitsbehörden sind solche Aktionen ein Hinweis darauf, dass die Ablehnung sexueller und geschlechtlicher Vielfalt innerhalb der rechtsextremen Szene zunehmend als gemeinsames Mobilisierungsthema genutzt wird.
Angriff mit Schlagring
Wie gefährlich das Auftreten einzelner Gruppierungen werden kann, zeigt ein Vorfall aus dem Mai 2025 in Eislingen im Landkreis Göppingen. Nach Recherchen der Stuttgarter Zeitung verfolgten damals zwei Männer aus einer vierköpfigen, nicht deutschsprachigen Neonazi-Gruppe einen jungen Mann, nachdem dieser einen Zug verlassen hatte. Die Angreifer sollen ihr Opfer bedrängt und gefragt haben, ob es der Antifa angehöre. Anschließend schlugen sie dem jungen Mann mit einem Schlagring gegen den Kopf. Die Täter flüchteten den Angaben zufolge unter „Heil Hitler“-Rufen. Das Opfer erlitt eine stark blutende Platzwunde und musste in einer Notaufnahme behandelt werden. Nach den Recherchen sind rechtsextreme ukrainische Jugendliche insbesondere in den Landkreisen Göppingen und Esslingen seit einiger Zeit verstärkt im öffentlichen Raum zu beobachten.
Provokationen im Jugendhaus
Neben Angriffen im öffentlichen Raum geraten auch Einrichtungen in den Fokus, die sich ausdrücklich für Vielfalt und den Schutz queerer Jugendlicher einsetzen. Ein Beispiel ist das Jugendhaus am Bahnhof (JaB) in Nürtingen im Landkreis Esslingen. Die Einrichtung versteht sich als queerfreundlicher Schutzraum. Seit rund neun Monaten besucht dort nach Angaben der Verantwortlichen regelmäßig eine Gruppe ukrainischer Jugendlicher mit rechtsradikalen Einstellungen das Haus. Einrichtungsleiterin Marina Bahnmüller berichtet von wiederholten Vorfällen, bei denen nationalsozialistische Symbole und queerfeindliche Verhaltensweisen eine Rolle spielten. Nach den Beobachtungen der Mitarbeiter zeigen einzelne Jugendliche ihre politische Orientierung auch durch Kleidung und Musik. Hinzu kommen queerfeindliche Äußerungen, die nach Angaben der Einrichtungsleitung wiederholt zu Problemen führen. Trotz der Vorfälle setzt das Jugendhaus in Nürtingen seine sozialpädagogische Arbeit mit den Jugendlichen fort.