Misshandlungen in Italien Landesweite Debatte über Eltern, die ihre queere Tochter misshandelten
Eine junge trans* Frau hat in Turin Anzeige gegen ihre Eltern erstattet. Laut Anklage soll sie über Jahre hinweg körperlicher und psychischer Gewalt ausgesetzt gewesen sein. Die Betroffene, heute Anfang 20, berichtete, dass die Misshandlungen bereits im Alter von 13 Jahren begonnen hätten. Sie hat das Elternhaus inzwischen verlassen und ist in einer Einrichtung einer lokalen queeren Organisation untergekommen.
Misshandlungen seit dem 13. Lebensjahr
Die junge Frau schilderte den Vorfall bei der Polizei bereits im August 2025, nachdem sie vier Monate von der Familie getrennt gelebt hatte, publik wurde der Fall allerdings erst jetzt und sorgt derzeit landesweit für Schlagzeilen. Sie erklärte: „Ich bin hier, weil meine Familie meine Geschlechtsidentität und sexuelle Orientierung nie akzeptiert hat. Seit Jahren werde ich misshandelt. Als es begann, war ich erst 13 Jahre alt.“ Sie habe ihre Identität bereits in jungen Jahren erkannt: „Meine Mutter hat alles selbst herausgefunden, ohne dass ich ihr etwas gesagt habe. Ich fühlte mich nicht wie ein gewöhnlicher Junge.“
Der erste Vorfall ereignete sich, als die Mutter Inhalte zum Thema Trans online entdeckte. Die junge Frau berichtete: „Ich war im Zimmer und schaute ein Video mit einer trans* Frau und einem Mann. Meine Mutter sah mich dabei, packte mich und setzte mich ins Auto.“ Sie erzählte weiter, dass ihre Mutter sie in gefährliche Gegenden der Stadt brachte und sagte: „Hier wird dich jemand vergewaltigen.“
Ständige Überwachung
Die junge Frau berichtete auch von ständiger Überwachung: „Meine Mutter kam nachts heimlich in mein Zimmer und nahm mein Handy. Sie überwachte, was ich schrieb, die Chats, Videos, Social Media.“ Während der Pandemie habe die erzwungene enge Familiensituation die Lage noch einmal verschärft. „Mein Vater sagte, ich solle mein T-Shirt ausziehen, um Sonne zu tanken. Ich weigerte mich. Mit einem Besenstiel schlug er auf meinen Rücken, bis Blut floss.“ Wiederholt habe sie auch verbale Gewalt erfahren: „Er sagte: ‚Du bist das Unglück unserer Familie‘. Die Misshandlungen waren unerträglich. Ich hielt nur wegen meiner Geschwister durch.“
Hilfe erhielt sie schlussendlich über die Schule und eine Therapeutin, später durch die Organisation Quore in Turin, die ihr Unterkunft und psychologische Unterstützung bot. „Ich lebe seit vier Monaten dort und fühle mich wiederhergestellt“, erklärte sie inzwischen. Auch nach dem Wegzug setzten die Eltern die junge Frau allerdings weiter unter Druck. Die Mutter habe die Schutzeinrichtung betreten und gedroht, ihr die Meldeadresse zu entziehen, wodurch sie die medizinische Versorgung verlieren könnte.
Möglicher Prozess gegen die Eltern
Gegen die Eltern, heute 53 und 44 Jahre alt, wurde jetzt Klage eingereicht, die zuständige Staatsanwältin Delia Boschetto erklärte im Rahmen der Anklageschrift, dass die Eltern „in gemeinsamer Tat, durch gewohnheitsmäßige körperliche und psychische Gewalt, ihre Tochter misshandelten und in ihr einen Zustand psychophysischer Demütigung und Angst um die eigene körperliche Unversehrtheit erzeugten“. Zudem hätten die Eltern „ihre sexuelle Orientierung und den Wunsch nach einer geschlechtsangleichenden Transition nicht akzeptiert und sie seit ihrem 13. Lebensjahr schikaniert und diskriminiert“, bis sie im April 2025 gezwungen wurde, das Zuhause zu verlassen. Die Eltern bestreiten die Vorwürfe. Ihre Anwältin Beatrice Manera erklärte, sie hätten ihr Kind nie misshandelt. Die Eltern verwenden bis heute die männliche Anrede für ihre trans* Tochter.
Die Anwältin und Aktivistin Roberta Parigiani, Präsidentin des Movimento Identità Trans (MIT), sagte: „An alle, die uns bis gestern zugerufen haben ‚Hände weg von den Kindern‘: Fangt ihr an, eure Hände von uns zu lassen. In Italien gibt es bis heute kein Gesetz gegen transphobe Hassdelikte und Konversionstherapien sind nicht verboten. Dürfen wir wütend sein, oder nennt ihr uns weiterhin radikal und extremistisch?“