Angesichts zunehmender Anfeindungen und gesetzlicher Einschränkungen gegenüber LGBTIQ+-Menschen weltweit wollen Wikipedia-Autoren die Dokumentation queerer und homosexueller Geschichte stärken. Mehr als 150 Menschen aus rund 30 Ländern haben sich dazu jetzt im kanadischen Montreal getroffen.
Das Wichtigste im Überblick
- Internationale Konferenz: Mehr als 150 Menschen aus mindestens 30 Ländern kamen in Montreal zur ersten internationalen Präsenzkonferenz „Queering Wiki“ zusammen.
- Schutz vor Auslöschung: Die Teilnehmer wollen verhindern, dass LGBTIQ+-Geschichte und -Kultur angesichts zunehmender Diskriminierung aus digitalen Wissensquellen verschwinden.
- Risiken für Autoren: In einigen Ländern können Menschen durch die Veröffentlichung von Informationen über LGBTIQ+-Themen rechtliche und persönliche Konsequenzen drohen.
- Künstliche Intelligenz: Fehlende oder falsche Informationen auf Wikipedia können sich auch auf KI-Systeme auswirken.
- Weitere Pläne: Wikimedia LGBT+ strebt die Anerkennung als gemeinnützige Organisation an und plant für 2028 eine weitere Konferenz.
Zunehmende Repressionen
Die erste internationale Präsenzkonferenz „Queering Wiki“ stand unter dem Motto „Wissen ohne Grenzen: Queere Geschichte und queere Zukunft“. Organisiert wurde die Veranstaltung von Wikimedia LGBT+ und Wikimedia Canada. Unter den Teilnehmern waren Wikipedia-Autoren, ehrenamtliche Redakteure, Aktivisten, Wissenschaftler und Bibliothekare. Gemeinsam diskutierten sie darüber, wie die weltweit größte frei zugängliche Wissensplattform die Geschichte, Kultur und Lebensrealitäten von LGBTIQ+-Menschen besser dokumentieren kann. Ziel sei es, die Darstellung dieser Themen langfristig zu stärken, erklärten die Veranstalter in einer Pressemitteilung. Hintergrund der Konferenz ist die weltweit zunehmende Ablehnung von LGBTIQ+-Menschen. In verschiedenen Ländern werden ihre Rechte eingeschränkt oder gleichgeschlechtliche Beziehungen und bestimmte Formen geschlechtlicher Identität kriminalisiert. Diese Entwicklung beeinflusst nach Einschätzung der Organisatoren auch, welche Informationen über LGBTIQ+-Menschen öffentlich zugänglich sind.
Wichtige Zusammenkunft
Bisi Alimi, Geschäftsführer von Wikimedia LGBT+, bezeichnete die internationale Zusammenkunft deshalb als besonders wichtig. „An diesem Punkt in der Geschichte des offenen und freien Wissens war ein Treffen queerer Wikimedia-Mitwirkender nicht nur wichtig, sondern notwendig“, erklärte Alimi. Für zahlreiche Teilnehmer sei die Arbeit an Wikipedia-Artikeln über ihre eigenen Gemeinschaften keineswegs ungefährlich. „Für viele Mitwirkende, die nach Montreal gereist sind, ist das Bearbeiten von Wikipedia-Artikeln über ihre eigenen Gemeinschaften nicht einfach nur ein Akt der Dokumentation. In ihren Heimatländern kann dies mit echten rechtlichen und persönlichen Risiken verbunden sein“, sagte Alimi. Gerade deshalb komme einer sachlichen und verantwortungsvollen Berichterstattung über LGBTIQ+-Themen eine besondere Bedeutung zu. „Als Organisatoren dieser wichtigen Konferenz stellen wir fest, dass eine korrekte, neutrale und sicherheitsbewusste Darstellung von LGBTIQ+-Themen auf Wikipedia zunehmend eine der wenigen Möglichkeiten ist, die Geschichte mancher Gemeinschaften überhaupt zu bewahren.“
Fehlende Informationen und KI
Ein weiteres Thema der Konferenz war der Einfluss von Wikipedia auf die Entwicklung künstlicher Intelligenz. Bridgit Kurgat, bei der Wikimedia Foundation für Geschlechterfragen zuständig, warnte davor, dass KI-Systeme bereits heute mit unvollständigen oder fehlerhaften Informationen über LGBTIQ+-Menschen trainiert würden. Da Wikipedia zu den wichtigen Wissensquellen für KI-Anwendungen gehöre, könnten sich bestehende Informationslücken auf zukünftige Technologien übertragen. „Wikipedia ist eine grundlegende Wissensquelle für künstliche Intelligenz“, erklärte Kurgat. „Wenn queere Geschichte und Erfahrungen auf den Seiten von Wikipedia fehlen, werden diese Lücken in die KI-Systeme übernommen, die daraus lernen. Dadurch erhalten künftige Generationen ein unvollständiges Bild unserer Welt.“ Die Konferenz habe deshalb auch dazu gedient, gemeinsam nach Lösungen für eine umfassendere Dokumentation zu suchen. „Die Queering-Wiki-Konferenz war ein entscheidender Moment, bei dem Mitwirkende zusammenkamen, um über diese wichtige Herausforderung zu sprechen und darüber zu beraten, wie wir eine inklusivere Dokumentation unserer gemeinsamen Geschichte schaffen können“, sagte Kurgat.
LGBTIQ+-Geschichte dokumentieren
Wie wichtig die Arbeit aus Sicht der Beteiligten ist, schilderte auch eine jener Aktivistinnen, die direkt an Artikeln bei Wikipedia arbeitet. Sie betonte, dass LGBTIQ+-Menschen selbst Verantwortung dafür übernehmen müssten, ihre Geschichte für kommende Generationen festzuhalten. „Wir sitzen alle im selben Boot. Und wir müssen unsere Herausforderungen dokumentieren.“ Alimi verwies zudem insbesondere auf die Entwicklungen in den Vereinigten Staaten. Dort haben Verbote bestimmter Bücher und gesetzliche Einschränkungen von LGBTIQ+-Inhalten im Schulunterricht die Debatte über den Zugang zu Informationen verschärft. Vor diesem Hintergrund sei es besonders wichtig, historische Ereignisse, gesellschaftliche Entwicklungen und persönliche Erfahrungen weiterhin öffentlich zugänglich zu machen.
Raum für Begegnungen
Neben der inhaltlichen Arbeit spielte auch der persönliche Austausch eine wichtige Rolle. Nach Angaben von Alimi bot die Veranstaltung vielen Menschen eine seltene Gelegenheit, sich außerhalb digitaler Plattformen zu begegnen und gemeinsam ihre Identität zu feiern. „Wikimedia-Aktivitäten finden überwiegend online statt. Deshalb verbringen die Menschen viel Zeit im Internet, ohne andere Menschen persönlich zu sehen“, erklärte Alimi. Die Konferenz habe deshalb auch einen sozialen Wert gehabt. „Mit anderen queeren Menschen an einem Ort zu sein und queer sein zu können, ohne sich dafür zu entschuldigen oder um Erlaubnis bitten zu müssen, ist ebenfalls etwas Außergewöhnliches.“ Die Organisatoren wollen ihre internationale Zusammenarbeit fortsetzen. Wikimedia LGBT+ hofft, im Jahr 2028 eine weitere Präsenzkonferenz veranstalten zu können. Darüber hinaus plant die Organisation, die formelle Anerkennung als gemeinnützige Organisation zu beantragen. Damit soll die langfristige Arbeit zur Dokumentation und Bewahrung von LGBTIQ+-Geschichte weiter gestärkt werden.