Bücher über LGBTIQ+, Sexualität oder Rassismus verschwinden weiterhin in großer Zahl aus amerikanischen Schulbibliotheken. PEN America hat für das vergangene Schuljahr inzwischen fast 12.000 Fälle registriert, in denen Bücher an öffentlichen Schulen verboten oder zumindest zeitweise aus dem Bestand genommen wurden. Nach Angaben der Organisation ist das ein neuer Rekord.
Das Wichtigste im Überblick
- PEN America hat innerhalb eines Jahres 11.982 Fälle von Buchverboten an öffentlichen Schulen in den USA registriert – so viele wie nie zuvor.
- Die Verbote betrafen 7.370 verschiedene Werke. Mehr als 4.500 Bücher standen erstmals auf der entsprechenden Liste.
- Besonders viele Fälle wurden in Florida und Texas registriert.
- Schulbezirke setzen zunehmend KI ein, um zu bestimmen, welche Bücher aus dem Bestand genommen werden sollen.
- Besonders häufig werden Bücher wegen Themen wie LGBTIQ+, ethnischer Herkunft, Rassismus und Sexualität beanstandet.
- Zum zweiten Mal in Folge war Stephen King der am häufigsten betroffene Autor, vor allem „Shining“ und „The Green Mile“.
Florida und Texas im Mittelpunkt
Insgesamt dokumentierte PEN 11.982 Verbotsfälle, von denen 7.370 unterschiedliche Werke betroffen waren. Einen derartigen Umfang hat die Organisation seit Beginn ihrer Erfassung vor fünf Jahren noch nicht festgestellt. Mehr als 4.500 Bücher tauchten dabei erstmals auf der Liste auf. Das Spektrum der betroffenen Literatur ist breit und reicht vom Literaturklassiker „Jane Eyre“ aus dem 19. Jahrhundert bis zu Sui Ishidas Manga-Reihe „Tokyo Ghoul“. Der Bericht mit dem Titel „Banned in the USA“ wurde während der Banned Books Week veröffentlicht. Mit Veranstaltungen an Schulen, Bibliotheken und anderen Einrichtungen wird während dieser Aktionswoche landesweit auf Zensur und Einschränkungen beim Zugang zu Literatur aufmerksam gemacht.
Ein erheblicher Teil der Verbote wurde in Florida und Texas registriert. In beiden Bundesstaaten wurden restriktive gesetzliche Regelungen verabschiedet. Zugleich drängen dort Politiker und konservative Aktivisten auf die Entfernung bestimmter Bücher aus Schulen. Nach Erkenntnissen von PEN America verändert sich dabei auch die Art und Weise, wie Schulverwaltungen über problematische Literatur entscheiden. Schulbezirke greifen demnach zunehmend auf Künstliche Intelligenz zurück, um zu bestimmen, welche Titel aus Bibliotheken oder Schulen entfernt werden sollen. Besonders häufig geraten Werke in die Kritik, die sich mit LGBTIQ+, ethnischer Herkunft, Rassismus oder Sexualität beschäftigen.
Einschränkung der Lesefreiheit
PEN America betrachtet diese Entwicklung als Gefahr für den freien Zugang junger Menschen zu unterschiedlichen Perspektiven und gesellschaftlichen Erfahrungen. „Schulbibliotheken machen Wissen und Ideen zugänglich, stellen sicher, dass Bücher unabhängig von persönlichen oder politischen Ideologien für alle verfügbar bleiben, und öffnen Zugänge zu Geschichten, die informieren, herausfordern und den Lesern die Realitäten der Welt widerspiegeln“, heißt es im Bericht. Die Organisation warnt insbesondere vor den Auswirkungen auf Schülerinnen und Schüler. „Buchverbote beeinträchtigen die Freiheit zu lesen und beschneiden den Zugang von Schülern zu einer Vielfalt von Ansichten, Stimmen, Perspektiven und Literatur, mit denen sie sich auseinandersetzen können sollten.“
Stephen King besonders betroffen
Besonders oft trafen die Maßnahmen erneut den US-Bestsellerautor Stephen King. Zum zweiten Jahr in Folge war er nach Angaben von PEN der Schriftsteller, dessen Werke am häufigsten aus dem Bestand genommen wurden. Insgesamt registrierte die Organisation 312 Entfernungen von Büchern Kings. Darunter befinden sich mit „Shining“ und „The Green Mile“ zwei seiner bekanntesten Werke. Die große Zahl bedeutet allerdings nicht, dass eines seiner Bücher auch der am häufigsten entfernte einzelne Titel war. Diesen Platz nimmt „Verkauft“ von Patricia McCormick ein. Das Buch erzählt die Geschichte eines Mädchens, das in Indien in sexuelle Sklaverei verkauft wird. Unter den häufig beanstandeten Büchern finden sich weitere bekannte Werke. Dazu gehört Margaret Atwoods dystopischer Roman „The Handmaid’s Tale“, der eine Gesellschaft beschreibt, in der Frauen massiver staatlicher Kontrolle und Unterdrückung unterworfen sind. Nicht nur PEN America beobachtet seit Jahren einen deutlichen Anstieg entsprechender Maßnahmen. Auch die American Library Association (ALA) berichtet seit Beginn der 2020er-Jahre von historisch hohen Zahlen bei Buchverboten.