Direkt zum Inhalt

Euro-Pride in Belgrad! Nach Absage drohen gewalttätige Ausschreitungen

Von ms - 12.09.2022 - 11:00 Uhr
Ein Kampf um Sichtbarkeit und Gerechtigkeit
Foto: IMAGO / NurPhoto
ANZEIGE
Loading audio player...

Immer wieder stand der Euro-Pride in den vergangenen Tagen auf der Kippe, nachdem die serbisch-orthodoxe Kirche und mehrere tausend Demonstranten lautstark mobil gegen den ersten Euro-Pride in Südosteuropa gemacht hatten. Schlussendlich sagte Serbiens Präsident Aleksandar Vučić Ende August das einwöchige Event und den “sogenannten Pride“ ab. Doch so einfach lassen sich weder die Veranstalter noch die LGBTI*-Community in die Flucht schlagen, noch dazu, wo einige Begründungen wie die drohende Energiekrise aufgrund des Ukraine-Krieges doch arg konstruiert klangen. Heute nun starten die Pride- und Protestaktionen im kleineren Rahmen, denn gänzlich verbieten lässt sich der Pride aufgrund der Verfassung nicht, wie im Vorfeld mehrere Menschenrechtsorganisationen klarstellten, noch dazu, wo Serbien seit 2012 versucht, Mitglied der Europäischen Union zu werden. Rund 150 Abgeordnete des EU-Parlaments hatten zudem vor wenigen Tagen in einem Schreiben dazu aufgefordert, den Pride stattfinden zu lassen.   

 

Koordinator Marko Mihailović hatte dadurch gestärkt angekündigt: "Der Staat kann den Euro-Pride nicht absagen - er kann nur versuchen, ihn zu verbieten, was ein klarer Verstoß gegen die Verfassung wäre." Mihailović bekräftigte, dass man am kommenden Samstag wie geplant ab 17 Uhr demonstrieren werde – auch ohne Zustimmung der serbischen Regierung. Das Motto des Euro-Pride lautet so auch kurz “It´s time“ – und in der Tat, ist es längst überfällig, dass der Pride auch in jenen Teilen Europas Flagge zeigt, in denen Homosexualität bis heute von einer Mehrheit der Bewohner abgelehnt wird. Viele Serben meinen darin eine Art von Machtergreifung des Westens festzustellen, zudem sind im Schnitt rund zwei Drittel von ihnen noch immer der Auffassung, Homosexualität sei eine Krankheit (Quelle Studie Guardian). Das Euro-Pride-Team dazu: „Es ist an der Zeit, dass Serbien sich wandelt und den Weg zu voller Gleichberechtigung und Anerkennung beschreitet! Es ist an der Zeit, dass Europa der LGBTI*-Community in Serbien volle Unterstützung zusagt! Es ist an der Zeit für Solidarität und den Schutz der Menschenrechte. Es ist an der Zeit, dass Belgrad zeigt, dass es ein guter und toleranter Gastgeber ist!“ Kurzum, es gibt noch viel zu tun – und der Euro-Pride will hier bei allen Widrigkeiten ein starkes Zeichen setzen, so das Organisationsteam: „In den westlichen Balkanstaaten ist die LGBTI*-Community noch immer mit großer Ungleichheit und Diskriminierung konfrontiert. Der Euro-Pride in Belgrad ist ein Wendepunkt in der Region, der die Bemühungen von LGBTI*-Aktivisten um Gleichberechtigung bestätigt und sie ermutigt, ihren Kampf fortzusetzen.“

 

Ihr Kommen haben verschiedene Politiker aus ganz Europa angekündigt, so auch der Queer-Beauftragte der Bundesregierung, Sven Lehmann. Auch Rémy Bonny, Direktor der europäischen LGBTI*-Organisation Forbidden Colours wird vor Ort sein und erklärte kampfeslustig: "Das Verbot des Pride in Serbien wurde bereits viermal für verfassungswidrig erklärt. Es steht nicht im Einklang mit den Bestrebungen des serbischen Volkes, der Europäischen Union beizutreten. Das versuchte Verbot des Euro-Pride wird Serbien in seinen Verhandlungen mit der EU zurückwerfen. In Zeiten des Krieges sollte keine europäische Nation auf die Desinformationskampagnen der russischen Aggressoren hereinfallen. Es ist an der Zeit, zu zeigen, was europäische Werte wirklich sind: Menschenrechte, Demokratie und Gleichheit. Ich werde nach Belgrad fahren, um den Pride zu feiern - egal, was passiert." Ursprünglich sollte der Euro-Pride zum 30-jährigen Jubiläum eine Woche lang in Belgrad mit zahlreichen Veranstaltungen gefeiert werden.

 

Bemerkenswert und vielleicht nicht komplett an den Haaren herbeigezogen ist die Argumentation, dass derzeit schlicht zu wenig Polizeikräfte zur Verfügung stehen würden, um die Demonstration des Euro-Pride am kommenden Samstag abzusichern – viele Sicherheitskräfte befinden sich momentan aufgrund der politischen Spannungen im Grenzgebiet zum Kosovo. Zudem haben mehrere tausend homophobe Radikale und rechte Gruppen, angestachelt von der serbisch-orthodoxen Kirche, angekündigt, den Pride angreifen zu wollen, um die Werte des Landes zu verteidigen und den “Abschaum“ von den Straßen fern zu halten. Angefeuert werden sie dabei von Bischof Nikanor Bogunović von Banat, der sagte, wenn er eine Waffe hätte, dann würde er sie jetzt benutzen. Die Pride-Paraden seien eine “Schande“ und man müsse Serbien vor der “Schändung unseres Landes, unserer Kirche und unserer Familien" bewahren. Der christliche Extremist stößt dabei leider nicht auf taube Ohren, die Mehrheit der Serben spricht sich bis heute klar gegen Homosexualität aus, für rund 65 Prozent der Einwohner ist dies noch immer eine Krankheit, auch wenn gleichgeschlechtlicher Sex seit 1994 legal ist.  

 

Erstmals im Jahr 1992 wurde der Euro-Pride in London gefeiert. Inzwischen war die paneuropäische CSD-Veranstaltung, die zumeist eingebettet ist in zahlreiche Kultur-, Musik- und Clubevents sowie auch Platz für Menschenrechtsfragen und Konferenzen bietet, in den meisten großen Städten Europas zu Gast, in Deutschland nebst Berlin auch in Hamburg und Köln. Im Schnitt wird der Euro-Pride Jahr für Jahr von mehreren hunderttausend Menschen besucht, bisheriger Rekord war Madrid mit über drei Millionen Teilnehmern. Auch in Belgrad sollte eine Woche lang ab heute der Euro-Pride gefeiert werden – eingerahmt von zahlreichen Ausstellungen, Filmvorführungen, Live-Performances und Konzerten sowie Theatershows, Malkursen und Talkformaten rund um LGBTI*-Themen. Im Vorfeld war nun allerdings bekanntgegeben worden, dass manche Veranstaltungen inzwischen abgesagt worden sind, teilweise aus Angst vor gewalttätigen Übergriffen.

Anzeige

Auch Interessant

Schwules Paar getötet

60 Jahre Haft für Ex-Polizeichef

Polizisten töteten Eldin und Milton in Guatemala. Zwei Täter erhalten je 60 Jahre Haft. Tonaufnahmen halfen, das Verbrechen aufzuklären.
Heated Rivalry im Kino

Romanze auf großer Leinwand

„Heated Rivalry“ kommt im November in britische und US-Kinos. Zugleich erscheint ein weiterer Film mit Hauptdarsteller Connor Storrie.
Letzte Küsse in der Kutsche

Romantik auf Abschiedstour

New York hat das Ende der Pferdekutschen im Central Park beschlossen. Für schwule Paare verschwindet damit ein besonders romantisches Erlebnis.
Schwuler Volleyballstar

Japan erlebt einen Wandel

Japans Volleyballprofi Rui Takahashi spricht über sein Coming-Out, die Angst vor dem Karriereende und die Unterstützung seines Bruders Ran.
Schwere Vorwürfe gegen Graham

Drei schwule Sexarbeiter berichten

Drei Sexarbeiter behaupten in einer neuen Dokumentation, vom verstorbenen US-Senator Lindsey Graham für sexuelle Kontakte bezahlt worden zu sein.
Haiti verschiebt die Wahlen

Zehn Jahre ohne Urnengang

Haitis Wahlen werden erneut verschoben. LGBTIQ+-Aktivisten warnen vor wachsender Unsicherheit und einer politischen Krise ohne absehbares Ende.
Neue Vorwürfe in Turkmenistan

Psychiatrie wird zum Albtraum

Neue Berichte über Zwangseinweisungen und Misshandlungen zeigen die dramatische Lage homosexueller Menschen in Turkmenistan.
Gewalt gegenüber Asexuellen

Studie zeigt starke Diskriminierung

Ein neuer internationaler Bericht dokumentiert Gewalt und Diskriminierung gegen asexuelle Menschen und fordert besseren gesetzlichen Schutz.
Regenbogenfamilien im Fokus

Rund 300 Menschen feiern Vielfalt

Bei der Regenbogenfamilienkonferenz in Mannheim forderten LGBTIQ+-Familien mehr rechtliche Sicherheit, Unterstützung und gesellschaftliche Anerkennung