Zwischen historischen Fotografien, Neonlicht und elektronischer Musik hat die schwule Cruising-Plattform Sniffies in New Orleans die Geschichte eines der bekanntesten queeren Festivals der Vereinigten Staaten gefeiert. Hunderte Besucher kamen zur Veranstaltung „Cruising Revival: Southern Decadence Then & Now“ in der ehemaligen Kirche zusammen. Die besondere Location sorgte online anschließend allerdings auch für teils hitzige Debatten.
Das Wichtigste im Überblick
- Auftakt in New Orleans: Die Cruising-Plattform Sniffies veranstaltete einen Abend zur Geschichte des queeren Festivals Southern Decadence.
- Historischer Veranstaltungsort: Hunderte Menschen kamen in einer ehemaligen Kirche zusammen. Eine Ausstellung verband historische Fotografien mit aktuellen Aufnahmen aus der LGBTIQ+-Community.
- Die besondere Location sorgte in den USA auf diversen Foren online für teils hitzige Debatten.
- Mehr als 50 Jahre Tradition: Southern Decadence entstand 1973 aus einer privaten Abschiedsparty und entwickelte sich zu einem bedeutenden queeren Festival in New Orleans.
- Erinnerung an Verfolgung und Gewalt: Bei einer Podiumsdiskussion ging es unter anderem um den Brandanschlag auf die Upstairs Lounge von 1973 sowie um aktuelle politische und gesetzliche Herausforderungen für LGBTIQ+-Menschen in den USA.
Cruising und Ausgrenzung
Der Abend bildete den Auftakt zu den Feierlichkeiten rund um das queere Festival Southern Decadence. Im Mittelpunkt stand die Frage, wie sich die Kultur sexueller Begegnungen unter Männern über Jahrzehnte verändert hat und welche Bedeutung sie für die Community besitzt. Dabei ging es nicht allein um Sexualität und Nachtleben. Die Veranstaltung erinnerte zugleich an gesellschaftliche Ausgrenzung, politische Konflikte und die Menschen, die schwule und queere Treffpunkte in New Orleans über Generationen hinweg geprägt haben.
Die Geschichte von Southern Decadence selbst reicht bis ins Jahr 1973 zurück. Damals organisierten Freunde in New Orleans eine zwanglose Abschiedsfeier. Aus diesem privaten Treffen entwickelte sich im Laufe von mehr als fünf Jahrzehnten eine feste Tradition der Stadt und ein bedeutendes Ereignis für die queere Gemeinschaft. Southern Decadence überstand dabei zahlreiche Krisen. Dazu gehörten schwere Hurrikane, politische Auseinandersetzungen und die Aids-Krise, die insbesondere die schwule Gemeinschaft tiefgreifend veränderte. Heute steht das Festival für eine Mischung aus Straßenfesten, Partys, sexueller Selbstbestimmung und queerer Kultur.
Ausstellung über Cruising
Die Cruising-App Sniffies griff diese Geschichte auf und stellte bei ihrer Auftaktveranstaltung eine Verbindung zwischen den früheren Begegnungsorten homosexueller Männer und den Möglichkeiten heutiger digitaler Plattformen her. Für die Gestaltung der Veranstaltung war Kreativdirektor Brett LaBauve verantwortlich. Er verwandelte den zentralen Bereich des ehemaligen Kirchengebäudes in eine Ausstellung, die historische Aufnahmen mit zeitgenössischen Porträts kombinierte. Die Fotografien über die Cruising-Kultur waren an Maschendrahtzäunen angebracht, die von Neonröhren beleuchtet wurden. Damit griff die Installation bewusst die Ästhetik öffentlicher Cruising-Orte auf. Die Zäune und das künstliche Licht erinnerten an jene urbanen Räume, in denen sich Männer früher häufig zu anonymen oder spontanen Begegnungen trafen.
Die ungewöhnliche Präsentation schuf einen Kontrast zur Architektur des früheren Gotteshauses. Neben der Ausstellung gehörten Musik, Literatur und Gespräche zum Programm. Mit dabei war auch Schriftsteller und Aktivist Leo Herrera, der sich intensiv mit der Bedeutung von Cruising und dem Zusammenhalt innerhalb der Community beschäftigt. „Cruising ist in seiner reinsten Form Liebe und Fürsorge für den Nächsten, ob in einem Park oder auf einer digitalen Karte“, sagte Herrera vor dem Publikum. Er stellte dabei eine Verbindung zwischen den früheren Treffpunkten schwuler Männer und heutigen digitalen Möglichkeiten her.
Erinnerung an Brandanschlag
In einer anschließenden Podiumsdiskussion wurde dabei auch an den Brandanschlag auf die Upstairs Lounge im Jahr 1973 gedacht. Am 24. Juni jenes Jahres brach in der schwulen Bar in New Orleans ein verheerendes Feuer aus. 32 Menschen kamen ums Leben. Das Verbrechen gehört bis heute zu den schwersten Gewalttaten gegen homosexuelle Menschen in der Geschichte der Vereinigten Staaten. Neben diesem historischen Ereignis diskutierten die Teilnehmer auch aktuelle gesetzgeberische Entwicklungen, die LGBTIQ+-Treffpunkte und Einrichtungen in den USA unter Druck setzen. Nach den Gesprächen rückte das Nachtleben wieder in den Mittelpunkt. Das Kirchenschiff verwandelte sich dabei in eine dicht gefüllte Tanzfläche. Eli Martin, Chief Marketing Officer der Plattform, erklärte dazu: „Beim Cruising ging es schon immer darum, Verbindungen zu schaffen.“
Party in ehemaliger Kirche
Die Wahl des Veranstaltungsortes bot dabei allerdings Anlass für kontroverse Diskussionen. Eine Cruising-Party in einer ehemaligen Kirche berührt insbesondere bei religiös-konservativen Menschen grundsätzliche Fragen zum Umgang mit sakralen Räumen. Kritiker online sahen in der Veranstaltung daher eine Respektlosigkeit gegenüber dem christlichen Glauben und eine Zweckentfremdung eines Ortes, der ursprünglich für Gottesdienste und Gebete bestimmt war. Besonders die Verbindung von sexueller Freizügigkeit, queerer Partykultur und kirchlicher Architektur wurde dabei online mitunter als Provokation oder Entweihung empfunden. Befürworter verwiesen dagegen darauf, dass es sich bei dem Gebäude des Hotel Peter & Paul um ein ungenutztes ehemaliges Kirchengebäude handelt, das heute auch für weltliche andere Veranstaltungen genutzt wird. Sie betrachten die Feier als Ausdruck gesellschaftlicher Offenheit und als Möglichkeit, einen historisch religiös geprägten Raum mit neuer Bedeutung zu füllen.