Hundert Menschen, hundert persönliche Geschichten und ein öffentlicher Platz mitten in Köln: Zum internationalen Coming-Out-Tag am Sonntag, 11. Oktober, plant das queere Jugendzentrum anyway eine besondere Aktion vor dem Kölner Dom. Unter dem Motto „100 Coming-Outs“ sollen lesbische, schwule, bisexuelle und trans* Menschen von ihren Erfahrungen berichten.
Das Wichtigste im Überblick
- Aktion am Kölner Dom: Das Jugendzentrum anyway plant für Sonntag, den 11. Oktober, eine öffentliche Veranstaltung mit 100 persönlichen Coming-Out-Geschichten.
- 200 Stühle auf dem Roncalliplatz: Jeweils 100 Plätze sind für queere Erzählende und für Zuhörer vorgesehen. Durch Platzwechsel können die Gäste mehrere Geschichten kennenlernen.
- Menschen verschiedener Generationen: Schwule, lesbische, bisexuelle und trans* Menschen vom Jugend- bis ins Seniorenalter berichten über ihre Erfahrungen.
- Auch Eltern sollen schildern, wie sie das Coming-Out ihres Kindes erlebt haben.
- Der Coming-Out-Tag wird jährlich am 11. Oktober begangen. Seine Geschichte reicht bis ins Jahr 1988 zurück.
Persönliche Begegnungen
Die Veranstaltung findet von 13 bis 14 Uhr auf dem Roncalliplatz statt. Eingeladen sind Menschen aller Altersgruppen, die ihre eigene Geschichte erzählen oder anderen zuhören möchten. Nach Angaben der Veranstalter sollen dabei so viele Coming-Out-Geschichten gleichzeitig zu hören sein wie noch nie zuvor bei einer vergleichbaren Aktion in Deutschland. Die Initiative geht auf Ehrenamtliche des Jugendzentrums zurück. Für die Veranstaltung ist ein ungewöhnliches Konzept vorgesehen: Auf dem Roncalliplatz werden insgesamt 200 Stühle aufgestellt. Hundert davon sind für homosexuelle und queere Menschen reserviert, die über ihr Coming-Out sprechen möchten. Die übrigen hundert Plätze stehen dem Publikum zur Verfügung.
Das Prinzip erinnert an Speed-Dating. Nach einer Gesprächsrunde wechseln die Zuhörer ihre Plätze, um weitere persönliche Geschichten kennenzulernen. So sollen innerhalb einer Stunde zahlreiche direkte Begegnungen entstehen. Die Besucher können erfahren, wie unterschiedlich Menschen ihr Coming-Out erleben und welche Bedeutung dieser Schritt für ihr Leben hat. Die Bandbreite reicht nach den Plänen der Organisatoren von Jugendlichen bis zu Senioren. Damit sollen auch die Erfahrungen verschiedener Generationen sichtbar werden. Ergänzt wird die Aktion durch ein Bühnenprogramm, bei dem einzelne Coming-Out-Geschichten einem größeren Publikum vorgestellt werden. Unter anderem sollen auch Eltern berichten, wie sie das Coming-Out ihres Kindes erlebt haben.
Schritt zur Selbstakzeptanz
Für das Jugendzentrum anyway steht nicht allein das öffentliche Bekenntnis zur eigenen sexuellen Orientierung oder geschlechtlichen Identität im Mittelpunkt. Die Veranstaltung soll auch zeigen, welche persönlichen Entwicklungen einem Coming-Out vorausgehen können. „Das innere und äußere Coming-Out ist ein zentraler Punkt in den Biografien von Lesben, Schwulen, Bisexuellen und trans* Personen. Es steht am Ende der Selbstakzeptanz. Es symbolisiert Freiheit, die oft aber auch ihren Preis hat“, so Falk Steinborn vom Jugendzentrum.
Dabei unterscheiden Fachleute zwischen dem inneren und dem äußeren Coming-Out. Das innere Coming-Out beschreibt den Prozess, in dem sich ein Mensch seiner sexuellen Orientierung oder geschlechtlichen Identität bewusst wird und lernt, diese anzunehmen. Beim äußeren Coming-Out geht es darum, anderen Menschen davon zu erzählen – etwa Freunden, Familienmitgliedern, Kolleginnen und Kollegen oder dem persönlichen Umfeld. Dieser Schritt kann mit Erleichterung und positiven Erfahrungen verbunden sein. Er kann aber auch Ablehnung, Ausgrenzung oder Konflikte auslösen. Nicht jeder Mensch kann sich deshalb in jeder Lebenssituation gefahrlos outen. Die Kölner Veranstaltung setzt auf persönliche Gespräche, um unterschiedliche Erfahrungen sichtbar zu machen und Verständnis zu fördern.
Coming-Out-Tag am 11. Oktober
Der internationale Coming-Out-Tag hat seinen Ursprung in der US-amerikanischen Lesben- und Schwulenbewegung. Er wurde erstmals am 11. Oktober 1988 begangen und findet damit in diesem Jahr zum 39. Mal statt. Die Initiative geht auf den Psychologen und Schwulenrechtsaktivisten Robert Eichberg sowie die lesbische Aktivistin Jean O'Leary zurück. Beide wollten mit einem jährlichen Aktionstag die Sichtbarkeit homosexueller Menschen erhöhen und gesellschaftliche Vorurteile abbauen. Das Datum wurde bewusst gewählt: Am 11. Oktober 1987 hatten in Washington Hunderttausende Menschen bei einem großen Protestmarsch gleiche Rechte für Lesben und Schwule sowie Maßnahmen gegen die Aidskrise gefordert. Genau ein Jahr später wurde der erste Coming-Out-Tag veranstaltet, um an diese Demonstration zu erinnern und deren politische Forderungen weiterzutragen.
Hinter der Einführung des Aktionstags stand eine einfache Überlegung: Wer persönlich einen lesbischen oder schwulen Menschen kennt, hinterfragt möglicherweise eher bestehende Vorurteile. Eichberg und O'Leary wollten deshalb dazu beitragen, dass homosexuelle Menschen nicht nur als abstrakte gesellschaftliche Gruppe wahrgenommen werden, sondern als Familienmitglieder, Freunde, Nachbarn und Kollegen. Die damalige Situation in den Vereinigten Staaten war von erheblichen gesellschaftlichen Spannungen geprägt. Viele homosexuelle Menschen verbargen ihre sexuelle Orientierung aus Angst vor Diskriminierung, dem Verlust ihres Arbeitsplatzes oder familiärer Ablehnung. Zugleich verstärkte die Aidskrise die Stigmatisierung schwuler Männer. In den folgenden Jahrzehnten verbreitete sich der Aktionstag über die Vereinigten Staaten hinaus. Heute wird er auch in Deutschland und zahlreichen anderen Ländern jährlich am 11. Oktober für die ganze LGBTIQ+-Community begangen.