Liebe als Bildsprache Pierre et Gilles zwischen Kunst und Kitsch
Pierre et Gilles wurden 1976 in Paris ein Paar und wenig später auch ein künstlerisches Duo. Gilles Blanchard hatte Malerei an der École des Beaux Arts studiert, Pierre Commoy kam aus Le Havre und brachte die Fotografie mit. Zunächst verband die beiden nach Gilles’ Worten eine Liebesgeschichte. Erst nach etwa einem Jahr begann die Zusammenarbeit, eher zufällig als geplant: Pierre fotografierte, Gilles bemalte die Bilder. Aus dieser Nähe entstand eine gemeinsame Bildsprache, die bis heute ihr Markenzeichen ist.
Porträts und Provokation
Ihre Arbeiten verbinden inszenierte Fotografie, Grafik und Malerei. Die Fotos werden nachbearbeitet, mit Aquarellfarben koloriert, weichgezeichnet und malerisch idealisiert. So entstehen Porträts, die nicht nur Personen zeigen, sondern Figuren, Rollen und kleine Geschichten erschaffen. Die Bilder sind farbig, märchenhaft schön und überschreiten die Grenze zum Kitsch bewusst. Häufig stehen junge Männer im Zentrum, die über Körper, Gestik und Kostüm eine Rolle annehmen: Matrosen, Soldaten, Gärtner, Heilige oder symbolisch aufgeladene Liebespaare.
Pierre et Gilles idealisieren, doch das Buch beschreibt ihre Kunst nicht als bloße Süßlichkeit. In den Bildern, sagen sie, gebe es Zärtlichkeit ebenso wie Grausamkeit, Schönheit ebenso wie Tod, Mysterium und Befremdlichkeit. Gerade diese Mischung macht ihre Arbeiten unverwechselbar und erklärt, warum ihre Porträts zugleich verführerisch, künstlich und irritierend wirken können.
Damit stehen Liebe, Zusammenarbeit und Bildsprache untrennbar nebeneinander. Aus dem gemeinsamen Leben wurde eine Arbeitsform, aus Fotografien wurden gemalte Bühnen, aus Modellen wurden Kunstfiguren. Genau darin liegt die Besonderheit von Pierre et Gilles: Sie erzählen Identität als Inszenierung, ohne den sinnlichen Kern ihrer Motive zu verlieren und stets persönlich lesbar bleibt.
Seit Beginn arbeiten Pierre et Gilles an der Verwandlung des Porträts. Die fotografierte Person bleibt erkennbar, wird aber durch Licht, Kostüm, Dekor und gemalte Rahmen zu einer Kunstfigur. Um die Modelle legen sie passende Motive wie Girlanden, Luftblasen oder Engel. Lange unterstützte sie ein laotischer Kostümbildner im Studio, den sie von einer Asienreise nach Paris mitgebracht hatten. Auch tropische Blütenwelten flossen so in die Inszenierungen ein. Die attraktiven Modelle, im Buch meist als Männer unterschiedlicher Hautfarben beschrieben, werden nicht einfach abgebildet, sondern in symbolische Räume gestellt.

Queere Inspiration
Auch sich selbst haben Pierre et Gilles mehrfach als Paar porträtiert. 1992 erschien Gilles im weißen Brautkleid mit Strauß, Pierre im schwarzen Anzug als Bräutigam. 1998 zeigte das Doppelporträt „Les portes du Rève“ Pierres nackten Torso frontal und Gilles’ Torso von hinten, beide vor einem Disco-Hintergrund. Solche Selbstbilder zeigen, wie eng Leben, Liebe und Arbeit bei ihnen miteinander verbunden sind. Gilles beschreibt das als „Zusammenspiel des Lebens“.
Zu den Einflüssen, die das Buch nennt, gehören der amerikanische Fotograf James Bigwood und dessen Film „Pink Narcissus“ sowie Eindrücke aus Bollywood. Ihr Ruf verbreitete sich schnell. Pierre et Gilles wurden zu einem Markenzeichen und porträtierten französische Stars wie Mireille Mathieu, Isabelle Huppert und Cathérine Deneuve, Madonna, Kylie Minogue und Nina Hagen. Die Porträtierten erscheinen ihrem Image entsprechend ins Licht gesetzt und malerisch gerahmt, bleiben aber sympathisch. Pierre sagt, sie könnten niemanden porträtieren, den sie nicht leiden können. Kritiker sahen in den Porträts neue Kunstfiguren.
Die Nähe von Sinnlichkeit, Provokation und religiöser oder politischer Symbolik prägt viele Arbeiten. Beim Heiligen Sebastian bleibt der leidende Körper schön, obwohl Blut an den Pfeilwunden sichtbar wird. Andere Bilder arbeiten deutlicher mit Skandal und Reibung. Ein nacktes Paar mit Palästinensertuch, Kippa und Davidstern wird im Buch als klare und provokante Botschaft beschrieben. Gleichzeitig gelten solche Paare als Projektionsflächen schwuler Träume. Pierre betont jedoch, ihre Kunst spreche zwar sehr direkt über Homosexualität, solle aber keine spezifisch homosexuelle Kunst sein. Gilles verweist auf Sinnlichkeit, Körper, Ausstrahlung und Gesicht als zentrale Elemente.

Besonders sichtbar wurde die Kontroverse um „Vive la France“. Für die Wiener Ausstellung „Nackte Männer, von 1800 bis heute“ wurde das Bild 2012 als Plakat gewählt. Es zeigt drei nackte Fußballspieler, einen Schwarzen, einen Araber und einen Weißen, mit Strümpfen, Schuhen und Ball. Das Motiv sollte Frankreichs kulturelle Einheit in ethnischer Vielfalt zeigen. Nach Protesten wurde die anstößige Zone mit einem roten Balken überklebt, in der Nähe von Schulen durch ein Egon-Schiele-Motiv ersetzt. Facebook zensierte die Museumsseite. Weitere Beispiele im Buch sind „Jungfrau mit Schlangen“ mit Kylie Minogue und ein Porträt von Conchita Wurst im roten Kleid von Jean-Paul Gaultier. Heute arbeiten beide in ihrem Pariser Atelier. Laut Buch wachsen Ruhm und Zahl ihrer Ausstellungen in Europa, Asien und Amerika weiter.
Der Artikel stützt sich auf das Kapitel „Pierre et Gilles“ aus dem Buch „Männer Freunde Liebespaare. Biographische Skizzen“ von Dieter Allers, erschienen im Himmelstürmer Verlag. ISBN 978-3-98758-133-5