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Apropos Leben Gefühltes Tagebuch: Starke Stille

Von rb - 01.10.2021 - 10:00 Uhr
Gefühltes Tagebuch: Starke Stille // © photoschmidt
Foto: Gefühltes Tagebuch: Starke Stille // © photoschmidt
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Unser Alien geht in sich: „Ich bin durch die Ewigkeit gedüst, in Schwere- und Geräuschlosigkeit. Eine Erfahrung, die ich nicht missen möchte. Denn die Stille des Alls macht demütig. Das wäre sicher auch für die Menschen eine wichtige Lektion.“

Stille ist mächtig. Sie ist für manche beunruhigend. Totale Stille ist sogar schädlich, denn die natürlichen Hintergrundgeräusche vermitteln uns Orientierung in Raum und Zeit. Daher macht die Totenstille ihrem Namen alle Ehre. Das Stillschweigen ist eigentlich eine Doppelung, die besagt, dass man wirklich die Klappe halten soll. Durch Corona und seine Folgen haben wir uns an mehr Stille gewöhnt. Wer ländlich wohnt, hat dies besonders intensiv gemerkt. Es fuhren weniger Autos, der normale Lärm war auf ein Minimum reduziert. Dadurch konnte die Natur durchatmen. Leise Geräusche, die man zuvor nie gehört hat, traten hervor. Tiere, die sich nie in die Nähe der Menschen wagten, wurden mutiger. Das scheue Reh auf der Wiese gab Laut im Morgengrauen. Sehr seltsam und auch beeindruckend, das Ganze.

Für diejenigen, die Stille schwer ertragen, ist diese Zeit der Abwesenheit von Zivilisationslärm auch beängstigend. Zum Glück gibt es ja das Handy. Damit kann man selber Geräusche erzeugen, quatschen und die endlose Zeit töten. Manche allerdings empfinden diese lärmlose Zeit als Offenbarung. Denn für bestimmte Tätigkeiten ist Stille unbedingt erforderlich. Lesen mit Lärm ist schwierig, man kriegt nur die Hälfte mit. Auch das Denken fällt leichter ohne akustische Ablenkung. Andererseits lenken sich manche gern vom Denken ab, indem sie sich gezielt über Kopfhörer beschallen lassen. Hören ist oft eine feine Sache. Man sagt ja auch: Wer nicht hören will, muss fühlen. Schon im Altertum galt allerdings das stille Zuhören als hohe Tugend. Schließlich haben wir ja zwei Ohren, aber nur einen Mund. Und wer gut zuhören kann, der erfährt eine ganze Menge. In Zeiten der Pandemie haben viele den Weg in das Innere gewählt. Yoga und Autogenes Training sind da ganz hilfreich. Das Interesse an philosophischen und religiösen Fragen hat zugenommen. Das Leben der Einsiedler und Eremiten ist in den Fokus gerückt. Manche haben sich im Lockdown fast so gefühlt.

Im Gespräch kann Stille sehr vielsagend sein. Wer Pausen einlegt, der steigert beim Vortrag seine Wirkung. Wer im Dialog nicht sofort antwortet, sondern zunächst schweigt, der signalisiert Aufmerksamkeit. Schweigen ist taktisches Platin und kann mit wenig Aufwand viel bewegen. Auch in der Musik ist die Zeit zwischen den Noten von großer Bedeutung. Und in der Malerei sind Stillleben sehr beredt: Gegenstände erhalten auf der Leinwand große Kraft und Bedeutung. Die großen Schweiger haben im Film Kultstatus. Das Recht zu schweigen ist vor Gericht ein hohes Gut. Durch Stille kann die Spannung allerdings auch unerträglich steigen, dann könnte man sogar eine Stecknadel fallen hören. Die Abwesenheit von etwas Gewohntem, von einer natürlichen Reaktion ist mindestens so effektvoll, wie dessen Gegenwart. Auf der anderen Seite wird von manchen Stille und Schweigen als Einverständnis gewertet. Dies ist sicher weit gefehlt. Es ist manchmal nur die Ruhe vor dem Sturm. Diese fürchten Machthaber in totalitären Systemen, bevor die Massen sich erheben. Hier wäre rechtzeitiger Dialog wohl besser gewesen. So ist die Stille eine zweischneidige Angelegenheit. Sie ist heilsam, mächtig und teilweise bedrückend. Ein Sprichwort sagt: „Wer die Stille ertragen kann, ist niemals allein.“ Wer also in der besonderen Periode, deren negative Konsequenzen hoffentlich bald hinter uns liegen, die Stille zu seinem Verbündeten gemacht hat, der kann sich glücklich schätzen.

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