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David Sedaris´Mitmenschen „Eine gute Frage öffnet eine Tür“

Von ms - 11.09.2026 - 14:30 Uhr
David Sedaris und seine Mitmenschen
Foto: IMAGO / AFF-USA
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Der amerikanische Essayist und schwule Bestseller-Schriftsteller David Sedaris (69) hat einen ungewöhnlichen Blick auf seine Mitmenschen. Wo andere vorbeigehen, bleibt er stehen. Er spricht Fremde an, macht ihnen Komplimente, stellt unerwartete Fragen – und hört zu. Viele dieser Begegnungen finden später ihren Weg in seine Bücher. Gleichzeitig verschont Sedaris auch sich selbst und seine Familie nicht.

Das Wichtigste im Überblick

  • David Sedaris gilt als einer der erfolgreichsten Essayisten und hat gerade sein 20. Buch veröffentlicht.
  • Der schwule US-Autor sucht bewusst den Kontakt zu Fremden und interessiert sich nach eigener Aussage aufrichtig für jeden Menschen.
  • Sein Ehemann Hugh Hamrick ist seit 35 Jahren sein Partner und eine zentrale Figur in Sedaris’ Texten.
  • Sedaris spricht offen über seine schwierige Beziehung zu seinem Vater und darüber, wie Ablehnung sein Leben geprägt hat.
  • Ausgerechnet sein Wunsch nach Anerkennung wurde für Sedaris zum Antrieb – und schließlich zum beruflichen Erfolg.

Sedaris, ein offenes Buch

Bei einem Treffen in London zeigt sich schnell, wie ausgeprägt seine Aufmerksamkeit für andere ist. Noch bevor die Interviewerin des Zeit Magazins ihn richtig erkannt hat, spricht Sedaris sie auf ihre Schuhe an. „Großartige Schuhe!“ Kurz darauf folgt ein Kompliment zum Hemd. Sedaris entschuldigt sich für seine Verspätung und erklärt, die Aufnahmen für die BBC hätten länger gedauert. Sedaris, der gerade sein 20. Buch „The Land and Its People“ veröffentlicht hat, ist seit Jahrzehnten für seine autobiografisch geprägten Geschichten bekannt. Darin geht es um alltägliche Situationen ebenso wie um schwierige Kapitel seines Lebens. Er schreibt über seine frühere Alkohol- und Drogensucht, seine Kindheit mit fünf Geschwistern, den Suizid seiner Schwester Tiffany, sein Leben als schwuler Mann in einer Beziehung, seine Zwangsstörungen und seinen inzwischen verstorbenen Vater. Doch an diesem Nachmittag interessiert ihn zunächst vor allem London – und die Menschen, die ihm begegnen.

Komplimente als Türöffner

Sedaris erzählt, dass er normalerweise jeden Tag ein oder zwei Menschen auf der Straße anspricht. Sein einfachstes Mittel: ein aufrichtiges Kompliment. „Will ich jemanden auf der Straße ansprechen, den Typen da zum Beispiel, dann mache ich ihm erst mal ein schönes Kompliment.“ Das Kompliment müsse allerdings ehrlich sein. Seine Schwester Tiffany habe nach einer seiner Lesungen einmal jedem Menschen in der Schlange etwas Nettes über Haare, Augen oder Hals gesagt. Das funktioniere so nicht, findet Sedaris. Wenn ihm kein passendes Kompliment einfällt, setzt er auf eine unerwartete Frage. 

Einer Leserin, die von ihren zwei „ganz großartigen Kindern“ erzähle, könne er etwa Fragen zu den Geburten stellen. Oder: „Haben Sie schon einmal ein Tier überfahren?“ Auch ein Fan bekommt nach einer Podcastaufnahme eine ungewöhnliche Frage: „Haben Sie Der letzte Tango in Paris gesehen?“ Sedaris’ Grundsatz lautet: „Eine gute Frage öffnet eine Tür.“ Die Frage „Wie geht’s dir?“ hält er dagegen für wenig ergiebig. Meist folge darauf lediglich: „Gut, danke!“ In Deutschland sei das allerdings anders, räumt er ein. Hier folgten auf die Frage zunächst eine Kunstpause und ein Seufzen, bevor ein Wortschwall beginne.

Hundert Lesungen pro Jahr

Der Kontakt zu seinem Publikum gehört für Sedaris seit Jahrzehnten zum Alltag. Sein Rekord beim Signieren von Büchern liegt bei zehneinhalb Stunden. Rund hundert Lesungen absolviere er pro Jahr. Seinen Durchbruch verdankte er Anfang der 1990er Jahre einer Begegnung. Damals war Sedaris Mitte dreißig, mittellos und hielt sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser. Er putzte Häuser und packte Möbel. In Nachtclubs las er gelegentlich aus seinen Tagebüchern vor. Im Publikum saß eines Abends der Radiomoderator Ira Glass. Kurz vor Weihnachten 1992 fragte dieser Sedaris, ob er seine Aufzeichnungen über seine Arbeit als Kaufhauself bei Macy’s fürs Radio einlesen wolle. Am 23. Dezember wurden die „Santaland Diaries“ ausgestrahlt. Seitdem gehören sie zum festen Weihnachtsprogramm. Sedaris selbst schreibt weiterhin täglich. In seinem Büro in Manhattan füllt er zunächst fünf Seiten seines Tagebuchs und arbeitet anschließend vier oder fünf Stunden an Essays. Ein zweites Büro nutzt er, um Leserbriefe zu beantworten.

Alle Menschen sind interessant

Was Sedaris’ Texte verbindet, sind Begegnungen mit anderen Menschen. Nicht nur Taxifahrer interessieren ihn, sondern auch Passanten, Sitznachbarn in Flugzeugen oder Menschen, die er bei Lesungen trifft. Die Frage, ob er Menschen gezielt nach verwertbaren Geschichten absuche, weist er energisch zurück. „Wirklich nicht? Sie interessieren sich also einfach ... genuin für alle Menschen?“ Die Antwort: „Ja.“ Einen Moment lang macht Sedaris ein nachdenkliches Gesicht. „Im Grunde sind alle Menschen interessant.“

Er selbst beobachtet dabei genau, wer ihm gegenübersteht. Von zwei Fahrern, die ihn am Vortag gefahren haben, weiß er nach kurzer Zeit mehr über deren Privatleben als die Fahrer über ihn. Der eine betreibt gemeinsam mit seiner Frau ein Cateringunternehmen und hat Besuch von zwei Brüdern aus Albanien. Der andere wollte für sechs Menschen kochen und mit seinem kranken Schwiegervater das WM-Halbfinale ansehen. Der Schwiegervater hat Alzheimer.

„Boyfriend“ seit 35 Jahren

Eine der wichtigsten Personen in Sedaris’ Leben ist sein Ehemann Hugh Hamrick. Die beiden sind seit 35 Jahren ein Paar und seit einigen Jahren verheiratet. Trotzdem bezeichnet Sedaris Hamrick weiterhin als seinen „Boyfriend“. Geheiratet habe er aus steuerlichen Gründen. In seinen Texten ist Hamrick regelmäßig präsent – als fürsorglicher, manchmal genervter und meist nüchterner Gegenpol zu Sedaris’ Eigenheiten. Auch über seinen Partner schreibt Sedaris offen. Hamrick habe als jüngstes Kind seiner Familie nie gelernt, wann es Zeit sei, mit dem Reden aufzuhören. Ein Vetorecht darüber, was Sedaris über ihn veröffentlichen darf, habe er dennoch. Gleichzeitig vertraue ihm sein Mann. „Ja, aber er vertraut mir. Würde er morgen sterben, ich glaube nicht, dass sich die Art, wie ich über ihn schreibe, ändern würde. Dass ich dann sage: ´Oh, jetzt kann ich der Welt endlich dieses und jenes erzählen.´“

Ein Vater, der ihn ablehnte

Besonders deutlich wird Sedaris’ Verhältnis zur eigenen Familie, als das Gespräch auf seinen Vater kommt. „Wissen Sie“, sagt Sedaris, „mein Vater wusste einfach nicht, wie man durch die Welt geht.“ Im Supermarkt habe er Einkaufswagen gerammt, wenn sie ihm im Weg standen. Zu einer Bedienung bei McDonald’s habe er gesagt: „Sieht aus, als hättest du zu viele Milchshakes getrunken.“ Auch gegenüber seinem Sohn sei der Vater ablehnend gewesen. Sedaris habe alles versucht, um dessen Anerkennung zu bekommen. Er ging zur Leichtathletik, obwohl er nicht sportlich war, und wurde Pfadfinder, weil sein Vater Pfadfinder mochte. „Aber es war egal, was ich tat, solange ich es war, der es tat. Irgendwann habe ich aufgegeben.“ Als Sedaris sich als homosexuell outete, lebte er noch zu Hause. Er erzählte es zunächst seiner Schwester Gretchen. In einer großen Familie müsse man nicht mehr tun, sagt er: Man erzähle es einer Person, und bis zum Abend wüssten es alle.

Sein Vater reagierte drastisch. „Nichts. Das heißt: Mein Vater hat mich rausgeworfen. Er war die Art Mensch, die sagt: ´Du hast fünf Minuten, um deine Sachen zu packen!´, ohne einen Grund zu nennen. Genauso hat er mich später aus seinem Testament gestrichen.“ Sedaris spricht sonst nicht gern über Gefühle. In diesem Moment wird er jedoch sehr deutlich. „Es tut wirklich, wirklich weh, aus jemandes Testament gestrichen zu werden.“ Jahre später konfrontierte er seinen Vater. Dieser habe schließlich angeboten, Sedaris wieder ins Testament aufzunehmen – unter der Bedingung, dass Hamrick keinen Cent davon bekomme. Sedaris wollte dieses Versprechen nicht geben. 

Ein Arschloch als großartige Figur

Trotz der schwierigen Beziehung brach Sedaris den Kontakt zu seinem Vater nicht vollständig ab. Er glaubt, dass ein solcher Bruch einem Menschen schaden kann, selbst wenn es gute Gründe dafür gibt. Dann findet er eine Erklärung dafür, warum sein Vater trotzdem zu einer zentralen Figur seines Schreibens wurde. „Mein Vater war ein Arschloch“, sagt Sedaris, „aber eine großartige Figur. Wenn ich nicht darüber hätte schreiben können, sondern es nur still hinnehmen, wäre das furchtbar gewesen. Aber ich konnte darüber schreiben. Wenn man Schriftsteller ist und einen so ergiebigen Charakter in seinem Leben hat, wäre das eine Verschwendung, das nicht zu tun.“ Dann folgt ein Satz, der das Gespräch über seinen Vater und sein eigenes Leben zusammenführt: „Mein Vater wollte nie, dass ich ich selbst bin. Und dann hat genau das, das Ich-selbst-Sein, mich reich gemacht.“

Auch mit seiner Schwester Lisa hat Sedaris seine Familiengeschichte literarisch verarbeitet. Nach dem Tod des Vaters wollte seine Schwester Amy das Erbe unter den Geschwistern aufteilen, sodass Sedaris nicht leer ausging. Lisa stellte sich dagegen. Sedaris veröffentlichte später ein Kinderbuch, obwohl Lisa selbst davon geträumt hatte, ein Kinderbuch zu schreiben. Der Titel: „The Selfish Sister“. Sedaris sagt darüber: „Ich habe ihren Traum genommen und ihn quasi in den Dreck gezogen.“

Zwang, Müll und Einkaufen

Sedaris’ Alltag ist auch von Zwängen geprägt. Er müsse jeden Tag etwas kaufen, selbst wenn es nur eine Packung Erdnüsse sei. Außerdem sammelt er in seiner Heimat in West Sussex mit einem Greifarm Müll. So regelmäßig tut er das, dass die örtliche Behörde einen Müllwagen nach ihm benannt habe. Mindestens 16 Kilometer lege er täglich zurück, behauptet Sedaris. Seine Smartwatch zeigt an diesem Tag allerdings zunächst knapp neun Kilometer. Nach dem Heimweg werde das Soll erreicht sein. Zu seinen weiteren täglichen Verpflichtungen gehört anschließend Duolingo. Seine Zwänge kosten ihn Zeit und Geld, sagt Sedaris, aber nicht das Leben. Das viele Laufen habe ihm bereits mehrere Zehennägel gekostet. Im Gegensatz zu früheren Hobbys wie dem Trinken zögen ihn Müllsammeln und Einkaufen jedoch in die Welt hinein.

Der Wunsch nach Anerkennung

Zum Ende des Gesprächs geht es um die Frage, welches Kompliment Sedaris am meisten bedeuten würde. Seine Antwort: freundlich zu sein. Das englische Wort „kind“ treffe es dabei besser. Gemeint sei für ihn nicht nur Nettigkeit, sondern die Fähigkeit, Menschen Aufmerksamkeit zu schenken, die sonst übersehen werden. Seine Schwester Amy beherrsche das besonders gut. Wenn sie an einem Film arbeite, konzentriere sie sich nicht auf die berühmten Schauspieler, sondern auf die Assistentin der Visagistin. „Jeder beachtet Jennifer Lopez“, sagt Sedaris. „Aber niemand beachtet diese eine Person.“ Auch bei seinen Lesungen hält er nach solchen Menschen Ausschau. Er beobachte die Schlange und suche jemanden, der allein und völlig unauffällig wirke. Manchmal hole er diese Person nach vorne.

Am Ende beschreibt Sedaris sich selbst als Platzhalter für Menschen, die glauben, ihr eigener Traum könne niemals wahr werden. „Ich habe das Gefühl, das bin ich“, sagt Sedaris. „Das wäre ich, wenn ich es nicht geschafft hätte. An mir ist nichts Außergewöhnliches. Ich sehe aus, wie ich aussehe. Ich wurde nicht reich geboren, bin auf keine gute Schule gegangen. Es gibt talentiertere Schriftsteller als mich – haufenweise. Aber allen Umständen zum Trotz ist mein Traum wahr geworden. Wenn so etwas mir passieren kann, dann sitzt da draußen vielleicht jemand im Dunkeln und denkt: Das kann auch mir passieren. Verstehen Sie? Ich bin ein Platzhalter.“ Auf die Frage, was genau sein Traum gewesen sei, antwortet Sedaris ohne Zögern: „Anerkennung. Mein Bedürfnis nach Anerkennung ist grenzenlos. Es gibt keinen Punkt, den ich jemals erreichen könnte, an dem ich sagen würde: ´Ich hab genug´.“

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