Allein leben Horrorvorstellung oder lebensfrohe Alternative?
Über zwei Millionen Homosexuelle und queere Menschen in Deutschland leben allein, so die Daten des Bundesamtes für Statistik. Im Schnitt ist jeder fünfte Bundesbürger (20,6%) „Home Alone“, insgesamt rund 17 Millionen Menschen. Die Bundesbehörde betont dabei überdies, dass die Zahl der alleinlebenden Menschen in den letzten zwanzig Jahren rapide angestiegen ist um fast 22 Prozent. Noch im Jahr 2004 gab es nur 14 Millionen Deutsche, die nicht mit einem Partner, einer Familie oder mit Kindern zusammenlebten.
Senioren und junge Männer
Einmal mehr besonders betroffen davon sind Senioren – in der Altersgruppe 65+ lebt inzwischen jeder Dritte (34%) alleine, bei den über 85-Jährigen ist es sogar mehr als jeder Zweite (56%). Ein Problem, das besonders auch in der schwulen Senioren-Community stark ausgeprägt ist, bedingt unter anderem durch den Schwulen-Verbotsparagrafen 175, der für viele schwule Männer ein normales Beziehungsleben lange Zeit massiv erschwerte. Erst 1994 wurde der Paragraf final abgeschafft. Die zweite große Problemgruppe in der Community sind junge Menschen, die spätestens seit der Corona-Pandemie verstärkt mit Depressionen und Einsamkeit zu kämpfen haben. Die neuste Datenlage zeigte dabei auf: Auch unter den 25- bis 34-Jährigen ist der Anteil der Singles mit 28 Prozent überdurchschnittlich hoch.
Gerne werden in diesem Zusammenhang die Nachteile des Alleinlebens aufgezählt – von einem höheren Risiko für Armut über gesundheitliche Probleme bis hin zu Depressionen. Und in der Tat ist Einsamkeit ein großes Problem in Deutschland, jeder dritte (35,9%) junge Mensch unter 30 Jahren fühlt sich einsam, im gesamtgesellschaftlichen Durchschnitt sind es „nur“ knapp 16 Prozent. Deutschland kommt dabei zudem eine besondere Rolle inne: Anteilig leben hier mehr Menschen allein als in den meisten anderen Staaten der Europäischen Union. Laut der europäischen Statistikbehörde Eurostat beträgt der Durchschnitt der Alleinlebenden in der EU gerade einmal rund 16 Prozent. Deutschland ist mit über 20 Prozent also einer der Spitzenreiter. Das zeigt sich auch mit Blick auf Einpersonenhaushalte: Sie sind in Deutschland mit fast 42 Prozent der häufigste Haushaltstyp. In den letzten zwanzig Jahren lebten immer mehr Menschen allein in einer Wohnung. Schätzungen des Bundesamtes für Statistik zufolge wird sich diese Zahl bis 2040 bei 45 Prozent einpendeln. Bleibt eine Frage offen: Wie schlimm ist das wirklich?
Schwule, die bewusst allein leben
Für viele schwule Männer bedeutet das Leben als Single nicht zwangsläufig Einsamkeit oder Frust. Tatsächlich schätzen viele die Freiheit, die mit einem solchen Lebensstil einhergeht. Es gibt eine Vielzahl von Gründen, warum das Alleinsein ein bewusst gewählter Lebensstil sein kann, der zu mehr Zufriedenheit führt. Der größte Vorteil des Alleinlebens als schwuler Mann ist die Unabhängigkeit. „Ich kann tun, was ich will, wann ich will“, sagt Daniel (34), ein schwuler Mann aus Berlin, der seit mehreren Jahren ohne Partner lebt. „Kein Kompromiss, keine Kompromisse in Bezug auf den Lebensstil oder auf die Entscheidung, was wir am Wochenende machen. Ich genieße es, mich nach meinen eigenen Bedürfnissen zu richten.“
Daniel schätzt besonders die Freiheit, seinen eigenen Tagesablauf zu gestalten, ohne Rücksicht auf die Wünsche eines Partners nehmen zu müssen. Allein zu leben bedeutet, dass man der Herr über den eigenen Raum und Zeit ist. Ob es darum geht, spontan ein Wochenende zu verreisen, die Wohnung nach eigenem Geschmack zu gestalten oder den Fernseher den ganzen Abend lang zu dominieren – alles kann nach den eigenen Vorstellungen geschehen. Einmal einen Freitagabend in Ruhe mit Netflix und einem Glas Wein auf der Couch verbringen, statt sich zu einem Dinner-Date zu drängen, ist für viele schwule Singles der Inbegriff von Wohlbefinden.
Fokus auf persönliche Entwicklung
Alleinlebende schwule Männer berichten oft zudem, dass das Leben als Single ihnen ermöglicht hat, sich stärker auf ihre persönliche Entwicklung zu konzentrieren. Sie können ihre Hobbys und Interessen ohne Einschränkungen verfolgen und haben Zeit, an sich selbst zu arbeiten, sei es durch Weiterbildung, Sport oder die Entfaltung kreativer Interessen. „Ich habe Zeit, mehr zu reisen, neue Dinge auszuprobieren und meine beruflichen Ziele zu verfolgen. Ohne den Druck eines Partners kann ich mich auf das konzentrieren, was mir wirklich wichtig ist“, erklärt Felix (28), ein schwuler Grafikdesigner aus Hamburg. Ein Alleinlebensstil kann die Möglichkeit bieten, sich zu entfalten, ohne sich für die Bedürfnisse eines Partners verbiegen zu müssen. Die Zeit, die in eine Partnerschaft investiert werden muss, entfällt hier, sodass Platz für persönliche Ambitionen bleibt. Das Leben als Single bedeutet auch weniger Konflikte, weniger emotionale Belastungen und weniger Stress, der aus der Notwendigkeit resultiert, ständig den Wünschen eines Partners gerecht zu werden.
In einer Beziehung können Kommunikationsprobleme, Missverständnisse und das Fehlen von Kompromissen zu einer emotionalen Belastung führen, die das Wohlbefinden beeinträchtigt. Viele schwule Singles empfinden das Alleinsein als eine Quelle der emotionalen Ruhe. „Ich muss mich nicht ständig mit den Erwartungen eines Partners auseinandersetzen. Wenn ich mit mir selbst in Einklang bin, ist es viel leichter, zufrieden zu sein“, sagt Oliver (40), ein schwuler IT-Spezialist aus Köln. Für viele Alleinlebende bedeutet das Fehlen einer Beziehung weniger emotionalen Stress und mehr Zeit, sich auf sich selbst zu konzentrieren. Dazu kommt auch eine sexuelle Freiheit, die als Single zumeist einfacher und freier gestaltet werden kann – keine Debatten über Monogamie oder verbindliche Beziehungsformen, sondern ein freies Ausleben von sexuellen Wünschen, Träumen und Begierden
Glückliches Single-Leben
Das Leben als Single bedeutet auch, dass man soziale Beziehungen nach den eigenen Wünschen gestalten kann. Schwule Männer, die allein leben, können Freundschaften auf ihre eigene Weise pflegen, ohne Rücksicht auf einen Partner nehmen zu müssen. „Ich verbringe viel Zeit mit meinen Freundinnen und Freunden, die genauso wie ich Single sind, und das ist großartig. Wir gehen auf Partys, ins Kino, auf Reisen – es ist eine lockere und spaßige Zeit“, erklärt Marc (31), ein schwuler Mann aus Stuttgart. In dieser Freiheit steckt oft ein starkes Gefühl der sozialen Erfüllung, weil schwule Singles nicht nur auf einen Partner angewiesen sind, sondern sich auch vielfältige Netzwerke aufbauen können. Während in Beziehungen oft gemeinsame soziale Verpflichtungen und Interaktionen bestehen, können Singles tatsächlich frei wählen, mit wem sie ihre Zeit verbringen, und auch mit unterschiedlichen Menschen aus ihrer Community in Kontakt treten.
Trotz eines zunehmenden Bewusstseins für die Vielfalt von Lebensentwürfen gibt es in vielen Gesellschaften nach wie vor den Druck, in einer Beziehung zu sein oder eine Familie zu gründen. Schwule Männer, die allein leben, können sich diesen Druck entziehen und ein Leben führen, das sie nach ihren eigenen Vorstellungen gestalten, ohne ständig den Erwartungen anderer zu entsprechen. Das klingt für manche vielleicht egoistisch, ist es aber eigentlich nicht. „Ich werde oft gefragt, warum ich noch nicht verheiratet bin, aber ich habe beschlossen, dass ich nicht das Leben eines anderen führen muss, nur weil es von mir erwartet wird“, erklärt Stefan (45), ein schwuler Mann aus München. Das Leben ohne Partner bedeutet, dass man nicht das Gefühl hat, einem gesellschaftlichen Ideal entsprechen zu müssen. In einer Welt, in der Paare und Familien als „Standard“ gelten, kann das bewusste Leben als Single eine Form der Selbstbestimmung und des Widerstands gegen gesellschaftliche Normen darstellen.
Die Schattenseiten des Alleinlebens
Trotz aller Vorteile gibt es auch zahlreiche schwule Männer, die, wie eingangs erwähnt, unter dem Alleinsein leiden. Für sie bedeutet das Leben als Single nicht Freiheit, sondern Einsamkeit, Sehnsucht nach Nähe und den Wunsch nach einer tiefen, romantischen Verbindung. Es gibt mehrere Gründe, warum das Alleinsein für manche Schwule eine belastende Erfahrung ist. Viele schwule Männer, die allein leben, erleben regelmäßig Einsamkeit und ein Gefühl der Isolation. „Ich habe viele Freunde, aber am Ende des Tages fehlt mir jemand, mit dem ich mein Leben teilen kann“, sagt Thomas (38), ein schwuler Arzt aus Düsseldorf. „Es ist schwer, die emotionalen Bedürfnisse zu erfüllen, wenn du niemanden an deiner Seite hast, dem du dich wirklich anvertrauen kannst.“ Die Studie „Living Alone“ der Universität von Kalifornien zeigte auf, dass Einsamkeit und fehlende intime Beziehungen zu einem höheren Risiko für psychische Erkrankungen wie Depressionen und Angststörungen führen können. Besonders bei schwulen Männern, die anderweitig mitunter noch immer mit gesellschaftlicher Ablehnung oder Diskriminierung konfrontiert sind, kann das Fehlen einer stabilen Partnerschaft eine belastende Wirkung auf das emotionale Wohlbefinden haben.
Dazu kommt: In einer Gesellschaft, in der der „normale“ Lebensweg oft in einer Paarbeziehung besteht, kann der Druck, ein „erfolgreiches“ Leben als Single zu führen, erdrückend wirken. Auch in der schwulen Community gibt es eine subtile Vorstellung davon, wie das Leben eines schwulen Mannes auszusehen hat – oft verbunden mit der Erwartung, dass man in einer stabilen Partnerschaft lebt. „Es gibt immer noch diesen ständigen Druck, in einer Beziehung zu sein. Besonders in der schwulen Community gibt es eine bestimmte Vorstellung davon, wie du als schwuler Mann zu leben hast – und das fühlt sich oft wie ein unerreichbarer Standard an, gerade wenn man älter wird“, erklärt Michael (50), ein schwuler Unternehmer aus Frankfurt.
Nähe und Intimität
Ein weiteres großes Problem für schwule Männer, die allein leben, ist das Fehlen von körperlicher Nähe und Intimität. Der Wunsch nach Berührung, Küssen und Sex kann zu einem ständigen emotionalen Bedürfnis werden, das schwer zu befriedigen ist, wenn man alleine lebt, gerade auch dann, wenn schnelle sexuelle Abenteuer via Dating-Apps als wenig befriedigend oder intim wahrgenommen werden. „Ich habe niemanden, den ich einfach mal in den Arm nehmen kann. Und das ist nicht nur in der Nacht hart, sondern auch tagsüber, wenn du das Gefühl hast, nicht wirklich geliebt oder begehrt zu werden“, sagt Florian (33), ein schwuler Mann aus Hannover, der schon seit fünf Jahren Single ist. Für viele schwule Männer stellt der Mangel an körperlicher Nähe eine der größten Belastungen des Alleinseins dar.
Schwule Männer, die unter dem Alleinsein leiden, sehnen sich nach einer stabilen, langfristigen Beziehung, die mehr ist als nur eine flüchtige Affäre. Sie wollen jemanden finden, mit dem sie ihre Zukunft teilen können. „Ich habe nie wirklich den richtigen Partner gefunden, aber ich hoffe noch, dass sich das irgendwann ändert“, sagt Jan (39), ein schwuler Mann aus Berlin, der viele Jahre auf der Suche nach der großen Liebe war. Für einige schwule Männer gibt es das Gefühl, dass ihr Leben erst vollständig ist, wenn sie einen Partner an ihrer Seite haben. „Ich habe alles erreicht, was ich wollte, aber mir fehlt einfach jemand, mit dem ich es teilen kann“, erklärt der 42-jährige Rainer, ein erfolgreicher schwuler Architekt aus Hamburg. „Es fühlt sich so an, als ob etwas fehlt, und ich weiß nicht, wie lange ich das Alleinsein noch ertragen kann.“ Eines ist außerdem klar: Alleinsein kann auch mit höheren finanziellen Belastungen einhergehen, weil man von der Wohnung bis zum Wocheneinkauf oder das Auto alles alleine bezahlen muss.
Freiheit und Einsamkeit
Das Leben als schwuler Single – Ein Leben zwischen Freiheit und Einsamkeit; es bietet sowohl Vorteile als auch Herausforderungen. Während viele schwule Männer die Freiheit und Unabhängigkeit genießen, die mit dem Alleinleben einhergehen, kämpfen andere mit Einsamkeit und dem Wunsch nach einer tiefen, stabilen Partnerschaft. Es gibt keine pauschale Antwort darauf, ob das Leben als Single gut oder schlecht ist – es hängt alles von den persönlichen Bedürfnissen, Wünschen und Lebensumständen ab. Aber eines ist sicher: Das Leben als schwuler Mann, ob allein oder in einer Beziehung, ist einzigartig und kann in jeder Form erfüllend sein, wenn man es zu seinem eigenen macht. Wichtig ist, sich frei von den Vorstellungen anderer zu machen und sich selbst ganz offen zu fragen: Home Alone? Horror oder Heiterkeit?