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Konstantin Wecker // © vvg

Konstantin Wecker Im Interview

vvg - 03.01.2020 - 08:00 Uhr

Konstantin Wecker ist Musiker, Komponist, Schauspieler und Autor. Er gilt als einer der bedeutensten deutschen Liedermacher.

Kürzlich erschien dein Album „Weltenbrand“ mit dem du auf Tournee warst. Beschenkst du dich damit selbst?
Ich singe Lieder, die ich teilweise vor 30-40 Jahren geschrieben habe, aber ich höre sie auf der Tour so, wie ich sie eigentlich schrieb. Man hat nicht immer Gelegenheit sie mit einem 12-köpfigem Orchester aufzuführen. Ich hatte in den 80ern schon Konzerte mit Orchester, was eher mutig war, denn da kam gerade Punk auf. Die Leute sind damals wohl nicht wegen, sondern trotz meiner Musik gekommen.

 

Du lässt dich schwer verorten. Wie würdest du dich selbst beschreiben?
Ich bezeichne mich als Anarcho, weil ich von einer herrschaftsfreien Welt träume. Ich sehe nicht mehr ein, dass es irgendjemanden gibt, der mir etwas befehlen soll. Bedingungsloser Gehorsam hat uns immer nur in den Untergang geführt.

Wenn ich mich musikalisch verorten soll, würde ich den Schubert Franzl als meinen Lehrmeister bezeichnen. Als ich als 18 jähriger Janis Joplin hörte, habe ich mich auch in den Blues und den Soul verliebt. Im Herzen bin ich aber dem Kunstlied verbunden, auch wenn ich den Begriff nicht so mag.

 

Willy ist einer deiner bekanntesten Songs. Hättest du erwartet, dass wir heute wieder da stehen?
Niemand hat sich vorstellen können, dass nach 50 Jahren das Lied wieder so eine Aktualität erhalten würde. Mir kommt es zurzeit vor, wie das letzte Aufbäumen des Patriarchats. Seit 5.000 Jahren haben machtgeile größenwahnsinnige Männer die Geschichte bestimmt. Es ging immer nur darum andere zu beherrschen. Ich wünsche mir eine Gesellschaft mit einem liebevollen Miteinander, wo man sich auch gerne streiten darf. Die Welt muss weiblich werden.

 

Es sind nicht immer die Lauten stark - da fällt gegenwärtig nur Greta auf, wie stehst du zu ihr?
Sie ist ein kluges, junges Mädchen, die von Haus aus schon mal Millionen Feinde hat: dumme Männer und alte Menschen. Die Alten wollen sich am wenigsten von ihr sagen lassen. Dass auf ihrem Asperger herumgeritten wird, finde ich abartig. Asperger ist keine Krankheit, sie hat eine andere Sicht auf die Welt und diese Sicht war dringend notwendig.

 

Du hast zwei Söhne, machst du dir Gedanken um ihre Zukunft?
Natürlich, das ist etwas, was ich mit meinen Söhnen, die politisch wach sind, auch berede. Ich habe Hoffnung, wenn ich mir die Jugend ansehe, weil sie unsere einzige Rettung sein kann. Entweder gibt es ein gemeinsames friedvolles Miteinander oder wir gehen als Menschheit zu Grunde. Wir richten uns zu Grunde, weil wir unsere Umwelt zu Grunde richten und das geht rasanter, potenziell, als es mancher wahrhaben will. Man kann sich nur heftigst dagegen auflehnen und man darf es nicht vom Kapitalismus trennen, der die Ursache ist.

 

Du hast Musicals wie "Ludwig",Hundertwasser" und „Peter“ Pan geschrieben, Personen, die schillerten und Schillerndes schufen. Gibt es Gründe für die Auswahl?
In gewisser Weise habe ich sie als Gegenentwurf zur realen Welt geschaffen. Mein Herz hängt auch immer bei den „seitlich Umgeknickten“, wie sie Hans-Dieter Hüsch immer genannt hat, also immer mehr bei den Verlieren und nicht bei den Gewinnern. Mit denen ist es spannender als ein Smalltalk auf irgendeiner Charity-Prominenten-Bühne.

 

Schwule sind auch schillernd und „seitlich umgeknickt“. Wie stehst du dazu?
Ich habe Menschen vom anderen Ufer immer akzeptiert, Dank meiner Mama. Ich kam als kleiner Junge, mit sieben Jahren nach Hause und erzählte achtungsvoll, der Sepp aus der 10ten ist so ein Starker, der geht immer in den Englischen Garten Schwule klatschen. Meine Mama fragte, ob ich wüßte, dass er da Menschen verprügelt. „Aber es sind Schwule", erwiderte ich. Da antwortete sie eindringlich „Aber es sind doch Menschen“ - und das hat sehr viel in mir bewirkt.

 

Du hast Anfang September die Albert-Schweitzer-Medaille in Frankfurt erhalten, wofür genau?
Ich habe mich zuerst gefragt, ob die wirklich mich meinen, denn wenn man den Namen Albert Schweizer hört, denkt man an einen sehr guten, hoch anständigen Menschen. Ich fühlte mich zuerst nicht würdig. Aber der Laudator Gerald Hüther hat hat mir dann Mut gemacht: Es geht nicht darum, wie Albert Schweizer zu sein, sondern sein Menschenbild weiterzutragen und Anstöße zu geben. Und das würde ich mit meinen Texten und Liedern tun.

 

Deine Biografie heißt „Aus dem schrecklich schönen Leben“. Was war schrecklich, was ist schön?
Und was war schrecklich schön? Meine beiden Knastaufenthalte waren schrecklich, der erste mit 19 aus einer Dummheit heraus; beim zweiten waren es ja bekanntlich die Drogen.

Schön ist bei einem Rückblick in meinem Alter das Glück, in meinem Elternhaus geboren zu sein mit einem antiautoritären Vater und einer strengen, liebevollen Mutter. Als sie mich bei meinem zweiten Knastaufenthalt besuchte, sagte sie mit strahlendem Gesicht: „Bin ich glücklich, dass sie dich verhaftet haben." Das sagte sie nicht aus moralischen Gründen, sondern weil sie wusste, dass ich es sonst nicht überlebt hätte. Das war ein schrecklich schöner Moment.

Besonders glücklich macht mich und das wird mir immer bewusster: mir wurden so schöne Sätze, Gedanken und Melodien geschenkt. Da bin ich Mystiker, denn es gibt so viel, was wir mit unserer Ratio nicht erfassen können. Ich merke in so kreativen Momenten, da strömt etwas durch dich hindurch, was du dir nicht erdenken konntest.

 

Ich habe Angst - Wovor hast du Angst?
„Ich hab Angst um die Kinder und Narren - die Verwundbaren und die Bizarren, …“. Auch um die Schwulen, heute mehr noch als vor zehn Jahren. Auf die wird wieder eingeprügelt in dem System, das uns droht. Das dürfen wir nicht aus den Augen lassen. Wir müssen alles dafür tun, dass sich weltweit nicht wieder das faschistische System durchsetzt.

Wenn ich an Polens Demokratie denke, oder an Bolsenaro, den brasilianische Präsident, der ein Faschist durch und durch ist, macht mir das Angst. Homophobie, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit sind eindeutige Vorzeichen. Aber es gibt auch Lichtblicke, wenn ich an Friday for Future denke oder an mein geliebtes Italien, wo Salvini wenigstens zurzeit mal abgesägt ist.

Konstantin Wecker // © vvg

Wann und wo ist deine Toleranz zu Ende?
Je älter ich werde, neige ich dazu, nicht die Menschen zu verurteilen, sondern ihre Taten und Worte. Dagegen werde ich mich wehren. Aber was kann ein Kind entscheiden? In welchem Elternhaus es heranwächst? Welchen Einflüssen es ausgesetzt ist? Welche Traumata es an Gewalt, Krieg, Flucht, Unterdrückung, Zwang oder ideologischer Gesinnung in jungen Jahren erlebt?

 

Welche Ereignisse in deinen siebzig Jahren findest du rückblickend am bedeutensten?
Viele würden sagen, die Öffnung der Mauer: Ich fand das gut, aber ich habe damals schon geahnt, dass es weniger eine Vereinigung, als ein Ausverkauf wird.

Für mich war es die Zeit vor den 68ern, die Zeit der ersten Kommunen. Dann die 68er Revolte mit dem bewundernswerten Rudi Dutschke, die Hippies, die Sprüche: „Make Love - Not War“, Woodstock, Martin Luther King, die Frauenbewegung, Stonewall. Es war die Zeit, wo die „Seitlich Umgeknickten“ beschlossen haben: „Wir richten uns auf!“ Damals haben wir Demokratie erlernt. Danach sind wir alle miteinander zu träge geworden …

 

Das soll dann alles gewesen sein?
Das Lied habe ich vor 40 Jahren geschrieben und es paßt heute wunderbar zu Friday for Future“, zu den Jugendlichen, die die Demokratie wieder beleben. „Gerodete Dschungel, zerdachte Natur, bald bleibt den tapfersten Bäumen nur noch übrig, zerhackt und mit Politur vom Blühen und Werden zu träumen ... Es ist traurig, dass sich in 40 Jahren nichts verändert hat.

 

Poesie und Wiederstand - Was veranlasst dich immer noch weiter künstlerisch zu kämpfen?
Ich hoffe, ich mache es noch die nächsten Jahre; ich werde natürlich nicht mehr in Jahrzehnten planen. Ich habe nach wie vor eine Riesenfreude auf der Bühne und wenn ich es stimmlich und körperlich schaffe, mache ich weiter. Ich merke, meine Stimme ist meinem Publikum sehr wichtig. Ich bekam jüngst von einem älteren Mann die Mail: „Ich wollte eigentlich dem lieben Gott einen guten Mann sein lassen, aber ich war in ihrem Konzert und ich verspreche ihnen, ich engagiere mich weiter.“ Das ist doch gut; ich kann meinem Publikum Mut machen und es macht mir Mut. Denn wenn ich ganz allein mit meiner spitzen Feder schreiben würde, könnte es schnell passieren, dass man zynisch wird.

Welches ist für dich das „Lied der Lieder“?
Vielleicht ist mein Lied der Lieder, was mir auch oft von der jüngeren Generation gesagt wird: „Ich singe, weil ich ein Lied hab, nicht weil es euch gefällt" Das ist vielleicht auch das Motte für mein ganzes künstlerisches Schaffen. Heute würde ich singen: „Ich singe, weil mich ein Lied hat …“.

Hast du Vorbilder und welche Persönlichkeit schätzt du weshalb?
Ich habe Brecht immer verehrt. Vor 20 Jahren habe ich von seinen Erben die Erlaubnis bekommen, einige seiner Texte zu vertonen. Ich habe mich aber von Brecht nicht zu sehr beeinflussen lassen, weil er mir doch sehr nah war. Ich habe mich eher von Gottfried Benn, Rilke oder Hermann Hesse beeinflussen lassen, die waren weiter weg von mir.

Siehst du Nachfolger, die in deine Fußstapfen treten?
Ja, da gibt es schon einige. Aber es gibt auch welche, zu denen ich sage: Wenn ihr nur berühmt werden wollt, um viele Likes zu bekommen, dann geht zu Dieter Bohlen. Bei mir lernt ihr nur, wie ihr euch mit euren Texten ausdrücken könnt. Wenn ihr das wollt, dann seid ihr bei mir richtig.“

Woran arbeitest du derzeit?
Mein nächstes Programm wird „Eine Konzert-Reise nach Utopia“ heißen. Wir müssen diese Utopie, die Wirklichkeit eines liebevollen Miteinanders leben. Ich bewahre mir im tiefsten Herzen, die utopische Idee eines menschlichen, freien Miteinanders.

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