Immer mehr Menschen suchen Unterstützung bei gemeinnützigen LGBTIQ+-Organisationen in Großbritannien. Doch ausgerechnet in einer Zeit wachsender Nachfrage stehen den Einrichtungen weniger finanzielle Mittel zur Verfügung. Eine neue Untersuchung zeigt, dass die Finanzierung des Sektors zwischen 2023 und 2025 inflationsbereinigt um 8,6 Prozent zurückgegangen ist. Vertreter der Organisationen warnen deshalb jetzt davor, dass zahlreiche Hilfsangebote an ihre Belastungsgrenze geraten.
Das Wichtigste im Überblick
- Finanzierung geht zurück: Die Mittel für gemeinnützige LGBTIQ+-Organisationen in Großbritannien sanken zwischen 2023 und 2025 inflationsbereinigt um 8,6 Prozent.
- 2025 erhielten die untersuchten Organisationen insgesamt 53,3 Millionen Pfund. Auf sie entfielen lediglich fünf Pence von jeweils 100 Pfund, die landesweit an gemeinnützige Einrichtungen gespendet wurden.
- Nachfrage steigt deutlich: 72 Prozent der befragten Organisationen berichten, dass sich immer mehr Menschen an sie wenden und Unterstützung benötigen.
- Private Gelder halten Angebote aufrecht: Sechs von zehn der kleinsten untersuchten Einrichtungen greifen regelmäßig auf das eigene Geld ihrer Mitglieder zurück, um Aktivitäten und Hilfsangebote zu finanzieren.
- Abhängigkeit von wenigen Förderern: Nur 20 Geldgeber stellen 88 Prozent der erfassten finanziellen Unterstützung bereit.
- Mitarbeiter zunehmend belastet: Der Bericht nennt Sicherheitsbedenken, eine Verschlechterung des Wohlbefindens und Burnout als zusätzliche Probleme.
- Verbände fordern mehr Investitionen: Angesichts sinkender Mittel und eines zunehmend feindseligen gesellschaftlichen Klimas warnen die Organisationen vor einer weiteren Verschärfung der Lage.
Weniger Geld, mehr Hass
Für den Bericht wurden mehr als 770 ehrenamtlich getragene und gemeinnützige Organisationen untersucht. Veröffentlicht wurden die Ergebnisse vom LGBT+ Fund und dem Consortium, einem Dachverband von LGBTIQ+-Organisationen. Die Analyse macht deutlich, wie stark viele Einrichtungen bereits auf ehrenamtliche Arbeit und private finanzielle Unterstützung angewiesen sind. Die Entwicklung bereitet den Verbänden auch deshalb Sorgen, weil die wirtschaftlichen Schwierigkeiten mit zunehmenden gesellschaftlichen Anfeindungen gegen LGBTIQ+-Menschen zusammentreffen. Neben fehlendem Geld werden deshalb auch die Sicherheit von Mitarbeitern und ehrenamtlichen Helfern sowie deren psychische Belastung zu einem immer größeren Problem.
Fördermittel sinken weiter
Die untersuchten Einrichtungen erhielten im Jahr 2025 insgesamt 53,3 Millionen britische Pfund an erfasster finanzieller Unterstützung. Im Verhältnis zum gesamten Spendenaufkommen für gemeinnützige Organisationen in Großbritannien ist dies nur ein sehr geringer Anteil. Von jeweils 100 Pfund, die landesweit an gemeinnützige Einrichtungen gespendet wurden, entfielen lediglich fünf Pence auf den LGBTIQ+-Sektor. Zwei Jahre zuvor waren es noch sechs Pence je 100 Pfund gewesen. Auch unter Berücksichtigung der Preisentwicklung zeigt sich ein deutlicher Rückgang. Zwischen 2023 und 2025 verringerte sich die Finanzierung real um 8,6 Prozent. Damit können die Organisationen mit den vorhandenen Mitteln weniger Leistungen finanzieren als zuvor. Emma Miller-McCaffrey, Entwicklungsmanagerin des LGBT+ Fund, sieht in den Ergebnissen einen Beleg dafür, wie viel die Einrichtungen trotz begrenzter finanzieller Möglichkeiten leisten. „Wir hören häufig, wie Organisationen aus dem ehrenamtlichen LGBTIQ+-Sektor darüber sprechen, wie viel sie mit so wenigen Mitteln leisten. Aber der Bericht des LGBT+ Fund belegt dies nun tatsächlich.“
20 Geldgeber finanzieren den Großteil
Besonders auffällig ist die Konzentration der finanziellen Unterstützung auf eine kleine Zahl von Förderern. Nach den Ergebnissen der Untersuchung stammen 88 Prozent der gesamten erfassten Mittel von lediglich 20 Geldgebern. Diese Abhängigkeit stellt aus Sicht der Verbände ein erhebliches Risiko dar. Wenn einzelne Förderer ihre Schwerpunkte verändern, Zuschüsse kürzen oder sich vollständig aus der Finanzierung von LGBTIQ+-Projekten zurückziehen, könnte dies zahlreiche Einrichtungen gleichzeitig treffen. Für die Organisationen bedeutet dies eine zusätzliche Unsicherheit bei der Planung ihrer Angebote. Selbst wenn eine Einrichtung ihre Arbeit über längere Zeit erfolgreich aufgebaut hat, kann eine Veränderung der Förderentscheidungen ihre wirtschaftliche Grundlage gefährden. Die Zahlen zeigen außerdem, dass sich die Finanzierung des Sektors nicht auf eine breite und gleichmäßig verteilte Unterstützung stützt. Vielmehr hängt ein großer Teil der verfügbaren Mittel von den Entscheidungen weniger Geldgeber ab.
Steigende Nachfrage nach Hilfe
Parallel zum finanziellen Rückgang wächst der Bedarf an Unterstützung. Nach Angaben des LGBT+ Fund und des Consortium berichteten 72 Prozent der befragten LGBTIQ+-Organisationen, dass sich inzwischen mehr Menschen an sie wenden. Damit verzeichnen nahezu drei Viertel der untersuchten Einrichtungen eine steigende Nachfrage nach ihren Angeboten. Die Entwicklung betrifft Organisationen, die in unterschiedlichen Bereichen für LGBTIQ+-Menschen tätig sind und Beratungsangebote, Unterstützung oder gemeinschaftliche Aktivitäten bereitstellen. Die Verbände sehen darin eine zunehmende Belastung für die Einrichtungen. Mehr Hilfesuchende bedeuten zusätzlichen organisatorischen und personellen Aufwand, der angesichts knapper finanzieller Ressourcen immer schwieriger zu bewältigen ist. Besonders stark trifft diese Entwicklung kleinere Initiativen, die häufig unmittelbar vor Ort arbeiten und nur über geringe Rücklagen verfügen. Sie können steigende Kosten oder zusätzliche Aufgaben vielfach nicht durch größere Budgets ausgleichen.
Hilfsangebote aus eigener Tasche
Wie angespannt die finanzielle Situation vieler kleiner Organisationen bereits ist, zeigt ein weiteres Ergebnis der Untersuchung. Sechs von zehn der kleinsten befragten Einrichtungen erklärten, dass sie regelmäßig auf private Gelder zurückgreifen müssten, um ihre Arbeit fortsetzen zu können. Damit werden Aktivitäten und Unterstützungsangebote teilweise aus dem persönlichen Geld der Menschen finanziert, die sich in den Organisationen engagieren. Die privaten Beiträge dienen dazu, laufende Angebote und Veranstaltungen trotz fehlender ausreichender Fördermittel zu ermöglichen.
Die Untersuchung unterstreicht zugleich die Bedeutung ehrenamtlicher Helfer für die Arbeit der LGBTIQ+-Organisationen. Zahlreiche Angebote werden von Menschen getragen, die ihre Zeit unentgeltlich zur Verfügung stellen. Emma Miller-McCaffrey würdigte dieses Engagement ausdrücklich, machte jedoch auch auf die Grenzen der Belastbarkeit aufmerksam. „Die Organisationen leisten großartige Arbeit und sind in hohem Maße auf ehrenamtliche Helfer angewiesen, um den Gemeinschaften, für die sie sich in ganz Großbritannien einsetzen, eine breite Palette an Unterstützung und Aktivitäten anbieten zu können. Doch die Realität der sinkenden finanziellen Mittel ist ernüchternd“, erklärte sie. Die finanziellen Schwierigkeiten wirken sich damit nicht nur auf die wirtschaftliche Planung aus. Sie erhöhen auch den Druck auf die Menschen, die die Angebote organisieren und durchführen.
Sicherheitsbedenken und Burnout
Neben der Finanzierung untersucht der Bericht auch die Belastungen, denen Mitarbeiter und ehrenamtliche Helfer ausgesetzt sind. Dabei werden insbesondere Sorgen um die persönliche Sicherheit, ein nachlassendes Wohlbefinden und zunehmende Erschöpfung genannt. Die Autoren verweisen auf ein gesellschaftliches Klima, das gegenüber LGBTIQ+-Menschen zunehmend feindselig geworden sei. Dieses Umfeld könne sich auch auf Organisationen auswirken, die öffentlich für deren Rechte und Interessen eintreten. Die Belastung entsteht damit nicht allein durch den steigenden Arbeitsaufwand. Auch Anfeindungen und Sicherheitsrisiken können den Alltag der Einrichtungen erschweren. Der Bericht nennt zudem Burnout als ein Problem. Die dauerhafte Kombination aus knappen Mitteln, hohen Erwartungen und wachsender Nachfrage kann die Belastbarkeit von Mitarbeitern und ehrenamtlichen Helfern erheblich beanspruchen. Angesichts der Untersuchungsergebnisse fordern der LGBT+ Fund und das Consortium eine deutliche Stärkung der finanziellen Unterstützung für LGBTIQ+-Organisationen.