Direkt zum Inhalt

Streit über US-Volkszählung Fragen über LGBTIQ+-Menschen sind „unerhebliche Merkmale“

Von ms - 05.11.2026 - 11:30 Uhr
US-Volkszählung 2030 sorgt für Streit
Foto: iStock / Bill Oxford
ANZEIGE
Loading audio player...

Die US-Regierung will die Erhebung bestimmter persönlicher Angaben bei der Volkszählung 2030 gesetzlich einschränken. Ein Verordnungsentwurf des Handelsministeriums sieht nun vor, Fragen zur sexuellen Orientierung, der ethnischen Herkunft und der Zugehörigkeit zu Bevölkerungsgruppen ausdrücklich aus den Fragebögen auszuschließen. Die Pläne stoßen bei Menschenrechtsorganisationen, Wissenschaftlern, Stiftungen und zahlreichen Bundesstaaten auf Widerstand.

Das Wichtigste im Überblick

  • Neue Regeln für die Volkszählung: Das US-Handelsministerium will Fragen zur sexuellen Orientierung, ethnischen Zugehörigkeit und Herkunft bei der Volkszählung 2030 ausdrücklich untersagen.
  • LGBTIQ+-Menschen betroffen: Zwar wurden bei bisherigen Volkszählungen keine direkten Fragen zur sexuellen Orientierung gestellt, doch die geplanten Vorgaben sorgen angesichts bereits gestrichener Datenerhebungen für Kritik.
  • Zahlreiche Daten gestrichen: Seit Januar 2025 wurden laut Williams Institute bei rund 360 Datenerhebungen des Bundes Fragen zur sexuellen Orientierung oder Geschlechtsidentität entfernt.
  • Breiter Widerstand: 39 Stiftungen sowie die Generalstaatsanwälte von 23 Bundesstaaten und Washington, D.C., haben Einwände gegen die Pläne erhoben.

Ende der Stellungnahmen

Besonders umstritten ist der Vorstoß vor dem Hintergrund bereits erfolgter Kürzungen bei staatlichen Datenerhebungen über LGBTIQ+-Menschen. Kritiker befürchten, dass wichtige Informationen über gesellschaftliche Benachteiligungen künftig fehlen könnten. In dieser Woche nun endete die öffentliche Stellungnahmefrist für den Entwurf. Nach Angaben des Nachrichtenportals „Inside Higher Ed“ gingen mehr als 143.000 Kommentare ein. Der Vorschlag ist noch nicht rechtskräftig. Über seine endgültige Umsetzung wurde bislang nicht entschieden.

„Unerhebliche Merkmale“

US-Handelsminister Howard Lutnick unterzeichnete den Entwurf bereits.  Darin heißt es: „Auf dem Kurzfragebogen der alle zehn Jahre stattfindenden Volkszählung oder auf irgendeinem anderen Fragebogen, der zur Erfassung der Bevölkerung verwendet wird, dürfen keine Fragen zu Herkunft, ethnischer Zugehörigkeit oder sexueller Orientierung erscheinen.“ Direkte Fragen zur sexuellen Orientierung waren allerdings auch bei früheren US-Volkszählungen nicht enthalten. Das geplante Verbot würde damit zunächst eine bereits bestehende Praxis ausdrücklich festschreiben. Kritiker sehen darin dennoch ein problematisches Signal, insbesondere angesichts der Veränderungen bei anderen staatlichen Statistiken.

Zur Begründung verweist das Handelsministerium auf den „potenziell sensiblen Charakter von Fragen zu Herkunft, ethnischer Zugehörigkeit und sexueller Orientierung“. Der Ausschluss solcher Angaben solle den Aufwand für die Bürger reduzieren und das Risiko einer Offenlegung persönlicher Informationen verringern. In der Zusammenfassung argumentiert das Ministerium außerdem, Volkszählungsdaten dürften nicht „in irgendeiner Weise durch Fragen zu unerheblichen persönlichen Merkmalen verzerrt werden“.

Erfassung homosexueller Paare

Der Entwurf erwähnt weder die Geschlechtsidentität noch gleichgeschlechtliche Partnerschaften ausdrücklich. Zulässig bleiben sollen dagegen bestimmte grundlegende demografische Angaben. „Fragen zum biologischen Geschlecht, zum Geburtsdatum und zu den Beziehungen zwischen Haushaltsmitgliedern können aufgenommen werden“, heißt es in der geplanten Regelung. Bei der Volkszählung 2020 hatte das US-Zensusbüro erstmals getrennte Antwortmöglichkeiten für gleichgeschlechtliche und verschiedengeschlechtliche Ehepaare sowie unverheiratete Partner eingeführt. Dadurch konnten gleichgeschlechtliche Paare statistisch erstmals erfasst werden, ohne dass die Befragten ihre sexuelle Orientierung unmittelbar angeben mussten. Ob diese Antwortmöglichkeiten bei der Volkszählung 2030 erhalten bleiben, geht aus dem aktuellen Verordnungsentwurf nicht hervor.

Entwicklung bereitet Sorgen

Bereits 2020 hatte Meghan Maury, damals politische Direktorin der National LGBTQ Task Force, auf die Bedeutung einer angemessenen statistischen Erfassung hingewiesen. „Auch wenn bei der Volkszählung keine Fragen zur sexuellen Orientierung oder Geschlechtsidentität gestellt werden, ist es dennoch entscheidend, dass wir mitgezählt werden“, erklärte Maury. Die Diskussion über die Volkszählung fällt in eine Phase, in der mehrere Bundesbehörden die Erhebung von Daten zur sexuellen Orientierung und Geschlechtsidentität bereits eingeschränkt haben.

Caroline Medina, leitende Beraterin für Datenpolitik beim Movement Advancement Project, berichtete im März 2026 über entsprechende Veränderungen beim US-Zensusbüro. Die Behörde habe „ihre Forschungsarbeiten zur Prüfung der Machbarkeit einer Aufnahme von Fragen zur Geschlechtsidentität in die American Community Survey eingestellt“, schrieb Medina. Zudem seien entsprechende Angaben aus einer weiteren wichtigen Befragung gestrichen worden. Diese Daten wurden unter anderem genutzt, um Unterschiede beim Zugang zu Wohnraum, Arbeit und Gesundheitsversorgung zu untersuchen.

LGBTIQ+ in den USA

Wie wichtig solche Erhebungen für die Forschung sind, zeigt eine in diesem Jahr veröffentlichte Untersuchung der Human Rights Campaign Foundation. Die Organisation wertete dafür Antworten aus der Household Pulse Survey aus den Jahren 2021 bis 2024 aus. Auf dieser Grundlage schätzte sie, dass in den Vereinigten Staaten rund 26,5 Millionen erwachsene LGBTIQ+-Menschen leben. HRC-Präsidentin Kelley Robinson verwies bei der Veröffentlichung auf die gesellschaftliche Bedeutung dieser Bevölkerungsgruppe. „Wir sind keine kleine gesellschaftliche Randgruppe, und keine politische Kampagne, keine Marke und kein Arbeitgeber kann es sich leisten, uns als solche zu behandeln“, erklärte Robinson. Tari Hanneman, leitende Direktorin für Forschung und Bildung bei der HRC Foundation, betonte den Stellenwert verlässlicher Statistiken. „Verlässliche Daten sind unerlässlich, um zu verstehen, wer in diesem Land lebt und was unsere Gemeinschaften brauchen, um sich gut entwickeln zu können“, sagte Hanneman.

Mangelnde Datenerhebung

Die Veränderungen bei der staatlichen Datenerhebung reichen über Fragen zur Bevölkerung hinaus. Nach Angaben von Caroline Medina wurden auch bei der jährlichen Unternehmensbefragung des Zensusbüros, der Annual Business Survey, entsprechende Angaben gestrichen. Damit entfalle eine wichtige Grundlage für Untersuchungen über Unternehmen, die sich im Besitz von LGBTIQ+-Menschen befinden. Die Streichung „beseitigt die einzige landesweit repräsentative Datenquelle des Bundes über Arbeitgeberunternehmen im Besitz von LGBTIQ+-Menschen“, schrieb Medina. 

Die Folgen könnten insbesondere Wissenschaftler, Wirtschaftsverbände und politische Entscheidungsträger betreffen, die auf verlässliche Informationen über unterschiedliche Unternehmensgruppen angewiesen sind. Auch das Williams Institute dokumentierte einen erheblichen Rückgang entsprechender Datenerhebungen. In einem Bericht vom Februar 2026 untersuchte das Institut die Entwicklung seit Beginn der zweiten Amtszeit von US-Präsident Donald Trump. Ihr Ergebnis: „Seit dem 20. Januar 2025 wurde bei etwa 360 Datenerhebungen des Bundes eine Frage zur sexuellen Orientierung oder Geschlechtsidentität entfernt.“ Nicht betroffen waren nach demnach allerdings Fragen zum Bestehen gleichgeschlechtlicher Partnerschaften.

Breite Proteste

Gegen den nun aktuellen Verordnungsentwurf des Handelsministeriums haben sich inzwischen zahlreiche gemeinnützige Organisationen ausgesprochen. Insgesamt 39 Stiftungen und Förderorganisationen unterzeichneten eine gemeinsame Stellungnahme. Die Organisationen befürchten, dass sich gesellschaftliche Unterschiede künftig schwerer nachvollziehen lassen könnten. Neben den Stiftungen haben sich auch zahlreiche US-Bundesstaaten gegen die Pläne positioniert. Anfang dieser Woche reichten die Generalstaatsanwälte von 23 Bundesstaaten und Washington, D.C., eine gemeinsame Stellungnahme ein. 

Unterstützung erhielten sie von den Gouverneuren von Kentucky und Pennsylvania. Die Vertreter der Bundesstaaten verwiesen insbesondere auf den Nutzen früherer Erhebungen zur sexuellen Orientierung und Geschlechtsidentität. Frühere Umfragen unter Einbeziehung von Homosexuellen und queeren Menschen hätten es ermöglicht, „Ungleichheiten sichtbar zu machen“, mit denen LGBTIQ+-Menschen beim Wohnen, auf dem Arbeitsmarkt und im Gesundheitswesen konfrontiert seien. Chioma Chukwu, Geschäftsführerin der gemeinnützigen Organisation American Oversight, erklärte in einer von „Inside Higher Ed“ zitierten Stellungnahme: „Die Volkszählung soll alle Menschen zählen.“

Anzeige

Auch Interessant

Millionen LGBTIQ+-Schüler

Große Herausforderungen an Schulen

Mehr als elf Millionen Schüler besuchen Deutschlands Schulen, darunter auch rund 2,48 Millionen LGBTIQ+-Jugendliche. Viele erleben Mobbing und Angst.
Gerechtigkeit nach 14 Jahren

Gericht stärkt Versammlungsfreiheit

Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte verurteilte jetzt die Ukraine wegen eines Polizeieinsatzes gegen LGBTIQ+-Aktivisten im Jahr 2012.
Hass-Gewalt in Kamerun

Trans* Frau brutal angegriffen

Die Lage für LGBTIQ+-Menschen spitzt sich in Kamerun weiter zu, jetzt wurde eine trans* Frau erneut Opfer brutaler Gewalt.
Russland unter Druck

Škoda droht mit Sponsoring-Aus

Russlands Vorgehen gegen LGBTIQ+-Menschen und der Krieg gegen die Ukraine belasten das Land. Nun wächst auch im Eishockey der Widerstand.
Klage gegen Eliteuniversität

Suizid erschüttert US-Community

Nach dem Suizid einer nicht-binären Person erhebt deren Mutter schwere Vorwürfe gegen die Cornell University. Eine Klage soll Versäumnisse aufklären.
Neue Eskalation in England

Streit um Konversionstherapien

Die britische Opposition kritisiert das geplante Verbot von Konversionstherapien. Die Regierung weist Warnungen vor Eingriffen in die Erziehung zurück

Demokraten unter Druck

Wahlsieg mit Widersprüchen

Nach dem historischen Wahlsieg der Demokraten fordert die Human Rights Campaign einen konsequenten Schutz von LGBTIQ+-Rechten.
Hubert Aiwanger ist tot

Streit um queere Sichtbarkeit

Bayerns Vize-Regierungschef starb mit 55 Jahren. Seine Angriffe auf Drag-Lesungen und Conchita Wurst sorgten für Streit.
Neonazis vernetzen sich

Homophobie verbindet Rechtsextreme

Ukrainischstämmige Neonazis vernetzen sich in Baden-Württemberg mit deutschen Rechtsextremen. Besonders LGBTIQ+ Menschen geraten ins Visier.