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Appell an queere Menschen Streit um Rechte spaltet Großbritannien

Von ms - 03.11.2026 - 13:30 Uhr
Appell an queere Menschen
Foto: IMAGO / Avalon.red
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Viele queere und trans* Menschen in Großbritannien haben nach eigenen Angaben zunehmend das Gefühl, gesellschaftlich ausgegrenzt zu werden. Einige ziehen sich deshalb aus öffentlichen Bereichen zurück. Das geht aus einer neuen Untersuchung der britischen LGBTIQ+-Organisation Stonewall hervor. Stonewall-Geschäftsführer Simon Blake richtete sich jetzt mit einem Appell an die Community. 

Das Wichtigste im Überblick

  • Sinkende Akzeptanz: 58 Prozent der befragten trans* Menschen und 75 Prozent der trans* Frauen fühlen sich gesellschaftlich weniger akzeptiert als vor zehn Jahren.
  • Rückzug aus dem Alltag: Fast die Hälfte der trans* Befragten meidet bestimmte Bars und Restaurants. 37 Prozent verzichten auf bestimmte Toiletten und Umkleideräume.
  • Großer Pessimismus: 80 Prozent der trans* Befragten blicken pessimistisch auf die Zukunft der Gleichberechtigung.
  • Neue Strategie: Stonewall-Geschäftsführer Simon Blake will den gesellschaftlichen Dialog versachlichen und zugleich den Schutz von trans* Menschen sicherstellen.

Pessimismus in trans* Community

Es handelt sich um die erste größere Analyse seit dem Urteil des britischen Obersten Gerichtshofs vom April 2025, wonach sich der Begriff Geschlecht im britischen Gleichstellungsgesetz nur auf das biologische Geschlecht bezieht. Während sich fast die Hälfte der befragten LGBTIQ+-Menschen heute gesellschaftlich stärker akzeptiert fühlt als vor zehn Jahren, berichten 58 Prozent der trans* Befragten von einer Verschlechterung. Unter trans* Frauen liegt dieser Anteil sogar bei 75 Prozent. Fast die Hälfte der trans* Befragten meidet inzwischen bestimmte Bars und Restaurants, weil sie sich dort nicht sicher fühlt. 37 Prozent verzichten auf die Nutzung bestimmter geschlechtergetrennter Einrichtungen wie Toiletten und Umkleideräume. Weitere 29 Prozent meiden Sportkurse oder Sportmannschaften. Besonders auffällig ist der Blick in die Zukunft: 80 Prozent der trans* Befragten äußerten sich pessimistisch über die weitere Entwicklung der Gleichberechtigung. Als Stonewall 2017 eine vergleichbare Frage stellte, überwog dagegen noch die Hoffnung auf Fortschritte.

Weitreichende Folgen

Stonewall-Geschäftsführer Simon Blake sieht durch die Entscheidung des Obersten Gerichtshofs erhebliche Auswirkungen auf das Leben von trans* Menschen. Er verweist unter anderem auf Warnungen, dass trans* Patienten künftig aus Sorge vor Diskriminierung auf notwendige Krankenhausbehandlungen verzichten könnten. „Wenn man das Gefühl hat, dass Richtlinien die eigene Möglichkeit beeinträchtigen, am öffentlichen Leben teilzunehmen, sich behandeln zu lassen, wenn man krank ist, oder die Toiletten zu benutzen, die man am Arbeitsplatz seit zehn Jahren problemlos verwendet – wenn es sich so anfühlt, als seien die eigenen Rechte zweitrangig statt gleichwertig –, dann macht einen das unglaublich pessimistisch“, so Blake gegenüber dem britischen Guardian. Einige Frauenrechtsverbände und genderkritische Aktivisten weisen die Darstellung zurück, das Urteil bedeute für sie einen Fortschrift für die Wahrung der Rechte von Frauen. 

Diskriminierung bleibt Diskriminierung

Blake betonte weiter, dass Stonewall nicht beabsichtige, das Urteil des Obersten Gerichtshofs aufheben zu lassen. „Wir verstehen, dass dies geltendes Recht ist. Aber wir wollen auch sicherstellen, dass trans* Menschen geschützt werden, und wir prüfen gemeinsam mit anderen Organisationen, wie das aussehen könnte.“ Diskriminierung aufgrund einer Geschlechtsangleichung bleibe nach britischem Recht weiterhin verboten. Auch die Richter des Obersten Gerichtshofs hätten betont, dass ihre Entscheidung nicht als Sieg einer Seite über die andere in einem erbitterten Kulturkampf verstanden werden solle. „Es liegt an der Regierung, unseren Aufsichtsbehörden und allen Verantwortlichen, die Auswirkungen zu verstehen und dort Maßnahmen zu ergreifen, wo negative Folgen auftreten“, sagte Blake.

Fortschritt braucht Zeit 

Die zurückhaltendere Strategie des Geschäftsführers steht laut dem Guardian auch im Zusammenhang mit der schwierigen Entwicklung seiner Organisation. Zahlreiche Institutionen, darunter britische Ministerien und die BBC, haben sich seit 2024 aus dem Stonewall-Programm zur Förderung von Vielfalt am Arbeitsplatz zurückgezogen. Dieses Programm war eine wichtige Einnahmequelle für die Organisation gewesen. Hintergrund waren Kontroversen über die politischen Methoden von Stonewall und die Qualität der rechtlichen Beratung. Um das öffentliche Vertrauen zurückzugewinnen, orientiert sich Blake nun demnach an den Anfangsjahren der Organisation.

Damals hatte Stonewall versucht, gesellschaftliche Veränderungen durch Gespräche und Überzeugungsarbeit zu erreichen. Blake lud deshalb erfahrene Mitstreiter wie den Schauspieler Ian McKellen ein, mit Mitarbeitern über erfolgreiche Kampagnen in gesellschaftlich schwierigen Zeiten zu sprechen. McKellen gehörte 1989 zu den Mitbegründern von Stonewall. „Fortschritt braucht Zeit. Man muss Menschen zusammenbringen, Gespräche ermöglichen und manchmal pragmatisch sein“, beschrieb Blake seine Strategie.

Entschlossenheit und Kompromiss

Stonewall müsse nach Ansicht seines Geschäftsführers weiterhin entschieden für die Interessen der LGBTIQ+-Gemeinschaft eintreten. Gleichzeitig dürfe die Organisation nicht jede politische Auseinandersetzung ausschließlich auf Konfrontation ausrichten. „Unser erster Grundwert war der Mut, das zu tun, was wir für das Beste im Interesse der LGBTIQ+-Gemeinschaft halten. Manchmal bedeutet das, wirklich sehr, sehr schnell voranzugehen, und manchmal muss man erkennen, dass es zunächst einen ersten Schritt braucht.“ Blake will erreichen, dass unterschiedliche Auffassungen offen diskutiert werden können, ohne dass Gespräche in persönliche Angriffe umschlagen. Ähnliche Auseinandersetzungen habe Stonewall bereits bei früheren Reformen erlebt. „Wir haben dieselben Gespräche über die gleichgeschlechtliche Ehe und das Schutzalter geführt“, sagte er.

Kulturkampf schreitet voran

Blake führt die Entwicklung unter anderem auf den veränderten gesellschaftlichen Umgang mit trans* Menschen zurück. Vor zehn Jahren sei das öffentliche Wissen über trans* und nicht-binäre Menschen deutlich geringer gewesen. Die Themen hätten damals noch nicht im Mittelpunkt eines langjährigen politischen Kulturkampfs gestanden. Heute werde häufig über das Leben von trans* Menschen gesprochen, als handele es sich um abstrakte politische Fragen und nicht um die tatsächlichen Erfahrungen einzelner Menschen. Diese Art der Debatte könne dazu führen, dass sich Betroffene entmenschlicht fühlten. Auch die frühere Haltung mancher Aktivisten, über mögliche Konflikte zwischen trans* Rechten und Frauenrechten überhaupt nicht diskutieren zu wollen, wurde im Gespräch mit Blake thematisiert. 

Auf die Frage, ob diese als „Keine Debatte“ bekannte Position kontraproduktiv gewesen sei, verwies er auf die damalige Situation. Aus seiner Erinnerung sei es zunächst darum gegangen, anzuerkennen, dass trans* Menschen existierten und an Gesprächen über ihre Rechte beteiligt werden müssten. Wenn trans* Menschen bei bestimmten Diskussionen tatsächlich mit am Tisch gesessen hätten, seien diese Gespräche teilweise so schwierig gewesen, dass sich Betroffene nicht mehr in der Lage gesehen hätten, sich daran zu beteiligen. Blake plädiert deshalb für einen anderen Umgang mit Meinungsverschiedenheiten. „Jeder muss Fragen stellen können, wir müssen diskutieren können, aber wir müssen Wege finden, das ohne aufgeheizte Stimmung zu tun.“

Verbot von Konversionsmaßnahmen

Einem zweiten wichtigen Thema misst Blake dabei eine besondere Bedeutung bei: Dem seit über acht Jahren geplanten britischen Verbot sogenannter Konversionsmaßnahmen.   Dabei handelt es sich um Praktiken, die darauf abzielen, die sexuelle Orientierung oder Geschlechtsidentität eines Menschen zu verändern oder zu unterdrücken. Derzeit wird im britischen Parlament über entsprechende gesetzliche Regelungen beraten. Blake hält es für entscheidend, dass ein solches Verbot auch trans* Menschen einschließt. Für ihn sei damit eine wichtige gesellschaftliche Botschaft verbunden: „Du musst nicht verändert werden, du bist gut genug.“ Genau diese Bestätigung hätte er nach eigenen Angaben auch selbst als schwuler Jugendlicher gebraucht.

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