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Einsamkeit trifft Senioren Angst Homosexueller vor Diskriminierung im Pflegeheim

Von ms - 29.10.2026 - 13:00 Uhr
Einsamkeit trifft Senioren
Foto: iStock / Ridofranz
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Wer jahrzehntelang für ein selbstbestimmtes Leben gekämpft hat, möchte seine Identität im Alter nicht erneut verbergen müssen. Doch genau diese Sorge begleitet zahlreiche ältere lesbische, schwule und bisexuelle Menschen. Besonders groß ist die Unsicherheit, wenn gesundheitliche Einschränkungen zunehmen und Unterstützung durch Pflegekräfte oder Betreuungseinrichtungen notwendig wird.

Das Wichtigste im Überblick

  • Im Vereinigten Königreich stieg die Zahl lesbischer, schwuler und bisexueller Menschen ab 50 Jahren zwischen 2019 und 2024 um rund ein Drittel auf 457.000.
  • Mehr als die Hälfte der schwulen und bisexuellen Männer ab 65 Jahren lebt allein. Bei heterosexuellen Männern derselben Altersgruppe ist es weniger als ein Viertel.
  • Nur 55 Prozent der schwulen und bisexuellen Männer über 50 sind sicher, im Bedarfsfall Hilfe zu bekommen. Bei heterosexuellen Männern sind es 69 Prozent.
  • Gesundheitliche und finanzielle Unterschiede: Bisexuelle Menschen berichten häufiger von schlechter Gesundheit. Homo- und bisexuelle Menschen über 50 wohnen zudem häufiger zur Miete.
  • Sorge vor Pflegebedürftigkeit: Viele Betroffene befürchten, ihre sexuelle Orientierung in Pflegeeinrichtungen wieder verbergen zu müssen.
  • Forderung nach Verbesserungen: Das Centre for Ageing Better verlangt aussagekräftigere Statistiken, geschultes Pflegepersonal und mehr Mitbestimmung älterer homosexueller Menschen.

Zu wenig Berücksichtigung 

Auf die Situation machte jetzt das britische Centre for Ageing Better in seinem neuen Bericht aufmerksam. Die Untersuchung zur Situation älterer homo- und bisexueller Menschen in England beschreibt soziale, gesundheitliche und wirtschaftliche Ungleichheiten, die teilweise auf jahrzehntelange Diskriminierung zurückgeführt werden. Ein zentrales Problem ist nach Einschätzung der Organisation, dass die Bedürfnisse dieser Bevölkerungsgruppe in der Sozialpolitik und bei der Planung von Pflegeangeboten bis heute nicht ausreichend berücksichtigt werden. Dabei wächst ihre Zahl deutlich.

Zwischen 2019 und 2024 erhöhte sich die Zahl lesbischer, schwuler und bisexueller Menschen ab 50 Jahren im Vereinigten Königreich von 343.000 auf 457.000. Das entspricht einem Anstieg um etwa ein Drittel. Unter heterosexuellen Menschen derselben Altersgruppe betrug das Wachstum im gleichen Zeitraum lediglich vier Prozent. Die Entwicklung dürfte sich in den kommenden Jahrzehnten fortsetzen. In jüngeren Generationen ist der Anteil der Menschen, die sich als LGBTIQ+ bezeichnen, höher als in älteren Jahrgängen.

Fehlende Daten 

Obwohl die Zahl älterer homo- und bisexueller Menschen zunimmt, fehlen nach Angaben des Centre for Ageing Better weiterhin wichtige statistische Informationen über ihre Lebensbedingungen. Insbesondere die Erfassung der sexuellen Orientierung im höheren Lebensalter sei unzureichend. Dadurch ließen sich bestehende Benachteiligungen nur eingeschränkt untersuchen. Noch schwieriger werde die Analyse, wenn weitere Faktoren wie Behinderungen oder die ethnische Zugehörigkeit berücksichtigt werden müssten. Sarah Wilkinson, Leiterin der Forschungs- und Analyseabteilung des Centre for Ageing Better, erklärt: „Wenn Menschen statistisch nicht erfasst werden, werden sie auch bei der Gestaltung öffentlicher Politik und der Planung von Dienstleistungen nicht berücksichtigt.“

Die Organisation fordert deshalb das britische Statistikamt Office for National Statistics sowie weitere zuständige Einrichtungen auf, die Datenerhebung zu verbessern. Notwendig seien ausreichend große und repräsentative Stichproben, die auch differenzierte Auswertungen nach Altersgruppen ermöglichen. Nur mit einer verlässlichen Datenbasis könnten Gesundheitsversorgung, Sozialleistungen und Pflegeangebote so gestaltet werden, dass sie die unterschiedlichen Lebenssituationen älterer LGB-Menschen berücksichtigen.

Schwule und bisexuelle Männer 

Die Untersuchung zeigt außerdem deutliche Unterschiede zwischen homosexuellen, bisexuellen und heterosexuellen Menschen bei den Wohnverhältnissen und sozialen Unterstützungsstrukturen. Mehr als die Hälfte der schwulen und bisexuellen Männer ab 65 Jahren lebt allein. Unter heterosexuellen Männern derselben Altersgruppe liegt dieser Anteil bei weniger als einem Viertel. Auch bei den 50- bis 64-Jährigen fällt der Unterschied erheblich aus. Während 39 Prozent der schwulen Männer allein wohnen, sind es bei heterosexuellen Männern 17 Prozent. Bei bisexuellen Frauen dieser Altersgruppe beträgt der Anteil der Alleinlebenden 31 Prozent. Unter heterosexuellen Frauen sind es lediglich 15 Prozent.

Die Wissenschaftler betonen allerdings, dass allein zu wohnen nicht automatisch bedeutet, einsam zu sein. Dennoch kann eine solche Lebenssituation das Risiko sozialer Isolation erhöhen. Außerdem können gesundheitliche Probleme oder alltägliche Aufgaben schwerer zu bewältigen sein, wenn keine verlässlichen Unterstützungsstrukturen vorhanden sind. Das zeigt sich auch bei der Frage, ob im Bedarfsfall Hilfe verfügbar wäre. Nur 55 Prozent der schwulen und bisexuellen Männer über 50 sind sich sicher, auf die Unterstützung einer anderen Person zählen zu können. Bei heterosexuellen Männern beträgt dieser Anteil 69 Prozent.

Wahlfamilien besonders wichtig

Für die Unterschiede bei den sozialen Netzwerken nennt das Centre for Ageing Better mehrere mögliche Erklärungen. Homosexuelle und bisexuelle Menschen haben seltener eigene Kinder. Hinzu kommen mögliche Konflikte oder Kontaktabbrüche innerhalb der Herkunftsfamilie sowie langfristige Folgen gesellschaftlicher Diskriminierung. Dadurch können familiäre Unterstützungsstrukturen fehlen, die für andere ältere Menschen selbstverständlich erscheinen. Eine wichtige Rolle übernehmen deshalb sogenannte Wahlfamilien. Dazu zählen Partnerinnen und Partner, enge Freundschaften, Nachbarn und Menschen aus der LGBTIQ+-Community, zu denen über viele Jahre vertrauensvolle Beziehungen entstanden sind. Solche sozialen Netzwerke können im höheren Lebensalter entscheidend dazu beitragen, Selbstständigkeit zu bewahren und Unterstützung bei Krankheit oder Pflegebedürftigkeit zu erhalten. Die Untersuchung macht deutlich, dass soziale Absicherung nicht ausschließlich über traditionelle Familienmodelle betrachtet werden sollte.

Gesundheit und Wohnen

Neben den sozialen Lebensbedingungen zeigen die Daten auch gesundheitliche Unterschiede. Unter bisexuellen Frauen zwischen 50 und 64 Jahren bezeichnen 16 Prozent ihren Gesundheitszustand als schlecht oder sehr schlecht. Bei heterosexuellen Frauen derselben Altersgruppe sind es acht Prozent. Ein ähnliches Bild ergibt sich bei Männern: 14 Prozent der bisexuellen Männer zwischen 50 und 64 Jahren berichten von schlechter oder sehr schlechter Gesundheit. Unter heterosexuellen Männern beträgt dieser Anteil ebenfalls acht Prozent. Das Centre for Ageing Better weist darauf hin, dass die Ursachen für solche Unterschiede vielfältig sein können. Als mögliche Einflussfaktoren werden Diskriminierungserfahrungen, wirtschaftliche Schwierigkeiten, soziale Isolation und Hindernisse beim Zugang zur medizinischen Versorgung genannt. Diese Belastungen könnten sich über längere Zeit auf die Gesundheit auswirken und bestehende Ungleichheiten im Alter verstärken. 

Ein weiteres Ergebnis betrifft die Wohnsituation älterer Menschen. 17 Prozent der lesbischen, schwulen und bisexuellen Menschen über 50 leben in einer Mietwohnung. Unter heterosexuellen Menschen derselben Altersgruppe beträgt dieser Anteil neun Prozent. Nach Einschätzung der Organisation kann eine solche Wohnsituation zusätzliche wirtschaftliche und gesundheitliche Risiken mit sich bringen. Dazu gehören mögliche Probleme mit Feuchtigkeit, Kälte oder unzureichender Instandhaltung von Wohnungen. Außerdem können Mietkosten die finanzielle Sicherheit im Ruhestand belasten.

Ausgrenzung im Pflegeheim

Besonders problematisch ist nach Einschätzung des Centre for Ageing Better die Situation älterer homo- und bisexueller Menschen, die auf professionelle Pflege oder betreutes Wohnen angewiesen sind. Viele von ihnen sind in einer Zeit aufgewachsen, in der homosexuelle Handlungen strafrechtlich verfolgt wurden und gesellschaftliche Diskriminierung weit verbreitet war. In England und Wales wurden einvernehmliche homosexuelle Handlungen zwischen erwachsenen Männern erst 1967 teilweise entkriminalisiert. Solche Erfahrungen können das Vertrauen in medizinische und pflegerische Einrichtungen bis heute beeinflussen. Viele Betroffene befürchten daher, in Pflegeheimen erneut mit Homophobie konfrontiert zu werden.

Lizzie Gent, Mitglied des Netzwerks Ageing Better Voices, beschreibt diese Sorge: „Die Angst, dass wir mit zunehmendem Alter, wenn wir mehr Unterstützung in Anspruch nehmen, möglicherweise wieder gezwungen sein könnten, zu verbergen, wer wir sind – nachdem wir ein Leben lang offen mit unserer sexuellen Orientierung umgegangen sind –, ist sehr real.“ Diskriminierung kann sich dabei auch in scheinbar alltäglichen Situationen zeigen. Beispielsweise dann, wenn Pflegekräfte grundsätzlich davon ausgehen, dass Bewohner heterosexuell sind, oder wenn gleichgeschlechtliche Partnerschaften nicht als solche anerkannt werden. Auch eine Atmosphäre, in der Menschen nicht offen über ihre persönlichen Beziehungen sprechen können, kann zu Ausgrenzung führen.

Altersdiskriminierung verschärft Probleme

Neben Vorurteilen gegenüber sexueller Orientierung spielt nach Angaben der Organisation auch Altersdiskriminierung eine Rolle. Dieser als Ageismus bezeichnete Mechanismus führt dazu, dass ältere Menschen vor allem über ihre gesundheitlichen Einschränkungen oder ihren Unterstützungsbedarf wahrgenommen werden. Allzu würden laut Gent ältere Homosexuelle und Bisexuelle einfach als ‚alt‘ und als ein „Problem betrachtet, das gelöst werden muss.“ Dabei gerieten individuelle Lebensgeschichten, persönliche Beziehungen und gesellschaftliche Leistungen aus dem Blick. Gerade ältere Menschen aus der Community hätten vielfach an politischen und gesellschaftlichen Veränderungen mitgewirkt, die jüngeren Generationen heute größere Freiheiten ermöglichen. Auch der Zugang zu speziellen Unterstützungsangeboten ist im Vereinigten Königreich ungleich verteilt – während in London vergleichsweise viele Möglichkeiten bestehen, existieren anderenorts fast keine Anlaufstellen.  In Manchester sollen 2027 neue Wohnprojekte für Menschen aus der Community entstehen. Auch in Deutschland entstanden und entstehen entsprechende Wohn- und Gemeinschaftsprojekte.

Bessere Ausbildung von Pflegekräften

Aus den Untersuchungsergebnissen leitet das Centre for Ageing Better mehrere Forderungen ab. Staatliche Stellen und Anbieter von Gesundheits-, Pflege- und Sozialleistungen sollten die Lebensrealitäten älterer homo- und bisexueller Menschen stärker berücksichtigen. Dazu gehört insbesondere eine bessere Schulung des medizinischen und pflegerischen Personals. Beschäftigte müssten lernen, unterschiedliche sexuelle Orientierungen zu respektieren und im Berufsalltag angemessen zu berücksichtigen. Der Bericht erinnert auch an die gesellschaftlichen Leistungen älterer schwuler, lesbischer und bisexueller Generationen, insbesondere der Einsatz für die Entkriminalisierung von Homosexualität oder gegen die Stigmatisierung von Menschen mit HIV und Aids. Diese Erfahrungen dürften nicht in Vergessenheit geraten, nur weil die Betroffenen älter werden.

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