Der Hintern könnte im Laufe der Evolution aus einer Körperöffnung entstanden sein, die ursprünglich der Fortpflanzung diente. Diese ungewöhnliche Theorie erhält durch eine neue wissenschaftliche Untersuchung jetzt zusätzliche Unterstützung. Eine Forschungsarbeit der Universität Bergen in Norwegen hatte bereits zuvor 2025 die Hypothese aufgestellt, dass eine ursprünglich männliche Geschlechtsöffnung im Verlauf der Evolution eine neue Funktion übernommen haben könnte.
Das Wichtigste im Überblick
- Ungewöhnliche Evolutionstheorie: Der Hintern könnte sich aus einer Körperöffnung entwickelt haben, die ursprünglich der Abgabe von Spermien diente.
- Neue wissenschaftliche Erkenntnisse: Eine aktuelle Studie liefert zusätzliche Argumente für eine Hypothese, die 2025 von Forschern der Universität Bergen in Norwegen vorgestellt wurde.
- Kleine Tiere als Schlüssel: Die Wissenschaftler untersuchten einfache Organismen, die nur eine Öffnung für Nahrungsaufnahme und Ausscheidung besitzen, aber über eine separate Geschlechtsöffnung verfügen.
- Parallelen zum Menschen: Die Forschung soll erklären, wie sich im Laufe der Evolution ein durchgehender Verdauungstrakt mit Mund und After entwickelte.
- Debatte über Sexualität: LGBTIQ+-Aktivisten sehen in der Theorie eine ironische Herausforderung für religiöse Vorstellungen, die Analverkehr als Sünde verurteilen.
Fokus auf Meeresorganismen
Im Mittelpunkt steht die Frage, wie sich bei Tieren ein durchgehender Verdauungstrakt entwickelte, bei dem Nahrung über den Mund aufgenommen und unverdauliche Reste über eine separate Öffnung ausgeschieden werden. Eine neue Studie des Instituts für Zell- und Organismenbiologie Academia Sinica sowie der National Taiwan Ocean Universität, beide in Taiwan, hat jetzt die damaligen Überlegungen der Universität Bergen aufgegriffen und liefert nun weitere Argumente für diesen möglichen Entwicklungsweg. Sollte sich die Hypothese bestätigen, würde sie eine überraschende Verbindung zwischen der evolutionären Entstehung des Afters und den Fortpflanzungsorganen früher Tierformen aufzeigen.
Ausgangspunkt der Theorie sind Untersuchungen an besonders einfach aufgebauten Tieren aus der Gruppe der Xenacoelomorpha. Diese kleinen Organismen besitzen keinen durchgehenden Verdauungstrakt, wie er bei Menschen und zahlreichen anderen Tierarten vorkommt. Stattdessen verfügen sie über eine einzige Öffnung, die sowohl zur Nahrungsaufnahme als auch zur Ausscheidung unverdaulicher Reste dient. Die Nahrung gelangt über diese Öffnung in den Körper. Was nicht verwertet werden kann, wird auf demselben Weg wieder ausgeschieden. Männliche Tiere besitzen jedoch eine weitere Körperöffnung, die ausschließlich der Fortpflanzung dient. Durch diesen sogenannten Gonoporus oder Gonadoporus werden Spermien abgegeben.
Zweite Öffnung bei Männchen
Gerade diese anatomische Besonderheit ist für die Evolutionsforscher interessant. Denn sie wirft die Frage auf, ob sich eine solche ursprünglich sexuelle Körperöffnung im Laufe der Entwicklung bestimmter Tiergruppen zu einem Ausgang des Verdauungssystems verändert haben könnte. Menschen besitzen einen Verdauungstrakt mit zwei getrennten Öffnungen. Die Nahrung gelangt durch den Mund in den Körper und wird anschließend über verschiedene Verdauungsorgane verarbeitet. Unverdauliche Reste verlassen den Organismus schließlich durch den After. Dieses Grundprinzip findet sich bei vielen Tiergruppen. Auch Seeigel, Fliegen und Würmer verfügen über einen durchgehenden Verdauungstrakt, obwohl sie sich in ihrem Körperbau erheblich unterscheiden.
Die neue Untersuchung verweist auf diese Gemeinsamkeiten und argumentiert, sie deuteten darauf hin, „dass bereits bei ihrem letzten gemeinsamen Vorfahren ein innerer Verdauungsschlauch vorhanden war“. Damit stellt sich die Frage, wie weit die Entwicklung eines solchen Verdauungssystems in der Evolutionsgeschichte zurückreicht. Zugleich haben Wissenschaftler vergleichbare anatomische Strukturen bei Tiergruppen festgestellt, deren evolutionäre Entwicklung auf unterschiedliche Vorfahren zurückgeht. Einige dieser Organismen stammen von Lebewesen ab, die ursprünglich nur eine einzige Öffnung für die Aufnahme und Ausscheidung von Nahrung besaßen. Daneben verfügten sie über eine gesonderte Öffnung zur Abgabe von Spermien. Diese Kombination könnte nach Ansicht der Forscher Hinweise darauf liefern, wie sich getrennte Körperöffnungen für Verdauung und Fortpflanzung entwickelt haben.
Wurde Sexorgan zum Hintern?
Die 2025 vorgestellte Hypothese geht davon aus, dass der After in bestimmten evolutionären Entwicklungslinien möglicherweise nicht als völlig neue Körperöffnung entstand. Stattdessen könnte eine bereits vorhandene Öffnung, die ursprünglich zur Abgabe von Spermien diente, eine zusätzliche oder veränderte Funktion übernommen haben. Im Laufe vieler Generationen könnte sich daraus eine eigenständige Öffnung zur Ausscheidung von Verdauungsresten entwickelt haben. Eine solche Veränderung würde erklären, wie aus einem Organismus mit einer einzigen Verdauungsöffnung ein Tier mit einem durchgehenden Verdauungstrakt entstehen konnte. Die neuere Studie stärkt diese Überlegungen durch zusätzliche wissenschaftliche Argumente. Die Theorie ist als möglicher Erklärungsansatz zu verstehen, nicht als abschließend gesicherte Rekonstruktion der menschlichen Evolutionsgeschichte.
Theorie sorgt für Debatte
Über die rein biologische Bedeutung hinaus hat die Untersuchung auch Aufmerksamkeit in der LGBTIQ+-Community ausgelöst. Im Zuge der Veröffentlichung der Studienarbeit entwickelte sich in kurzer Zeit eine provokante Debatte zu religiösen Vorstellungen über Sexualität. In manchen Religionen wird Analverkehr als Sünde betrachtet. Einzelne Vertreter solcher Lehren verbinden entsprechende sexuelle Handlungen sogar mit der Vorstellung einer ewigen Verdammnis. Vor diesem Hintergrund ist es für einige Kommentatoren daher durchaus amüsant, dass der After ursprünglich aus einer Geschlechtsöffnung für Sex hervorgegangen sein könnte. Kurz gesagt: Ein Körperteil, dessen sexuelle Nutzung von manchen religiösen Gruppen verurteilt wird, könnte in der Evolutionsgeschichte selbst aus einer Fortpflanzungsstruktur entstanden sein. Oder anders ausgedrückt: Schwule Männer, die Analsex betreiben, folgen nur der Evolution und verhalten sich im besten Sinne ganz natürlich.