Trotz zunehmender gesellschaftlicher Anfeindungen und politischer Einschränkungen hat sich die psychische Gesundheit junger LGBTIQ+-Menschen in den USA in einigen wichtigen Bereichen verbessert. Eine zweijährige Langzeitstudie der US-amerikanischen Organisation The Trevor Project zeigt, dass Selbstverletzungen und Suizidversuche unter den befragten Jugendlichen und jungen Erwachsenen zurückgingen.
Das Wichtigste im Überblick
- Positive Entwicklung: Eine zweijährige US-Studie zeigt einen Rückgang von Selbstverletzungen und Suizidversuchen bei LGBTIQ+-Jugendlichen.
- Familie als Schutzfaktor: Familiäre Unterstützung war mit einer um 45 Prozent geringeren Wahrscheinlichkeit für Suizidgedanken und einer um 42 Prozent geringeren Wahrscheinlichkeit für Selbstverletzungen verbunden.
- Diskriminierung bleibt gefährlich: Erfahrungen mit Konversionstherapien waren mit einer fast dreimal so hohen Wahrscheinlichkeit für Suizidgedanken verbunden.
- Mehr Zugang zu Versorgung: Die Bewertung psychischer Gesundheitsversorgung als hilfreich stieg von 64 auf 91 Prozent.
Familiäre Akzeptanz senkt Risiko
Besonders deutlich wird dabei die Bedeutung eines unterstützenden Umfelds. Familiäre Akzeptanz, positive Erfahrungen mit der eigenen Geschlechtsidentität und der Zugang zu medizinischer Versorgung waren mit einer geringeren Wahrscheinlichkeit für psychische Belastungen verbunden. Für die Untersuchung wurden rund 1.700 LGBTIQ+-Jugendliche und junge Erwachsene im Alter zwischen 13 und 24 Jahren befragt. Die Erhebung fand von September 2023 bis März 2026 im Abstand von jeweils sechs Monaten statt. Die Ergebnisse wurden jetzt von The Trevor Project veröffentlicht. Die Untersuchung zeigt einen deutlichen Zusammenhang zwischen sozialer Unterstützung und psychischer Gesundheit. Bei Jugendlichen, die von ihrer Familie unterstützt wurden, lag die Wahrscheinlichkeit für Suizidgedanken um 45 Prozent niedriger. Die Wahrscheinlichkeit für Selbstverletzungen war um 42 Prozent geringer.
Lebensrettende Unterstützung
Dr. Ronita Nath, Vizepräsidentin für Forschung bei The Trevor Project, sieht die Ergebnisse als Bestätigung für die Bedeutung eines akzeptierenden Umfelds. „Diese Forschung bestätigt, was wir schon lange wissen: Ein einladendes und unterstützendes Umfeld für LGBTIQ+-Jugendliche zu schaffen, ist eine lebensrettende Maßnahme“, erklärte Nath. Die jungen Menschen müssten sich in einem schwierigen gesellschaftspolitischen Umfeld behaupten, das von zunehmender Stigmatisierung und strukturellen Hindernissen geprägt sei. Entscheidend sei es deshalb, sowohl die Ursachen psychischer Belastungen zu bekämpfen als auch sichere Räume zu schaffen. „LGBTIQ+-Jugendliche in dieser Situation zu unterstützen bedeutet, die Risikofaktoren anzugehen, die ihnen schaden, und gleichzeitig sichere, unterstützende Räume zu schaffen, in denen diese jungen Menschen ganz sie selbst sein können.“
Konversionstherapien erhöhen Risiken
Neben den positiven Entwicklungen dokumentiert die Studie weiterhin erhebliche Gefährdungen. Besonders deutlich waren die Zusammenhänge bei Konversionstherapien. Darunter werden Praktiken verstanden, die darauf abzielen, die sexuelle Orientierung oder Geschlechtsidentität eines Menschen zu verändern oder zu unterdrücken. Bereits die Androhung solcher Maßnahmen sowie entsprechende Erfahrungen waren mit einer fast dreimal so hohen Wahrscheinlichkeit für Suizidgedanken verbunden.
Auch wirtschaftliche Unsicherheit und Diskriminierung erwiesen sich als erhebliche Risikofaktoren. Bei jungen Menschen ohne festen Wohnsitz sowie bei Betroffenen von Übergriffen war die Wahrscheinlichkeit für Selbstverletzungen und Suizidgedanken jeweils etwa doppelt so hoch. Die Untersuchung zeigt zugleich, dass LGBTIQ+-Jugendliche weiterhin überdurchschnittlich häufig unter Angstzuständen, Depressionen und Suizidgedanken leiden. Im Verlauf aufeinanderfolgender Befragungen stiegen Angstzustände, Depressionen und Suizidgedanken teilweise an. Diese Entwicklung fiel zeitlich mit einer verstärkten politischen Stigmatisierung der LGBTIQ+-Gemeinschaft in den USA zusammen.
Schutz queerer Jugendlicher
Jaymes Black, Geschäftsführer von The Trevor Project, verwies auf die schwierigen Lebensbedingungen vieler Betroffener. „Hinter jedem einzelnen Datenpunkt des Berichts steht ein junger LGBTIQ+-Mensch, der sich in einem äußerst schwierigen gesellschaftlichen Klima in diesem Land zurechtfinden muss. Diese zweijährige Studie macht unbestreitbar deutlich, dass wir sie diesen Sturm nicht allein überstehen lassen dürfen. Der Rückgang von Selbstverletzungen und Suizidversuchen angesichts zunehmender Diskriminierung von LGBTIQ+-Menschen ist ein Beleg für die lebensrettende Kraft von Gemeinschaft und Verbundenheit“, erklärte Black. Er forderte, bestehende Unterstützungsangebote und den Zugang zur Gesundheitsversorgung konsequent zu schützen.
Hier gibt es Hilfe
Die Berichterstattung über Suizid ist ein überaus sensibles Thema. Wir möchten es in KEINSTER Weise glorifizieren oder romantisieren. Viele Menschen, die durch Suizid sterben, leiden an einer psychischen Erkrankung. Wenn es dir nicht gut geht oder du daran denkst, dir das Leben zu nehmen, versuche mit anderen Menschen darüber zu sprechen. Das können Freunde oder Verwandte sein. Es gibt aber auch eine Vielzahl von Hilfsangeboten, bei denen du dich melden kannst. Die Telefonseelsorge ist anonym, kostenlos und rund um die Uhr erreichbar. Die Telefonnummern sind 0800/111 0 111 und 0800/111 0 222.
Mit Beratung steht dir auch der Coming Out Day Verein via Messenger, E-Mail und Videochat unter www.coming-out-day.de sowie www.comingoutundso.de zur Seite. Weiterhin gibt es von der Telefonseelsorge das Angebot eines Hilfe-Chats. Außerdem gibt es die Möglichkeit einer E-Mail-Beratung. Die Anmeldung erfolgt – ebenfalls anonym und kostenlos – auf der Webseite. Informationen findest du unter: www.telefonseelsorge.de