Der russische Parlamentsabgeordnete Vitali Milonow hat mit Aussagen über Antidepressiva und Homosexualität in diesen Tagen für viel Aufsehen gesorgt. Der 52-jährige Politiker der Regierungspartei Einiges Russland behauptet, die Einnahme solcher Medikamente könne Homosexualität, Alkoholismus und Suizid auslösen. In einem Gespräch mit dem russischen Nachrichtenportal Gazeta.Ru forderte er deswegen strengere Vorschriften für die Verschreibung und Abgabe von Antidepressiva.
Das Wichtigste im Überblick
- Der russische Duma-Abgeordnete Vitali Milonow bringt Antidepressiva mit Homosexualität, Alkoholismus und Suizid in Verbindung.
- Der 52-Jährige will die Verschreibung von Antidepressiva stärker kontrollieren und rät Russen, die Medikamente abzusetzen.
- Seit Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine 2022 ist der Absatz von Antidepressiva in Russland stark gestiegen.
- Langjährige LGBTIQ+-Feindlichkeit: Milonow fällt seit Jahren durch diskriminierende Äußerungen auf. In der Vergangenheit forderte er unter anderem die Sterilisation homosexueller Menschen.
Schwul dank Pille?
„Leider ist unser Land – wie von Kakerlaken – von ‚Pseudo-Psychologen‘ befallen, die wahllos Antidepressiva verteilen. Die Menschen haben sich mit amerikanischem Dreck vollgestopft und alle möglichen Antidepressiva geschluckt. Und was passiert dann? Suizid, Alkoholismus und das Auftreten von Homosexualität“, sagte Milonow. Der Abgeordnete sprach sich dafür aus, den Zugang zu den Medikamenten deutlich einzuschränken. „Ich bin der Ansicht, dass die Verschreibung dieser Medikamente strengeren Regeln unterliegen und ihre Abgabe streng kontrolliert werden sollte. Denn solche Arzneimittel sollten ausschließlich von einem Psychiater verschrieben werden, also von einem richtigen Arzt.“ Für die Behauptung, Antidepressiva könnten die sexuelle Orientierung verändern, gibt es keine wissenschaftlichen Belege.
Bizarre Vergleiche
Milonow ging in dem Gespräch noch weiter und führte Depressionen auf Alkoholkonsum zurück. Damit setzte er eine psychische Erkrankung faktisch mit den Folgen eines Alkoholrauschs gleich. Seiner Ansicht nach müssten die Menschen in Russland lediglich weniger trinken und rauchen, um auf entsprechende Medikamente verzichten zu können. „Mein Rat an die Russen lautet: Hört auf, diese Tabletten zu nehmen, und reduziert euren Alkoholkonsum. Die Menschen trinken und werden dann depressiv; im Grunde handelt es sich um einen Kater. Trinkt einfach nicht, raucht nicht, und ihr werdet keinerlei Tabletten wie Atarax oder Ähnliches brauchen“, sagte der Politiker. Depressionen sind jedoch eigenständige psychische Erkrankungen, die unterschiedliche Ursachen haben können. Alkohol kann depressive Symptome verstärken oder zu ihrer Entstehung beitragen, ist aber keineswegs die einzige Ursache. Auch das eigenmächtige Absetzen verschriebener Antidepressiva kann gesundheitliche Risiken mit sich bringen.
Antidepressiva in Russland
Die Aussagen des Abgeordneten fallen in eine Zeit, in der der Verkauf von Antidepressiva in Russland deutlich zugenommen hat. Nach Angaben der Zeitung „Rossijskaja Gaseta“ berichtete Wiktorija Presnjakowa, Leiterin der Allianz pharmazeutischer Vereinigungen, von einem starken Anstieg seit 2022. In jenem Jahr, als Russland seine groß angelegte Invasion der Ukraine begann, wurden landesweit 8,31 Millionen Packungen Antidepressiva verkauft. Allein in den ersten acht Monaten des Jahres 2026 waren es bereits fast 18 Millionen Packungen. Damit lag der Absatz in den ersten acht Monaten 2026 bereits bei mehr als dem Doppelten des gesamten Jahres 2022.
Nach dem russischen Bundesgesetz dürfen Antidepressiva und Beruhigungsmittel wie Atarax derzeit von Psychiatern, Neurologen und auf Suchterkrankungen spezialisierten Ärzten, sogenannten Narkologen, verschrieben werden. Psychologen gehören dagegen nicht zu den Berufsgruppen, die solche Medikamente verordnen dürfen. Milonows Vorwurf, „Pseudo-Psychologen“ würden Antidepressiva wahllos verteilen, steht damit im Widerspruch zu den geltenden Verschreibungsregeln. Anfang Oktober war das Medikament Atarax in Apotheken mehrerer russischer Städte zudem nicht mehr erhältlich. Betroffen waren unter anderem Moskau, Sankt Petersburg und Wolgograd.
Sterilisation von Schwulen
Milonow gehört seit 2016 der russischen Staatsduma an. Zuvor war er Mitglied der Gesetzgebenden Versammlung von Sankt Petersburg. Der enge Unterstützer von Präsident Wladimir Putin zählt zu den bekanntesten Verfechtern einer restriktiven Politik gegenüber LGBTIQ+-Menschen in Russland. Bereits 2013 gehörte er zu den ersten Befürwortern des damals verabschiedeten russischen Gesetzes gegen sogenannte „LGBT-Propaganda“. In den folgenden Jahren fiel der Politiker wiederholt durch offen homosexuellenfeindliche und teilweise gewaltverherrlichende Aussagen auf. Im Jahr 2021 forderte Milonow, „Unterkünfte zu schaffen, um schwule Menschen dort einzusperren“. Anschließend zog er einen Vergleich mit streunenden Katzen. „Wie bekämpfen wir streunende Katzen? Wir sterilisieren sie. Und auch Schwule sollten sterilisiert werden.“ Schon 2013 hatte Milonow gefordert, alle LGBTIQ+-Sportler festzunehmen, die an den Olympischen Winterspielen in Sotschi teilnahmen.
Gewaltverherrlichende Aussagen
Im Jahr 2014 äußerte sich Milonow erneut in drastischer Weise über homosexuelle Menschen. „Ein Stück Scheiße ist nicht gefährlich, aber es ist ziemlich unangenehm, es auf der Straße zu sehen. Homosexualität ist widerlich. Homophobie ist schön und natürlich“, erklärte er damals. Im selben Jahr sprach er LGBTIQ+-Menschen grundlegende Rechte ab. „LGBT-Menschen haben keine Rechte. Ihre Rechte gehören nicht zu den gesellschaftlich relevanten Werten, die in unserem Land geschützt werden. Wir werden sie für immer aus der Frage der Menschenrechte in unserem Land entfernen“, sagte Milonow.
Ein Jahr später bezeichnete er homosexuelle Menschen als „psychisch krank“. Als Ursache nannte er „Dummheit und europäische Werte“. 2017 folgten weitere besonders drastische Aussagen. Damals erklärte Milonow, „es sei besser, eine Lesbe und einen Schwulen zu töten als ein unschuldiges Kind“. Für die Organisatoren von Selbsthilfegruppen für LGBTIQ+-Jugendliche schlug er „Erhängen“ und „Erschießen ohne jegliches Mitleid“ vor. Trotz dieser wiederholten Äußerungen gehört Milonow weiterhin der russischen Staatsduma an. Seit inzwischen zehn Jahren sitzt der Politiker im Parlament.