Mangelnde Empathie, unterdrückte Gefühle und ungleich verteilte Verantwortung im Alltag: Der schwule Autor und Content-Creator Meik Gudermann (34) sieht in traditionellen Vorstellungen von Männlichkeit eine Ursache zahlreicher zwischenmenschlicher Konflikte. Dabei richtet sich seine Kritik nicht grundsätzlich gegen Männer, sondern gegen bestimmte Verhaltensweisen, die er als „Menners“ bezeichnet.
Das Wichtigste im Überblick
- Problematische Verhaltensweisen: Meik Gudermann kritisiert männliche Rollenbilder, mangelnde Empathie und ungleich verteilte Verantwortung in Beziehungen.
- Umgang mit Gefühlen: Viele Männer hätten gelernt, Trauer, Scham und Einsamkeit zu unterdrücken. Das könne zu emotionaler Distanz führen.
- Konflikte in Partnerschaften: Besonders die Verteilung von Hausarbeit, Fürsorge und mentaler Belastung führe immer wieder zu Auseinandersetzungen.
- Auch schwule Männer betroffen: Nach Gudermanns Einschätzung gibt es patriarchale Rollenbilder und toxisches Verhalten ebenso innerhalb der queeren Community.
- Veränderung möglich: Zuhören, Selbstreflexion und die Bereitschaft, eigene Verhaltensweisen zu hinterfragen, seien entscheidende Voraussetzungen.
Erkenne dich selbst
Der Begriff stehe für männliche Verhaltensmuster, die bislang nicht ausreichend hinterfragt worden seien. Dazu gehörten etwa das Bedürfnis, anderen ungefragt Sachverhalte zu erklären, mangelndes Einfühlungsvermögen oder die selbstverständliche Erwartung, dass Partnerinnen einen Großteil der Fürsorgearbeit übernehmen. Gudermann betont im Interview mit dem Tagesspiegel allerdings, dass sich Männer nicht einfach in zwei Gruppen einteilen ließen. Vielmehr handele es sich um unterschiedliche Entwicklungsstufen der Selbstreflexion. Manche hätten sich bereits intensiv mit ihren Verhaltensweisen beschäftigt, andere stünden noch am Anfang. Grundsätzlich könne jeder Mensch entsprechende Eigenschaften aufweisen. Entscheidend sei, ob jemand bereit sei, sie zu erkennen und zu verändern.
Männer, die alles besser wissen
Als besonders verbreitetes Beispiel nennt Gudermann das sogenannte Mansplaining. Gemeint ist damit ein Verhalten, bei dem Männer anderen Menschen Dinge ungefragt oder herablassend erklären, weil sie davon ausgehen, über das größere Wissen zu verfügen. Davon seien insbesondere Frauen und queere Menschen betroffen. Hinzu komme häufig die Schwierigkeit, andere Perspektiven nachzuvollziehen und sich in die Gefühle anderer hineinzuversetzen.
Nach Gudermanns Einschätzung hängen solche Verhaltensweisen mit gesellschaftlichen Erwartungen zusammen, die Jungen bereits früh vermittelt werden. Männer lernten, selbstbewusst aufzutreten, möglichst auf alles eine Antwort zu haben und ihre Kompetenz unter Beweis zu stellen. Ein wichtiger Schritt zur Veränderung bestehe deshalb darin, nicht ständig selbst im Mittelpunkt stehen zu wollen. Stattdessen sollten Männer lernen, zuzuhören, nachzufragen und die Erfahrungen anderer ernst zu nehmen. Das gelte für Gespräche mit der eigenen Partnerin ebenso wie für Begegnungen mit queeren Menschen oder Personen, die aufgrund ihrer Lebensumstände andere Erfahrungen gemacht hätten. Anstatt sofort davon auszugehen, etwas besser zu wissen, sollten Männer versuchen, die jeweilige Situation zu verstehen.
Beziehungen und Alltagskonflikte
Besonders deutlich zeigen sich problematische Rollenbilder nach Gudermanns Beobachtung in Partnerschaften. In Gesprächen mit Freundinnen begegneten ihm immer wieder ähnliche Schwierigkeiten. Viele Frauen berichteten davon, dass ihre Partner die eigenen Privilegien kaum hinterfragten. Häufig übernähmen sie weniger Haus- und Fürsorgearbeit und überließen ihren Partnerinnen die Verantwortung für die Organisation des gemeinsamen Alltags. Dabei gehe es nicht ausschließlich um konkrete Aufgaben, sondern auch um den sogenannten Mental Load: die oft unsichtbare Denkarbeit, die notwendig ist, um Termine, Verpflichtungen und Bedürfnisse innerhalb einer Beziehung im Blick zu behalten.
Selbst Frauen, die sich intensiv mit Gleichberechtigung beschäftigten, stießen in ihren Beziehungen regelmäßig an Grenzen. Manche Männer fühlten sich durch entsprechende Gespräche angegriffen, zeigten wenig Verständnis oder weigerten sich, bestimmte Probleme anzuerkennen. Für Gudermann entsteht daraus ein grundlegender Konflikt. Einerseits wollten Betroffene problematisches Verhalten nicht länger hinnehmen. Andererseits bestehe weiterhin der Wunsch nach Nähe, Partnerschaft und einem gemeinsamen Leben. „Es ist ein harter Kampf, weil man das Gefühl des Gemeinsamseins nicht verlieren möchte“, sagt Gudermann. Sich grundsätzlich von allen Männern abzuwenden, sei für viele Menschen keine realistische Lösung. Schließlich bleibe die erotische Anziehung bestehen. Entscheidend sei deshalb, trotz unterschiedlicher Erfahrungen und wiederkehrender Konflikte Wege zu einem respektvollen Miteinander zu finden.
Aufgeklärte Männer, alte Muster
Gudermann hält es für möglich, dass Männer sich mit feministischen Positionen auseinandersetzen und dennoch später wieder in vertraute Verhaltensweisen zurückfallen. „Männer können sich in feministischen Fragen vorwagen, etwas verstehen wollen – und dann aus Bequemlichkeit wieder zurückfallen.“ Darin sieht er zwar ein Problem, zugleich hält er solche Widersprüche für menschlich. Niemand könne sämtliche Bereiche seines Lebens gleichzeitig konsequent nach den eigenen Überzeugungen gestalten.
Als Beispiel nennt Gudermann seine vegetarische Ernährung. Aus ökologischen und ethischen Gründen wäre eine vollständig vegane Lebensweise nach seiner eigenen Einschätzung konsequenter. Dennoch habe er sich aus Bequemlichkeit dagegen entschieden, weil dieses Thema für ihn nicht die höchste Priorität habe. Ähnlich könnten Männer in Fragen der Gleichberechtigung handeln. Sie verstünden bestimmte Zusammenhänge, seien aber nicht immer bereit, daraus dauerhafte Konsequenzen zu ziehen. Solches Verhalten müsse kritisiert werden. Allerdings sei nicht entscheidend, ob ein Mensch jederzeit alles richtig mache. Wichtiger sei die grundsätzliche Bereitschaft, dazuzulernen und sich weiterzuentwickeln.
Unterdrückte Gefühle
Ein weiteres Problem sieht Gudermann im gesellschaftlichen Umgang mit männlichen Emotionen. Jungen werde häufig vermittelt, dass bestimmte Gefühle nicht zu einem traditionellen Männerbild passten. Während Wut und in begrenztem Umfang Freude als akzeptabel gälten, würden Trauer, Einsamkeit oder Scham vielfach mit Schwäche verbunden. Diese Erwartungen könnten dazu führen, dass Männer einen großen Teil ihres eigenen Gefühlslebens unterdrückten. Langfristig verlierten sie dadurch möglicherweise den Zugang zu ihren Emotionen. „Männer blenden vieles aus und verlieren den Kontakt zu ihren eigenen Gefühlen“, sagt Gudermann. Aus seiner Sicht liegt das Problem nicht darin, dass Männer kein ausgeprägtes Innenleben hätten. Vielmehr hätten viele nicht gelernt, angemessen mit ihren Gefühlen umzugehen.
Schwule und Rollenbilder
Gudermann betrachtet traditionelle Männlichkeitsvorstellungen auch aus seiner eigenen Perspektive als schwuler Mann. Schwule Männer seien häufig mit denselben Erwartungen aufgewachsen wie heterosexuelle Männer. Auch ihnen sei vermittelt worden, wie ein Mann auftreten, handeln und fühlen solle. Viele hätten sich allerdings im Laufe ihres Lebens intensiver mit diesen Vorgaben auseinandersetzen müssen. Dazu gehörten Fragen, wie offen sie ihre sexuelle Orientierung zeigen könnten, welches feminine Verhalten gesellschaftlich akzeptiert werde und welche Gefühle sie zulassen dürften. Diese Erfahrungen könnten helfen, bestimmte männliche Verhaltensweisen besser zu verstehen und sich zugleich bewusst davon zu lösen.
Allerdings sei die queere Community keineswegs frei von patriarchalen Mustern. Auch schwule Männer könnten in ihren Beziehungen traditionelle Geschlechterrollen reproduzieren oder sich gegenüber anderen Menschen toxisch verhalten. Gudermann berichtet dazu von einer früheren eigenen Partnerschaft. Darin habe er den vermeintlich weiblichen Part übernommen, während sein damaliger Partner die männliche Rolle ausgefüllt habe. Solche Dynamiken zeigten, dass gesellschaftliche Vorstellungen von Männlichkeit auch in gleichgeschlechtlichen Beziehungen weiterwirken könnten. Darüber hinaus gebe es innerhalb queerer Gemeinschaften konservative Einstellungen und Menschen, die sich nur wenig mit Diskriminierung oder den eigenen Privilegien auseinandersetzten.
Körperkult und Schönheitsideale
Besonders kritisch sieht Gudermann die starke Konzentration auf körperliche Attraktivität in Teilen der schwulen Community. Dort würden Körper häufig objektifiziert, also vor allem nach ihrem äußeren Erscheinungsbild bewertet. Wenn Sexualität einen sehr großen Stellenwert einnehme, könne der Mensch hinter seinem Körper in den Hintergrund treten. Entscheidend sei dann häufig weniger die Persönlichkeit als vielmehr das Aussehen. Gudermann hält es für notwendig, solche Entwicklungen ebenso kritisch zu betrachten wie die Objektifizierung von Frauen durch Männer. Seine Kritik an problematischem männlichem Verhalten beschränkt sich deshalb ausdrücklich nicht auf heterosexuelle Beziehungen. Auch schwule Männer müssten sich mit ihren eigenen Rollenbildern, Vorurteilen und Machtverhältnissen beschäftigen.
Zuhören als erster Schritt
Trotz seiner Kritik geht Gudermann davon aus, dass problematische Verhaltensweisen verändert werden können. Voraussetzung sei allerdings, dass Männer ihre eigenen Muster erkennen und Verantwortung dafür übernehmen. Der erste Schritt sei vergleichsweise einfach: mehr Empathie zeigen und anderen Menschen aufmerksam zuhören. Dazu gehöre, die eigenen Erfahrungen nicht grundsätzlich für allgemeingültig zu halten und anzuerkennen, dass andere Menschen gesellschaftliche Situationen anders erleben können. Gudermann plädiert damit nicht für ein unerreichbares Ideal fehlerfreier Männlichkeit. Vielmehr geht es ihm um die Bereitschaft, eigene Privilegien zu hinterfragen, Gefühle zuzulassen und Kritik anzunehmen. Ob in heterosexuellen Partnerschaften, unter Freunden oder innerhalb der schwulen Community: Entscheidend sei nicht, frei von problematischen Verhaltensweisen zu sein, sondern sich mit ihnen auseinanderzusetzen und Veränderungen zuzulassen.