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Neue Kritik an Meta Bezahlung von Anti-LGBTIQ+- Accounts

Von ms - 15.10.2026 - 11:30 Uhr
Neue Kritik an Meta
Foto: iStock / Derick Hudson
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Der US-Technologiekonzern Meta steht wegen finanzieller Zahlungen an umstrittene Facebook-Accounts in der Kritik. Mindestens 29 Profile, die in der Vergangenheit LGBTIQ+-feindliche Inhalte verbreitet haben, nehmen nach gemeinsamen Recherchen von Uncloseted Media und der gemeinnützigen Nachrichtenredaktion The 19th an einem Vergütungsprogramm des Unternehmens teil. Unter den Begünstigten befinden sich bekannte rechte Influencer und Personen, die mit extremistischen Positionen aufgefallen sind.

Das Wichtigste im Überblick

  • Umstrittene Zahlungen: Recherchen zufolge vergütet Meta mindestens 29 Facebook-Accounts, die durch LGBTIQ+-feindliche Äußerungen aufgefallen sind.
  • Politische Desinformation: Einige der bezahlten Influencer verbreiten vor den US-Zwischenwahlen irreführende Behauptungen und Verschwörungstheorien.
  • Hohe Einnahmen: Über das Monetarisierungsprogramm können Content-Creator monatlich fünf- bis sechsstellige Dollarbeträge verdienen.
  • Trotz offizieller Verbote sollen auch extremistische Accounts und Seiten politischer Parteien von dem Programm profitieren.
  • In der EU gibt es bereits eine Beschwerde gegen Meta wegen mutmaßlicher Verstöße gegen das Gesetz über digitale Dienste.

Desinformation vor Wahlen

Besonders brisant sind die Ergebnisse mit Blick auf die bevorstehenden Zwischenwahlen in den Vereinigten Staaten. Einige der Accounts verbreiten neben Angriffen auf LGBTIQ+-Menschen auch politische Falschinformationen. Kritiker werfen Meta vor, mit seinem Vergütungssystem gerade solche Inhalte finanziell attraktiv zu machen, die Empörung und gesellschaftliche Konflikte auslösen. Ein Beispiel ist die rechtsextreme Influencerin Chaya Raichik, die unter dem Namen „Libs of TikTok“ bekannt ist. Mitte September griff sie auf Facebook die Mercer Island High School im US-Bundesstaat Washington an, weil die Schule eine Pride-Flagge zeigte. „Hey Mercer Island High School, warum zeigt euer Profilbild eine Verstümmelungsflagge?“, schrieb Raichik. Sie markierte den Facebook-Account der Schule und veröffentlichte dazu ein Foto des Eingangsbereichs.

Facebook lockt Influencer 

Hinter den Zahlungen steht das Programm „Facebook Content Monetization“, das Meta 2024 eingeführt hatte. Die Teilnahme ist nur auf Einladung möglich. Mit dem Angebot will der Konzern mehr Menschen dazu bewegen, regelmäßig Inhalte auf Facebook zu veröffentlichen. Das soziale Netzwerk steht unter Konkurrenzdruck durch neuere Plattformen und hat mit einer alternden Nutzerschaft zu kämpfen. Finanzielle Anreize sollen deshalb dafür sorgen, dass erfolgreiche Content-Creator Facebook weiterhin nutzen.

Die Vergütungen können beträchtlich ausfallen. Bereits im ersten Jahr berichteten Teilnehmer von erheblich gestiegenen Einnahmen. Einige bezeichneten Facebook inzwischen als ihre lukrativste Plattform. Eine Content-Creatorin erklärte gegenüber dem Branchenmagazin The Hollywood Reporter, sie verdiene regelmäßig zwischen 20.000 und 30.000 US-Dollar im Monat. Ein anderer Teilnehmer berichtete, dass seine monatlichen Einnahmen häufig sechsstellige Beträge erreichten. Allerdings geriet das Programm zunehmend in die Kritik. Im August berichtete die australische Rundfunkanstalt ABC, dass Meta auch Accounts zur Teilnahme eingeladen habe, die neonazistische Ideologien verbreiten.

Millionen Accounts verdienen 

Für ihre Untersuchung nutzten die beiden Redaktionen Daten der niederländischen gemeinnützigen Organisation What To Fix (WTF). Diese beschäftigt sich mit der Verantwortung von Technologieunternehmen und betreibt das sogenannte Meta Monetization Archive. Die Datenbank enthält Informationen über Accounts, die am Vergütungsprogramm teilnehmen. Grundlage sind von Meta veröffentlichte Angaben. Seit dem Start des Programms vor zwei Jahren hat WTF mehr als 18 Millionen teilnehmende Accounts identifiziert.

Belén Luna Sanz, Leiterin des Bereichs politische Richtlinien bei WTF, kritisiert insbesondere die mangelnde Transparenz. Es sei kaum nachvollziehbar, nach welchen Kriterien Meta Accounts zur Teilnahme einlade. Die Einführung des Programms bezeichnete sie als „leichtsinnig“. Zugleich sieht Sanz darin eine grundlegende Veränderung des Geschäftsmodells sozialer Netzwerke. Früher hätten Unternehmen Content-Creator häufig direkt für Werbung bezahlt, während Plattformbetreiber wie Meta einen Teil der Einnahmen erhielten. Inzwischen kassierten die Plattformen die Werbeeinnahmen selbst und vergüteten die Inhalteproduzenten anschließend. „Sie erhalten nur noch Vergütungen, deren Höhe davon abhängt, wie viel Interaktion Ihre Inhalte erzeugen“, erklärte Sanz.

Empörung und Desinformation 

Kritiker sehen darin einen Anreiz, besonders provokante Inhalte zu veröffentlichen. Denn Beiträge, die starke emotionale Reaktionen auslösen, werden häufig kommentiert und weiterverbreitet. Recherche-Autor Hong betonte dabei: „Wir wissen, dass Dinge, die Menschen wirklich wütend machen, sehr viele Interaktionen erzeugen. Wir wissen auch, dass Desinformation und Falschinformationen ebenfalls viele Interaktionen hervorrufen. Meta steht an einer Weggabelung. Der eine Weg führt zu Moral, Ethik und dem Wohlergehen von Gesellschaft und Demokratie. Auf dem anderen Weg liegt ein riesiger Haufen Geld.“ Auch Radsch, eine weitere in dem Bericht zitierte Expertin, kritisierte die Verbindung aus algorithmischer Verbreitung und finanziellen Anreizen. „Die Verstärkung und Ermöglichung von Belästigungskampagnen sowie die Förderung randständiger Verschwörungstheorien durch algorithmische Auswahl und Monetarisierungsmöglichkeiten haben zu einer Aushöhlung der Demokratie in Amerika geführt.“

Richtlinien von Meta 

Nach den offiziellen Monetarisierungsrichtlinien von Facebook können Inhalte von der Vergütung ausgeschlossen werden, wenn sie gesellschaftlich umstrittene Themen in polarisierender oder aufhetzender Weise behandeln. Dazu zählen unter anderem ethnische Zugehörigkeit, Religion, sexuelle Orientierung und politische Zugehörigkeit. Die Recherchen von Uncloseted Media ergaben jedoch zahlreiche Beispiele für Beiträge, die offenbar gegen diese Regeln verstoßen. So bezeichnete beispielsweise „Libs of TikTok“ die Organisatoren einer LGBTIQ+-Pride-Veranstaltung als „kranke, kranke Freaks“. In weiteren Beiträgen warf Raichik LGBTIQ+-freundlichen Lehrkräften vor, sie wollten „eure Kinder indoktrinieren“. Außerdem sprach sie von einem angeblichen „LGBTIQ+-Groomer-Kult“. 

Meta untersagt nach eigenen Angaben zudem auch die Monetarisierung von Falschinformationen. Als solche gelten laut den Richtlinien Inhalte, die von unabhängigen Faktenprüfern als falsch eingestuft wurden. Allerdings beendete der Konzern im vergangenen Jahr die Zusammenarbeit mit externen Faktenprüfern. Wie das Verbot seither durchgesetzt werden soll, bleibt damit unklar. Experten aus dem Bericht halten daher Veränderungen an den Algorithmen und Vergütungssystemen sozialer Netzwerke für notwendig. Bislang werde der wirtschaftliche Erfolg von Inhalten vor allem anhand ihrer Reichweite und der ausgelösten Interaktionen bewertet, dabei sollten auch gesellschaftliche Auswirkungen berücksichtigt werden.

EU-Beschwerde mit Folgen

Während Meta in den USA durch gesetzliche Regelungen vor zahlreichen Klagen geschützt ist, könnten sich in Europa andere rechtliche Möglichkeiten ergeben. Die Europäische Union verabschiedete 2022 den Digital Services Act (DSA), das Gesetz über digitale Dienste. Es verpflichtet große Onlineplattformen wie Facebook unter anderem dazu, Risiken und mögliche Schäden durch verbreitete Inhalte zu begrenzen. Die Organisation What To Fix reichte im vergangenen Monat bei europäischen Gerichten eine Beschwerde gegen Meta ein. Hintergrund ist die Monetarisierung von elf Accounts, gegen die die EU wegen ihrer mutmaßlichen Beteiligung an prorussischen Propagandakampagnen Sanktionen verhängt hatte. Nach Auffassung von WTF verstieß Meta damit gegen seine Verpflichtungen zur Risikominderung nach dem DSA.

Belén Luna Sanz sieht in dem Fall einen möglichen Ansatzpunkt, um die finanzielle Förderung problematischer Inhalte künftig stärker zu kontrollieren. „Die Monetarisierung von Content-Creatorn ist ein Bereich, der bislang nur sehr wenig untersucht wurde“, erklärte sie. Die EU verfüge bereits über gesetzliche Instrumente, die eine stärkere Verantwortung der Plattformen ermöglichen könnten. Allerdings müsse sich die Diskussion auch auf andere Länder ausweiten. Ob Meta seine Vergütungsregeln künftig verschärft oder die Teilnahme einzelner Accounts überprüft, bleibt solange weiter offen. 

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