Nach der Ermordung des schwulen indischen Influencers Madhusudan „Mad“ Sandhu (✝29) hat die Polizei jetzt neun Verdächtige festgenommen. Die Ermittler gehen davon aus, dass der Anfang Oktober gezielt ausgeführte Anschlag mit Sandhus öffentlichem Engagement für LGBTIQ+-Themen zusammenhängen könnte. Zugleich verdichten sich die Hinweise auf eine Beteiligung organisierter Kriminalität.
Das Wichtigste im Überblick
- Der schwule Influencer Mad Sandhu wurde am 3. Oktober vor einer Autowerkstatt in der indischen Stadt Amritsar erschossen.
- Neun Verdächtige festgenommen: Zuletzt nahm die Polizei drei Männer im Bundesstaat Gujarat fest. Sechs weitere Verdächtige befanden sich bereits in Gewahrsam.
- Organisierte Kriminalität: Die Ermittler haben eine Beteiligung der berüchtigten Lawrence-Bishnoi-Bande bestätigt. Die Tat könnte sowohl homophob motiviert gewesen sein als auch der Einschüchterung gedient haben.
- Eine Überweisung über 16.000 Rupien, umgerechnet rund 180 Euro, brachte die Ermittler auf eine wichtige Spur.
- Sandhu soll bereits Monate vor seiner Ermordung im Internet bedroht worden sein und Polizeischutz beantragt haben.
Neun Festnahmen
Sandhu war am 3. Oktober vor einer Autowerkstatt in Amritsar im nordindischen Bundesstaat Punjab erschossen worden. Der Fall sorgt auch deshalb für Aufmerksamkeit, weil der Influencer bereits vor seinem Tod Drohungen erhalten haben soll. Die jüngsten Festnahmen erfolgten im westindischen Bundesstaat Gujarat. Dort wurden drei Männer aufgegriffen, die nach Angaben der Behörden nach der Tat aus Punjab geflohen waren. Bei den zuletzt festgenommenen Männern handelt es sich um Harsimranjit Singh, Fateh Singh und Arman Singh. Nach Angaben der Anti-Terror-Einheit von Gujarat (ATS) hatten sie Punjab nach dem Mord verlassen. Die Polizei griff sie in der Stadt Vapi auf, als sie versuchten, ein Versteck im benachbarten Bundesstaat Maharashtra zu erreichen.
Der Fahndungserfolg war nach Behördenangaben das Ergebnis einer engen Zusammenarbeit zwischen den Polizeibehörden mehrerer Bundesstaaten. Ermittler in Punjab und Gujarat tauschten Informationen über die Verdächtigen aus. Dazu gehörten Personenbeschreibungen und Standortdaten, die an eine Spezialeinheit weitergegeben wurden. Diese konnte die Männer aufspüren und festnehmen, bevor sie ihre Flucht fortsetzen konnten. Damit erhöhte sich die Zahl der Festgenommenen auf neun. Bereits vor den jüngsten Festnahmen hatte die Polizei sechs Männer in Gewahrsam genommen. Die Ermittlungen deuten darauf hin, dass mehrere Personen an der Vorbereitung und Durchführung des Mordes beteiligt gewesen sein könnten.
Geplante Mordaktion
Den Verdächtigen werden unterschiedliche Aufgaben zugeschrieben. Einer der Männer soll die tödlichen Schüsse auf Sandhu abgegeben haben. Andere sollen seine Bewegungen beobachtet und Informationen über seinen Aufenthaltsort gesammelt haben. Weitere Beteiligte sollen die Tatwaffen sowie das Fluchtfahrzeug organisiert haben. Die Behörden versuchen nun, die genaue Rolle jedes einzelnen Verdächtigen zu klären und mögliche Hintermänner zu identifizieren. Eine wichtige Spur ergab sich aus der Untersuchung einer Geldzahlung. Die Ermittler konnten eine Überweisung in Höhe von 16.000 indischen Rupien nachverfolgen. Das entspricht umgerechnet etwa 180 Euro. Nach Einschätzung der Polizei könnte die Zahlung aus einem kriminellen Netzwerk stammen, das von einem im Ausland lebenden Gangster gesteuert wird. Das Geld soll an den mutmaßlichen Hauptschützen überwiesen worden sein.
Die Finanztransaktion lieferte den Ermittlern einen Ansatzpunkt, um mögliche Verbindungen zwischen den Tatverdächtigen und den Auftraggebern des Mordes zu untersuchen. Auch eine ungewöhnliche Ermittlungsmethode trug zu den Festnahmen bei. Nach Angaben der Polizei gelang es den Beamten, einen der wichtigsten Verdächtigen mithilfe eines QR-Codes zu lokalisieren. Die Ermittler veranlassten durch eine Täuschung, dass der Mann einen Code scannte, der ihm über das Mobiltelefon seines Bruders zugeschickt worden war. Dadurch konnten sie seinen Aufenthaltsort im Bundesstaat Gujarat bestimmen. Die gewonnenen Standortinformationen führten schließlich zu seiner Festnahme.
Homophobie als Motiv
Neben der Beteiligung organisierter Kriminalität untersuchen die Behörden ein mögliches homophobes Motiv. Sandhu hatte sich in sozialen Medien öffentlich als schwuler Influencer präsentiert und LGBTIQ+-Themen sichtbar gemacht. Nur wenige Stunden nach seiner Ermordung erschien im Internet eine Botschaft, die einem Mitglied der berüchtigten Lawrence-Bishnoi-Bande zugeschrieben wurde. Darin wurde Sandhu vorgeworfen, einen „schlechten Einfluss auf die Jugend des Bundesstaates“ ausgeübt zu haben. Die Äußerung könnte darauf hindeuten, dass seine öffentliche Präsenz und sein Engagement für LGBTIQ+-Themen bei der Auswahl des Opfers eine Rolle gespielt haben. Die genauen Hintergründe des Mordes sind allerdings noch Gegenstand der Ermittlungen.
Verbrecherbande im Hintergrund
Die Ermittlungsbehörden haben nach eigenen Angaben allerdings eine Beteiligung der Lawrence-Bishnoi-Bande an der Tat bestätigt. Die kriminelle Organisation ist in Indien für ihre gewaltsamen Aktivitäten bekannt. Nach Einschätzung des Polizeipräsidenten von Amritsar, Harmanbir Singh Gill, könnte der Mord auch dazu gedient haben, die Bekanntheit und den Einfluss der Täter zu vergrößern. Gill erklärte, solche Gewalttaten könnten für die beteiligten Gangster eine Möglichkeit sein, „Bekanntheit zu erlangen“. Darüber hinaus verfolgten kriminelle Gruppen mit öffentlichkeitswirksamen Angriffen häufig ein wirtschaftliches Ziel. Die Taten sollten „Angst und Schrecken in den Köpfen der Bevölkerung und der Geschäftsleute“ verbreiten, so Gill. Eine solche Atmosphäre der Einschüchterung könne es den Banden erleichtern, Schutzgelder zu erpressen und ihre kriminellen Geschäfte fortzuführen.
Morddrohungen im Internet
Damit könnte der Mord an Sandhu nach Einschätzung der Polizei sowohl durch LGBTIQ+-Feindlichkeit als auch durch das Streben einer kriminellen Organisation nach Macht und öffentlicher Aufmerksamkeit beeinflusst worden sein. Der Fall verdeutlicht die Gefahren, die entstehen können, wenn gesellschaftliche Vorurteile und organisierte Kriminalität aufeinandertreffen. Zusätzliche Fragen werfen Berichte über Drohungen auf, die Sandhu bereits vor seiner Ermordung erhalten haben soll. Demnach war der Influencer in den Monaten vor seinem Tod im Internet immer wieder bedroht worden. Berichten zufolge hatte er sich deshalb sogar um Polizeischutz bemüht.
Ob die Behörden auf diese Bitte reagierten und welche Schutzmaßnahmen gegebenenfalls ergriffen wurden, geht aus den bisherigen Informationen nicht hervor. Mit den neun Festnahmen hat die Polizei nach eigenen Angaben wichtige Fortschritte bei der Aufklärung des Mordes erzielt. Dennoch sind wesentliche Fragen offen. Dazu gehört insbesondere, wer die Tat in Auftrag gegeben haben könnte, welche Rolle die mutmaßlichen Geldgeber spielten und ob die Täter gezielt wegen Sandhus Homosexualität gegen ihn vorgingen.