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Missbrauchsverdacht in Italien Kirche wusste über Vorwürfe offenbar lange zuvor Bescheid

Von ms - 13.10.2026 - 11:00 Uhr
Missbrauchsverdacht in Italien
Foto: Facebook / Vito Martinelli
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Ein katholischer Priester aus der süditalienischen Region Apulien steht wegen des Verdachts auf sexuelle Gewalt gegen einen jungen Mann unter Hausarrest. Dem 56-jährigen Vito Martinelli wird vorgeworfen, seine Stellung als Geistlicher ausgenutzt zu haben, um einen 20-jährigen Angehörigen seiner Kirchengemeinde zu sexuellen Handlungen zu drängen. Brisant ist dabei nicht nur der strafrechtliche Vorwurf: Die zuständige Erzdiözese soll bereits Monate vor dem Eingreifen der Polizei von den mutmaßlichen Übergriffen erfahren haben.

Das Wichtigste im Überblick

  • Dem 56-jährigen Priester Vito Martinelli aus Corato bei Bari wird sexuelle Gewalt unter Ausnutzung seiner Autoritätsstellung gegenüber einem 20-jährigen Gemeindemitglied vorgeworfen.
  • Seit dem 10. Oktober steht der Geistliche auf richterliche Anordnung unter Hausarrest. 
  • Nach Medienberichten soll die Erzdiözese Trani-Barletta-Bisceglie bereits Monate vor der Festnahme von den mutmaßlichen Übergriffen erfahren haben.
  • Vertrauensverhältnis im Mittelpunkt: Der junge Mann wollte möglicherweise selbst Priester werden und betrachtete Martinelli als geistlichen Begleiter. Dieser soll seine Stellung für psychischen Druck und sexuelle Forderungen ausgenutzt haben.
  • Die Ermittler untersuchen Chatverläufe, Zeugenaussagen und Überwachungsaufzeichnungen. Auch mögliche weitere Betroffene stehen im Fokus.
  • Bekannter Priester und Lehrer: Martinelli ist zugleich Journalist, Religionslehrer und Fernsehmoderator. 

Vertrauensverhältnis ausgenutzt?

Wie die italienische Tageszeitung La Repubblica berichtete, hatte sich der junge Mann zunächst an kirchliche Vorgesetzte gewandt. Erst später erstattete er Anzeige bei der Polizei. Martinelli steht deswegen nun seit letzten Samstag unter Hausarrest. Die Staatsanwaltschaft Trani führt die Ermittlungen, unterstützt von der Kriminalpolizei in Bari. Das Verfahren befindet sich noch im Ermittlungsstadium. Für den Beschuldigten gilt die Unschuldsvermutung.

Ausgangspunkt des Verfahrens ist die Anzeige eines 20-Jährigen, der die Herz-Jesu-Gemeinde in Corato besuchte. Die Stadt liegt in der süditalienischen Provinz Bari. Martinelli war damals Pfarrer der Gemeinde. Die mutmaßlichen Taten sollen sich zwischen Ende 2024 und Anfang 2025 ereignet haben. Der junge Mann beschäftigte sich zu dieser Zeit mit der Frage, ob er selbst den Priesterberuf ergreifen sollte. In Martinelli sah er nach eigenen Angaben einen geistlichen Begleiter, dem er vertraute. Dieses Verhältnis soll sich jedoch zunehmend verändert haben.

Erpressung zum Sex

Nach der Darstellung des Anzeigeerstatters habe der Priester psychischen Druck aufgebaut und sexuelle Handlungen von ihm verlangt. Dabei soll Martinelli seinen Einfluss und seine Autorität als Geistlicher eingesetzt haben. La Repubblica berichtete unter Berufung auf die Ermittlungen von mutmaßlicher Manipulation innerhalb des Vertrauensverhältnisses. Die Staatsanwaltschaft wirft Martinelli deshalb sexuelle Gewalt unter erschwerenden Umständen durch Missbrauch einer Autoritätsstellung vor. Der junge Mann soll durch die mutmaßlichen Vorfälle erheblich belastet worden sein. Zunächst vertraute er sich Freunden an. Anschließend wandte er sich an die Polizei.

Weitere Opfer möglich 

Nach Eingang der Anzeige begannen die Ermittlungsbehörden mit der Überprüfung der Vorwürfe. Sie befragten Zeugen und führten Überwachungsmaßnahmen durch. Nach Angaben italienischer Medien sollen dabei Erkenntnisse gewonnen worden sein, die die Aussagen des 20-Jährigen stützen. Eine besondere Rolle spielen Nachrichten, die der Priester und der junge Mann miteinander ausgetauscht haben sollen. Die Ermittler untersuchen diese Kommunikation, um den Verlauf und die Art ihrer Beziehung zu rekonstruieren. Wie La Repubblica berichtete, sollen einzelne Mitteilungen ausdrückliche beziehungsweise eindeutige Anspielungen enthalten. Darüber hinaus prüft die Polizei, ob möglicherweise weitere Menschen von sexuellen Übergriffen betroffen sein könnten.

Erzdiözese wusste Bescheid 

Neben den strafrechtlichen Ermittlungen rückt der Umgang der katholischen Kirchenleitung mit den Vorwürfen in den Mittelpunkt. Nach Recherchen von La Repubblica soll die Erzdiözese Trani-Barletta-Bisceglie schon mehrere Monate vor Martinellis Festnahme von den mutmaßlichen Übergriffen erfahren haben. Demnach berichtete der 20-Jährige den kirchlichen Verantwortlichen persönlich von seinen Erfahrungen. Zu diesem Zeitpunkt hatte er noch keine Anzeige bei der Polizei erstattet. Ob die Erzdiözese daraufhin interne Untersuchungen veranlasste oder Maßnahmen gegen den Geistlichen ergriff, ist nicht bekannt.

Der zeitliche Ablauf wirft insbesondere deshalb Fragen auf, weil Martinelli im September 2025 seine bisherige Pfarrstelle aufgab. Am 1. September wechselte er von der Herz-Jesu-Gemeinde, die er seit 2015 geleitet hatte, an die Hauptkirche von Corato. Dort übernahm er eine Tätigkeit als Mitarbeiter. Die Personalentscheidung fiel innerhalb der Erzdiözese, an deren Spitze Erzbischof Leonardo D’Ascenzo steht. Ein Zusammenhang zwischen dem Wechsel und den zuvor erhobenen Vorwürfen ist bislang nicht belegt. Martinellis Abschied aus der Herz-Jesu-Gemeinde hatte damals bei zahlreichen Gläubigen emotionale Reaktionen ausgelöst. Viele Gemeindemitglieder bekundeten ihre Wertschätzung für den Geistlichen. In einem Schreiben an die Gemeinde erklärte Martinelli, der Wechsel sei freiwillig erfolgt. Dabei ging es um die Vereinbarkeit des Pfarramtes mit seiner Tätigkeit als fest angestellter Lehrer. Martinelli habe sich entschieden, seine Arbeit an der Schule fortzusetzen.

Schulleiterin dementiert 

Die Festnahme des Priesters hat auch in seinem beruflichen Umfeld Bestürzung ausgelöst. Angela Adduci, ehemalige Leiterin des Gymnasiums Oriani in Corato, erklärte gegenüber La Repubblica, sie habe während ihrer langjährigen Zusammenarbeit mit Martinelli keine Hinweise auf unangemessenes Verhalten erhalten. Adduci beschrieb den Geistlichen als einfühlsamen und engagierten Pädagogen. Er sei bei den Jugendlichen beliebt gewesen und habe auch Schülerinnen und Schüler für seine Themen interessieren können, die zunächst nicht am Religionsunterricht teilnehmen wollten. „Das Einzige, was ich mir vorstellen kann, ist, dass seine sehr liebevolle Art im Umgang mit allen möglicherweise falsch verstanden wurde.“

Als TV-Moderator bekannt

Vito Martinelli ghört in Corato seit Jahren zu den bekannten Persönlichkeiten des kirchlichen und öffentlichen Lebens. Der 1970 geborene Geistliche wurde 2007 zum Priester geweiht. Bereits zuvor hatte er eine journalistische Laufbahn eingeschlagen. Er studierte Philosophie in Bari und promovierte 2017 in Neapel in katholischer Theologie. Neben seinen Aufgaben als Seelsorger arbeitete er als Religionslehrer und moderierte verschiedene Fernsehsendungen. Über die katholische Kirche hinaus wurde Martinelli vor allem durch seine Medienarbeit bekannt. In den Sendungen ging es um Glaubensfragen, persönliche Lebensgeschichten und Interviews mit unterschiedlichen Gästen.

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