Nach dem Pride in der französischen Hauptstadt ist ein ehrenamtlicher schwuler Mitarbeiter einer LGBTIQ+-Organisation Opfer eines schweren Gewaltangriffs geworden., wie jetzt bekannt wurde. Mehrere Männer sollen den Aktivisten in der Nacht vom 3. auf den 4. Oktober zunächst homophob beleidigt und anschließend brutal zusammengeschlagen haben. Der Betroffene erlitt zahlreiche schwere Verletzungen und benötigt bis heute medizinische sowie psychologische Betreuung. Menschenrechtsorganisationen fordern angesichts des Vorfalls einen besseren Schutz queerer Menschen im Pariser Nachtleben.
Das Wichtigste im Überblick
- Gewalttat nach dem Pride: Ein ehrenamtlicher Mitarbeiter der französischen Organisation PlaySafe wurde in Paris von mehreren Männern brutal angegriffen.
- Vor der Attacke wurde das Opfer wiederholt wegen seiner sexuellen Orientierung beschimpft. Die Täter schlugen mehrfach auf den Mann ein.
- Der Betroffene erlitt schwere Verletzungen im Gesicht, an den Augen, am Ohr und an den Knien sowie einen teilweisen Gedächtnisverlust.
- Polizei ermittelt: Die Anzeige wurde wegen Körperverletzung mit einem möglichen homophoben Tatmotiv und gemeinschaftlich versuchten Diebstahls aufgenommen.
- LGBTIQ+-Organisationen verlangen mehr Polizeipräsenz, sichere Heimwege und bessere Hilfsangebote im Pariser Ausgehviertel Marais.
- In Frankreich die gesellschaftliche Debatte über LGBTIQ+-feindliche Gewalt.
Mehrere Männer schlagen zu
Bei dem Opfer handelt es sich um einen Mann namens Mario, der sich ehrenamtlich für die französische Organisation PlaySafe engagiert. Er befand sich auf dem Heimweg von einer Präventionsveranstaltung für die LGBTIQ+-Community, als es zu dem Angriff kam. PlaySafe wurde 2012 gegründet und setzt sich insbesondere im Nachtleben für Gesundheitsprävention und die Verringerung gesundheitlicher Risiken ein. Dazu gehören Aufklärungsangebote zu synthetischen Drogen, GHB, GBL, Ketamin, Abhängigkeitserkrankungen und Risiken im Zusammenhang mit Chemsex.
Nach Angaben des Betroffenen begann die Auseinandersetzung mit wiederholten homophoben Beschimpfungen. Mario war nachts zu Fuß unterwegs, als mehrere Männer ihn mit einem schwulenfeindlichen Schimpfwort beleidigten. Einer der Männer soll anschließend fünf Euro von ihm verlangt haben. Weil Mario einen Raubüberfall befürchtete, versteckte er vorsorglich sein Mobiltelefon und seine Geldbörse unter seiner Kleidung. Kurz darauf wurde er von hinten in Höhe seines linken Ohrs heftig geschlagen. Anschließend attackierten ihn mindestens zwei Personen mit Faustschlägen ins Gesicht. Er stürzte auf die Knie und blutete stark im Gesicht. Während die Angreifer weiter auf ihn einprügelten, bevor sie schlussendlich flüchteten. Gegenstände wurden ihm nicht gestohlen.
Schwere Verletzungen
Die französische Presse berichtet davon, dass der junge Mann „halb tot“ geschlagen wurde. Besonders schwer wiegen dabei in der Tat die gesundheitlichen Folgen. Mario berichtete von einem teilweisen Gedächtnisverlust nach der Attacke. Blutend und schwer verletzt wurde der Aktivist ins Krankenhaus gebracht und medizinisch erstversorgt. Die Verletzungen betrafen vor allem das linke Ohr, beide Augen, die Nase, den Mund und die Knie. Inzwischen konnte Mario die Klinik wieder verlassen, ist aber nach wie vor in ärztlicher Behandlung. Neben den körperlichen Beschwerden benötigt der Aktivist wegen der psychischen Folgen des Angriffs bis heute weitere Unterstützung.
Ermittlung wegen Körperverletzung
Die Tat wurde bei der Polizei angezeigt. Die Ermittlungen betreffen Körperverletzung unter Berücksichtigung eines möglichen erschwerenden Umstands aufgrund der sexuellen Orientierung des Opfers sowie gemeinschaftlich versuchten Diebstahl. Die französische Organisation STOP Homophobie hat dem Betroffenen inzwischen ihre Unterstützung zugesichert. Michel Mau, Vorsitzender der Organisation, würdigte das ehrenamtliche Engagement des angegriffenen Mannes. Zugleich machte er deutlich, dass Gewalt gegen homosexuelle Menschen nicht als unvermeidlicher Bestandteil des öffentlichen Lebens hingenommen werden dürfe. „Er hat seine Zeit anderen Menschen gewidmet. Heute möchten wir ihm sagen, dass er nicht allein ist. Jeder Mensch muss ausgehen, soziale Kontakte pflegen und sicher nach Hause zurückkehren können. Keine Form von Gewalt darf als unvermeidlich betrachtet werden.“
Debatte über Sicherheit
Besonders besorgniserregend sei außerdem, dass der körperlichen Attacke auch homophobe Beschimpfungen vorausgegangen waren. „Homophobe Beleidigungen sind keine Kleinigkeit: Wenn auf sie körperliche Gewalt folgt, zeigen sie, welche konkreten Folgen LGBTIQ+-Feindlichkeit für die Sicherheit der betroffenen Menschen haben kann.“ Der Vorfall hat erneut eine Diskussion über die Sicherheit homosexueller und queerer Menschen in den Pariser Ausgehvierteln ausgelöst. Im Mittelpunkt der Debatte steht insbesondere das Pariser Stadtviertel Marais. Dort befinden sich zahlreiche Bars, Clubs und andere Einrichtungen, die bei LGBTIQ+-Menschen beliebt sind. Innerhalb der Lokale bestehen teilweise Schutzmaßnahmen und Unterstützungsangebote. Diese reichen nach Ansicht von Menschenrechtsorganisationen jedoch nicht aus, wenn Besucher nach dem Ausgehen allein durch die Straßen nach Hause gehen müssen.
Gerade während der Nachtstunden könnten Menschen außerhalb der geschützten Einrichtungen einem erhöhten Risiko ausgesetzt sein. Auch der Pariser Stadtrat Pierre Baty äußerte sich besorgt über den Angriff. „Dieser Angriff reiht sich leider in viele andere ein.“ STOP Homophobie verweist in diesem Zusammenhang auf eine Zunahme homophober Übergriffe sowie sexistischer und sexualisierter Gewalt, insbesondere im Marais. Die Organisation fordert die Pariser Stadtverwaltung auf, zusätzliche Sicherheitsmaßnahmen zu ergreifen und die Präsenz der Stadtpolizei an bekannten Gefahrenstellen zu verstärken.
Mehr Polizei gefordert
Nach Auffassung von STOP Homophobie sollte vor allem während der Schließzeiten von Bars und Clubs stärker auf die Sicherheit der Besucher geachtet werden. Neben zusätzlicher Polizeipräsenz schlägt die Organisation den Einsatz speziell geschulter Vermittlungsteams vor. „Eine stärkere Präsenz der Ordnungskräfte zu den Schließzeiten, ergänzt durch Vermittlungsteams, die im Umgang mit LGBTIQ+-feindlichen Vorfällen geschult sind, würde es ermöglichen, Zwischenfälle besser zu verhindern und bei Problemen schneller einzugreifen.“ Auch die Gestaltung des öffentlichen Raums müsse stärker berücksichtigt werden. „Besondere Aufmerksamkeit könnte auch der Beleuchtung, der Abdeckung durch Videoüberwachungssysteme und den Bereichen gewidmet werden, in denen Menschen am Ende des Abends Gefahr laufen, isoliert zu sein.“ Entsprechende Maßnahmen könnten nach Vorstellung der Organisation sowohl im Marais als auch in den angrenzenden Straßen umgesetzt oder ausgebaut werden.
Schutzräume und Hilfe
Neben staatlichen Sicherheitsmaßnahmen hält STOP Homophobie eine stärkere Zusammenarbeit zwischen den Einrichtungen des Nachtlebens für notwendig. Bars, Clubs und andere Betriebe könnten sich zu einem Netzwerk zusammenschließen, das bedrohten Menschen kurzfristig Schutz bietet. „Auch die Lokale könnten sich an einem gemeinsamen System zur Aufnahme und Orientierung beteiligen. Ein Netzwerk von Partnerbetrieben würde es Menschen, die sich in Gefahr fühlen, ermöglichen, schnell einen Ort zu finden, an dem sie um Hilfe bitten können.“ Darüber hinaus könnten mobile Unterstützungsteams in den Ausgehvierteln eingesetzt werden. Diese sollten besonders gefährdeten Personen helfen und bei Bedarf den Kontakt zu medizinischen oder anderen Hilfsangeboten herstellen.
Ein weiterer Schwerpunkt der Forderungen betrifft die unmittelbare Versorgung nach einer Gewalttat. Nach Ansicht von STOP Homophobie dürfen Menschen, die auf offener Straße angegriffen wurden, nicht sich selbst überlassen bleiben. „Ein Mensch, der Opfer von Gewalt geworden ist, sollte die unmittelbaren Folgen eines Angriffs nicht allein bewältigen müssen.“ Die Organisation regt deshalb an, kurzfristige Unterbringungsmöglichkeiten und eine schnelle Vermittlung an medizinische, psychologische und juristische Hilfsangebote bereitzustellen. Allerdings dürfe die Verantwortung für entsprechende Maßnahmen nicht ausschließlich bei den Betreibern von Bars und Clubs oder bei ehrenamtlichen Organisationen liegen. Der Schutz queerer Menschen müsse nach Ansicht der Aktivisten als gemeinsame Aufgabe öffentlicher Institutionen, der Sicherheitsbehörden und der Einrichtungen des Nachtlebens verstanden werden.