Beleidigungen in Chatgruppen, herabwürdigende Kommentare auf sozialen Netzwerken oder die öffentliche Verbreitung persönlicher Informationen: Cybermobbing gehört für immer mehr Kinder und Jugendliche in Deutschland zum Alltag. Besonders belastend können solche Angriffe für junge Menschen sein, die wegen ihrer sexuellen Orientierung oder geschlechtlichen Identität angefeindet werden. Homosexuelle und queere Jugendliche sind dabei nicht nur allgemeinen Formen digitaler Gewalt ausgesetzt. Sie können zusätzlich Ziel von homophoben Beschimpfungen, Ausgrenzung und Drohungen werden.
Das Wichtigste im Überblick
- Mehr als 2,4 Millionen Betroffene: Nach einer neuen Erhebung des Bündnisses gegen Cybermobbing erlebt inzwischen etwa jeder fünfte Schüler in Deutschland digitale Schikanen.
- Besondere Gefährdung queerer Jugendlicher: Homosexuelle, bisexuelle, trans* und queere junge Menschen können zusätzlich wegen ihrer sexuellen Orientierung oder geschlechtlichen Identität angegriffen werden.
- Laut der aktuellen Cyberlife-Studie berichten 25 Prozent der von Cybermobbing betroffenen Kinder und Jugendlichen von Suizidgedanken. Auch der Griff zu Alkohol, Tabletten oder Drogen wird häufiger genannt.
- Angriffe reichen bis ins Privatleben: Beleidigungen, öffentliche Bloßstellungen und die Androhung eines unfreiwilligen Outings können die Betroffenen auch außerhalb der Schule unter Druck setzen.
- Eltern und Lehrkräfte überfordert: Das Bündnis fordert mehr Prävention, Aufklärung und einen verantwortungsvolleren Umgang mit digitalen Plattformen.
- Für die sechste Ausgabe der Cyberlife-Studie wurden bundesweit rund 6.300 Schüler, Eltern und Lehrkräfte befragt.
Anstieg beim Cybermobbing
Wie groß das Problem inzwischen ist, zeigen neue Zahlen des Bündnisses gegen Cybermobbing. Nach dessen aktueller Untersuchung ist etwa jeder fünfte Schüler von Cybermobbing betroffen. Bundesweit entspricht dies mehr als 2,4 Millionen Kindern und Jugendlichen, statistisch gesehen sind davon mindestens 22 Prozent LGBTIQ+. Gegenüber der Erhebung aus dem Jahr 2024 stieg der ausgewiesene Anteil um mehr als zwei Prozent. Für die Untersuchung der sechsten Cyberlife-Studie befragte das Bündnis rund 6.300 Schüler, Eltern und Lehrkräfte. Dabei ist die Situation queerer junger Menschen ein wichtiger Aspekt der Debatte. Denn digitale Anfeindungen können bei ihnen mit Diskriminierungserfahrungen zusammenkommen, die sie bereits in der Schule, im familiären Umfeld oder im öffentlichen Leben machen.
LGBTIQ+- Jugendliche stark gefährdet
Für lesbische, schwule, bisexuelle und queere Jugendliche können digitale Angriffe eine zusätzliche Dimension haben. Während sich Cybermobbing grundsätzlich gegen unterschiedliche persönliche Eigenschaften richten kann, werden LGBTIQ+-Jugendliche häufig gerade wegen ihrer tatsächlichen oder vermuteten Identität angefeindet. Das zeigen auch Untersuchungen der Agentur der Europäischen Union für Grundrechte (FRA). Besonders auffällig sind die Ergebnisse für junge Menschen. Unter den 15- bis 17-jährigen queeren und homosexuellen Befragten gaben europaweit 70 Prozent an, innerhalb der zwölf Monate vor der Erhebung wegen ihrer Identität belästigt worden zu sein.
Ein weiterer Befund betrifft den Schulalltag. In Deutschland erklärten 70 Prozent der befragten LGBTIQ+-Menschen, während ihrer Schulzeit wegen ihrer sexuellen Orientierung oder geschlechtlichen Identität verspottet, beleidigt, bedroht oder gemobbt worden zu sein. Die Ergebnisse verdeutlichen, dass Ausgrenzung für viele Betroffene nicht erst in sozialen Netzwerken beginnt. Digitale Plattformen können vielmehr dazu beitragen, bereits bestehende Konflikte aus der Schule über den Unterricht hinaus fortzusetzen.
Sexuelle Orientierung als Angriffsfläche
Ein wesentlicher Unterschied zu anderen Formen des Cybermobbings besteht darin, dass sich homophobe und queerfeindliche Angriffe unmittelbar gegen die Identität eines jungen Menschen richten können. Dabei müssen die Betroffenen nicht einmal offen homosexuell oder queer leben. Bereits Gerüchte über eine vermeintliche sexuelle Orientierung können ausreichen, um beleidigende Nachrichten, herabwürdigende Bilder oder öffentliche Bloßstellungen auszulösen. Gerade während der Pubertät beschäftigen sich viele Jugendliche intensiv mit ihrer eigenen Identität und der Frage, wie sie von anderen wahrgenommen werden. Wer in dieser Phase wegen seiner sexuellen Orientierung oder geschlechtlichen Identität angegriffen wird, kann dadurch zusätzlich verunsichert werden.
Zwangsouting bei Jugendlichen
Eine besondere Gefahr besteht beim sogenannten Zwangsouting. Dabei werden Informationen über die sexuelle Orientierung oder geschlechtliche Identität eines Menschen ohne dessen Einverständnis verbreitet. Im digitalen Umfeld kann dies beispielsweise durch Nachrichten in Klassenchats, veröffentlichte Screenshots oder Beiträge in sozialen Netzwerken geschehen. Für Jugendliche, die sich gegenüber ihren Eltern, Mitschülern oder Freunden noch nicht geoutet haben, kann eine solche Veröffentlichung erhebliche Folgen haben. Sie verlieren die Möglichkeit, selbst zu entscheiden, wann und wem sie persönliche Informationen anvertrauen möchten. Hinzu kommt, dass beleidigende oder intime Inhalte im Internet weitergeleitet, gespeichert und erneut veröffentlicht werden können. Dadurch lässt sich die Verbreitung für Betroffene häufig nur schwer kontrollieren.
Schwere psychische Folgen
Die neue Cyberlife-Studie des Bündnisses gegen Cybermobbing zeigt, wie stark digitale Anfeindungen Kinder und Jugendliche insgesamt belasten können. Besonders besorgniserregend ist nach Angaben des Bündnisses, dass 25 Prozent der von Cybermobbing betroffenen Kinder und Jugendlichen bereits Suizidgedanken geäußert haben. Zudem berichteten mehr junge Menschen als zuvor, aus Verzweiflung zu Alkohol, Tabletten oder Drogen gegriffen zu haben. Die Untersuchung macht damit deutlich, dass digitale Schikanen weit über kurzfristige Konflikte zwischen Gleichaltrigen hinausgehen können. Gerade auch Suizidgedanken sind in der jungen LGBTIQ+-Community besonders stark vertreten.
Eltern und Lehrkräfte überfordert
Das Bündnis gegen Cybermobbing sieht angesichts der aktuellen Entwicklung erheblichen Handlungsbedarf. Nach seinen Angaben fühlen sich viele Eltern und Lehrkräfte nicht ausreichend auf die Herausforderungen vorbereitet, die digitale Anfeindungen mit sich bringen. Ein Problem besteht darin, dass sich Konflikte zwischen Jugendlichen längst nicht mehr auf den Schulhof oder das Klassenzimmer beschränken.
Beleidigende Nachrichten können zu jeder Tageszeit verschickt werden. Herabwürdigende Beiträge bleiben möglicherweise auch dann sichtbar, wenn die Betroffenen die Schule längst verlassen haben. Der Vorstandsvorsitzende des Bündnisses, Uwe Leest, verweist zudem auf die Anonymität im Internet. Sie könne dazu beitragen, dass Menschen andere beleidigen oder bloßstellen, ohne unmittelbar mit den Konsequenzen ihres Verhaltens konfrontiert zu werden. Das Bündnis fordert deshalb mehr Aufklärung und Prävention, insbesondere an Schulen. Zugleich sollten sich Eltern frühzeitig mit den Funktionsweisen sozialer Netzwerke und den dort verbreiteten Inhalten beschäftigen.
Hier gibt es Hilfe
Bei psychischen oder anderweiten emotionalen Problemen sowie auch bei Depressionen oder beispielsweise Angststörungen, versuche, mit anderen Menschen darüber zu sprechen. Das können Freunde oder Verwandte sein. Es gibt aber auch eine Vielzahl von Hilfsangeboten, bei denen du dich melden kannst. Die Telefonseelsorge ist anonym, kostenlos und rund um die Uhr erreichbar. Die Telefonnummern sind 0800/111 0 111 und 0800/111 0 222.
Mit Beratung steht dir auch der Coming Out Day Verein via Messenger, E-Mail und Videochat unter www.coming-out-day.de sowie www.comingoutundso.de zur Seite. Weiterhin gibt es von der Telefonseelsorge das Angebot eines Hilfe-Chats. Außerdem gibt es die Möglichkeit einer E-Mail-Beratung. Die Anmeldung erfolgt – ebenfalls anonym und kostenlos – auf der Webseite. Informationen findest du unter: www.telefonseelsorge.de