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Krise unter US-Jugendlichen Warum LGBTIQ*-Jugendliche häufiger obdachlos werden

Von ms - 12.10.2026 - 13:30 Uhr
Krise unter US-Jugendlichen
Foto: iStock / mtreasure
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Junge lesbische, schwule, bisexuelle, trans* und queere Menschen sind in den Vereinigten Staaten erheblich häufiger von Wohnungslosigkeit betroffen als Gleichaltrige außerhalb der LGBTIQ+-Community. Trotz wachsender gesellschaftlicher Akzeptanz und höherer staatlicher Ausgaben hat sich die Situation in den vergangenen Jahren kaum verbessert. Fachleute sehen die Ursachen vor allem in familiärer Ablehnung, Diskriminierung, psychischen Belastungen und unzureichenden Hilfsangeboten.

Das Wichtigste im Überblick

  • Mehr als doppelt so hohes Risiko: LGBTIQ+-Menschen zwischen 18 und 25 Jahren sind in den USA laut einer Studie mehr als doppelt so häufig von Wohnungslosigkeit betroffen wie nicht queere Gleichaltrige.
  • Einer Untersuchung des Trevor Project zufolge haben 28 Prozent der befragten LGBTIQ+-Jugendlichen bereits Wohnungslosigkeit oder unsichere Wohnverhältnisse erlebt.
  • Ablehnung durch Angehörige, Diskriminierung, psychische Probleme und fehlende Unterstützung erhöhen das Risiko, die eigene Unterkunft zu verlieren.
  • Gesellschaftlicher Fortschritt reicht nicht: Fachleute sprechen von einem „Paradox des Fortschritts“: Mehr LGBTIQ+-Akzeptanz ermutigt zum Coming-Out, schützt aber nicht automatisch vor Zurückweisung innerhalb der Familie.
  • Trotz gestiegener staatlicher Ausgaben bleibt die Situation angespannt. Besonders queere Menschen meiden aus Angst vor Diskriminierung häufig Notunterkünfte.
  • Neue Hilfsansätze: Direkte Geldzahlungen, psychologische Betreuung, Familienberatung und ein stärkerer Diskriminierungsschutz könnten Wohnungslosigkeit verhindern.

Paradox wachsender Akzeptanz

Nach einer Untersuchung des Forschungszentrums Chapin Hall sind LGBTIQ+-Menschen zwischen 18 und 25 Jahren mehr als doppelt so häufig wie nicht queere Gleichaltrige in jüngerer Vergangenheit wohnungslos. Eine Studie des Trevor Project ergab zudem, dass 28 Prozent der befragten LGBTIQ+-Jugendlichen im Laufe ihres Lebens bereits Wohnungslosigkeit oder eine unsichere Wohnsituation erlebt hatten. Die überdurchschnittliche Betroffenheit queerer Jugendlicher ist seit mindestens zwei Jahrzehnten wissenschaftlich dokumentiert.

Ein möglicher Grund für die anhaltend hohen Zahlen liegt nach Einschätzung von Forschern in der Diskrepanz zwischen gesellschaftlichen Fortschritten und den tatsächlichen Lebensbedingungen junger Menschen. Carin Tunåker, Rechtswissenschaftlerin an der britischen University of Kent, bezeichnet dieses Phänomen als „Paradox des Fortschritts“. Die Einführung der gleichgeschlechtlichen Ehe, eine größere gesellschaftliche Sichtbarkeit und mehr Akzeptanz könnten junge LGBTIQ+-Menschen dazu ermutigen, sich früher zu outen. Allerdings bedeute dies nicht, dass ihre Familien und ihr unmittelbares Umfeld ihre sexuelle Orientierung oder Geschlechtsidentität ebenfalls akzeptierten. „Die Menschen haben die Vorstellung, dass es Fortschritte gegeben hat und die Gesellschaft besser wird. Deshalb glauben sie, dass es sicher sein wird und dass es in Ordnung ist, sich als queer zu outen“, so Tunåker gegenüber dem US-Medium Uncloseted Media. „Aber die Realität, mit der die Menschen konfrontiert werden, entspricht nicht immer ihren Erwartungen.“

LGBTIQ+-feindliche Stimmung 

Verlieren junge Menschen nach einem Coming-Out die Unterstützung ihrer Familie, fehlen häufig finanzielle Mittel und alternative Wohnmöglichkeiten. Fakt ist: Die gesellschaftliche Sichtbarkeit sexueller und geschlechtlicher Minderheiten hat in den USA deutlich zugenommen. Einer Gallup-Umfrage zufolge identifiziert sich inzwischen fast jeder vierte Erwachsene zwischen 18 und 29 Jahren als LGBTIQ+. Unter den 30- bis 49-Jährigen liegt der Anteil dagegen bei etwa zehn Prozent. Die zunehmende Offenheit gehe jedoch nicht zwangsläufig mit besseren Lebensbedingungen einher, betonen Fachleute.

Alex Roque, Präsident des New Yorker Ali Forney Center, berichtet von einem erheblichen Anstieg der Nachfrage nach Unterstützung. Die Einrichtung gilt als größtes Gemeindezentrum für wohnungslose LGBTIQ+-Jugendliche und junge Erwachsene in den Vereinigten Staaten. Nach der Einführung der gleichgeschlechtlichen Ehe im Bundesstaat New York habe sich die Warteliste innerhalb weniger Wochen von etwa 100 auf 200 junge Menschen verdoppelt. Seit 2016 sei die Zahl der jungen Erwachsenen, die Hilfe beim Ali Forney Center suchten, nach seinen Angaben jährlich um 20 Prozent gestiegen. „Wir glauben, dass die LGBTIQ+-feindliche Stimmung in unserem Land sowie der zunehmende Hass und die politischen Angriffe auf unsere Community in direktem Zusammenhang mit dem steigenden Hilfebedarf stehen“, erklärt er. Öffentliche Debatten über LGBTIQ+-Themen könnten Konflikte innerhalb von Familien verschärfen und dazu führen, dass junge Menschen gegen ihren Willen geoutet würden.

Hunderte Gesetzesvorhaben 

Nach Angaben der Bürgerrechtsorganisation American Civil Liberties Union (ACLU) wurden in diesem Jahr bereits mindestens 531 als LGBTIQ+-feindlich eingestufte Gesetzesvorhaben in den Parlamenten der US-Bundesstaaten erfasst. Tunåker sieht darin einen zusätzlichen Risikofaktor für queere Jugendliche. „Der Grund dafür, dass die Wohnungslosigkeit in dieser Gruppe nicht nur auf demselben Niveau bleibt, sondern tatsächlich zunimmt, ist, dass LGBTIQ+-Menschen ständig angegriffen werden. Dadurch sind sie einem noch größeren Risiko ausgesetzt.“ Politische Debatten über die Einschränkung bestehender Rechte könnten außerdem das Vertrauen in staatliche Stellen schwächen. „Wenn Rechte öffentlich abgeschafft werden oder auch nur öffentlich darüber diskutiert wird, Rechte möglicherweise abzuschaffen, macht das den Menschen Angst“, so Tunåker weiter. Betroffene würden deshalb seltener Behörden oder andere öffentliche Einrichtungen um Hilfe bitten.

Angst vor Diskriminierung 

Besonders problematisch ist nach Einschätzung der Forscher die Situation queerer Menschen in bestehenden Hilfseinrichtungen. Ein Bericht des Williams Institute ergab, dass mehr als ein Viertel der befragten queeren Personen, die aufgrund ihrer Geschlechtsidentität wohnungslos geworden waren, Notunterkünfte aus Angst vor schlechter Behandlung gemieden hatten. Brandon Robinson, Wissenschaftler an der University of California in Riverside, kritisiert die Bedingungen in vielen Notunterkünften. „Wir wissen, dass die meisten Menschen in Notunterkünften zwischen Unterkünften, der Straße und Gefängnissen hin- und herwechseln“, sagt er. „Dort gibt es Gewalt, es ist laut, und die Einrichtungen sind natürlich nach Geschlechtern getrennt. Das verursacht für trans* Menschen viele Probleme. Langfristig funktionieren sie nicht.“ Fachleute empfehlen deshalb speziell auf LGBTIQ+-Menschen ausgerichtete Hilfsangebote und verbindliche Schutzmaßnahmen gegen Diskriminierung.

Geld für Wohnungslosenhilfe 

Die amerikanische Bundesregierung hat ihre Ausgaben zur Bekämpfung von Wohnungslosigkeit im vergangenen Jahrzehnt um rund 22 Prozent erhöht. Das geht aus Angaben des Congressional Research Service und Haushaltsunterlagen des US-Gesundheitsministeriums für 2026 hervor. Dennoch zeigen die verfügbaren Daten nach Einschätzung von Fachleuten kaum Fortschritte bei der Wohnungslosigkeit junger Menschen. „Die Daten sind in den vergangenen zehn Jahren nicht besser geworden“, erklärt Larry Cohen, Mitbegründer der gemeinnützigen Organisation Point Source Youth. Die Organisation setzt sich für die Prävention von Jugendwohnungslosigkeit ein und erprobt unter anderem direkte finanzielle Hilfen.

Ein Pilotprogramm von Point Source Youth untersuchte, ob einmalige Geldzahlungen junge Menschen vor dem Verlust ihrer Unterkunft schützen können. Teilnehmende Haushalte erhielten durchschnittlich 3.700 US-Dollar. Ergänzend wurden Unterstützung bei der Wohnungsplanung und freiwillige Beratungsangebote bereitgestellt. Von 311 befragten Teilnehmern antworteten 229. Bei 92 Prozent der Antwortenden wurde innerhalb von sechs Monaten nach der Unterstützung keine Inanspruchnahme von Angeboten der Wohnungslosenhilfe erfasst. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass frühzeitige finanzielle Unterstützung eine mögliche Alternative zur späteren Unterbringung in Notunterkünften sein könnte. Einen eindeutigen Wirksamkeitsnachweis liefert das Pilotprogramm allerdings nicht. Zum Vergleich: Ein Platz in einer New Yorker Notunterkunft kostete 2025 jährlich etwa 47.000 bis 55.000 Dollar. Nach Angaben des Stadtrats deckten diese Beträge noch nicht sämtliche Betriebskosten.

Psychische Erkrankungen 

Cohen betont, dass Geldzahlungen allein nicht ausreichen. „Es geht um mehr, als ihnen einfach nur Geld zu geben“, erklärt er. Notwendig seien zusätzliche Dienstleistungen und eine kontinuierliche Betreuung durch Sozialarbeiter, damit junge Menschen dauerhaft Zugang zu Wohnraum und weiteren Hilfsangeboten erhielten. Wohnungslosigkeit und psychische Probleme können sich nach Einschätzung von Forschern gegenseitig verstärken. Eine Untersuchung des Trevor Project ergab, dass LGBTIQ+-Jugendliche mit Erfahrungen von Wohnungslosigkeit oder unsicheren Wohnverhältnissen im Vergleich zu queeren Jugendlichen mit stabiler Unterkunft fast doppelt so häufig Angstzustände und Depressionen berichteten. Die Wahrscheinlichkeit eines Suizidversuchs war bei ihnen nahezu viermal so hoch.

Amy Stone, Professorin für Soziologie und Anthropologie an der Trinity University, verweist darauf, dass fehlender Wohnraum auch andere Lebensbereiche beeinträchtigt. Ohne eine sichere Unterkunft werde es erheblich schwieriger, eine Schule oder Ausbildung abzuschließen, ein Studium zu beginnen, soziale Beziehungen aufzubauen und langfristige Perspektiven zu entwickeln. Neben einer stabilen Wohnsituation seien deshalb psychotherapeutische Versorgung und soziale Unterstützung entscheidend. Nach Ansicht des Trevor Project muss die Prävention bereits beginnen, bevor junge Menschen ihre Unterkunft verlieren.

Forderung an Verantwortliche 

Die Organisation fordert stärkere Maßnahmen gegen Diskriminierung und Mobbing, Familienberatung und Vermittlungsangebote bei Konflikten um die sexuelle Orientierung oder Geschlechtsidentität. Auch Jugendliche, die staatliche Pflegeeinrichtungen verlassen, müssten besser auf ein selbstständiges Leben vorbereitet werden. Die Soziologin Stone betont die Bedeutung verlässlicher persönlicher Beziehungen. „Einer der Faktoren, die uns alle davor schützen, wohnungslos zu werden, sind sogenannte dauerhafte Bindungen“, sagt sie. Diese müssten nicht zwangsläufig zu den Eltern bestehen. Auch Großeltern, andere Verwandte oder vertrauenswürdige Erwachsene könnten verhindern, dass junge Menschen ohne Unterkunft dastehen.

Zusätzlich empfehlen Fachleute, Hilfsangebote in Schulen bekannter zu machen und LGBTIQ+-Jugendlichen frühzeitig Zugang zu finanzieller, sozialer und psychologischer Unterstützung zu ermöglichen. Die Forschet sind sich darin einig, dass Notunterkünfte allein das Problem nicht lösen können. Entscheidend seien langfristig sichere Wohnverhältnisse, ein funktionierendes Unterstützungsnetzwerk und ein wirksamer Schutz vor Diskriminierung.

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