Der irische schwule Schauspieler Andrew Scott (49) hat davor gewarnt, die Aids-Krise und ihre Folgen für die schwule Gemeinschaft aus der Film- und Fernsehgeschichte zu verdrängen. Anlässlich der Europapremiere seines neuen Films „Elsinore“ beim London Film Festival sprach sich der 49-Jährige dafür aus, neben positiven schwulen Liebesgeschichten auch die schmerzhaften Erfahrungen früherer Generationen weiterhin aufzugreifen.
Das Wichtigste im Überblick
- Erinnerung an die Aids-Krise: Andrew Scott hält Filme über die Verfolgung, Stigmatisierung und das Leid schwuler Menschen während der Aids-Epidemie weiterhin für unverzichtbar.
- Kritik an gesellschaftlicher Scham: Nicht die Betroffenen müssten sich schämen, sondern Regierungen und eine Gesellschaft, die Menschen mit HIV und Aids im Stich ließen.
- Der Schauspieler begrüßt schwule Liebesgeschichten wie „Heartstopper“, „Heated Rivalry“ und „Red, White & Royal Blue“, fordert aber zugleich die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit.
Umgang mit der Vergangenheit
In einem Interview mit dem US-Branchenmagazin Variety machte Scott jetzt deutlich, dass er die wachsende Vielfalt schwuler Produktionen ausdrücklich für gut erachtet. „Ich begrüße Produktionen wie ‚Heartstopper‘, ‚Heated Rivalry‘ und ‚Red, White & Royal Blue‘ und all diese Geschichten, die Freude vermitteln. Das tue ich wirklich, wirklich, wirklich“, sagte er. „Und ich finde es außergewöhnlich, dass es in Film und Fernsehen inzwischen so viele unterschiedliche Arten schwuler Geschichten gibt, wenn man so will.“
Problematisch findet der Schauspieler allerdings die Vorstellung, dass Geschichten über die Aids-Krise nicht mehr zeitgemäß seien. „Das beunruhigt mich ein wenig, weil ich glaube, dass es etwas über Menschen aussagt, die vielleicht nicht in eine Zeit zurückkehren wollen, in der man über die Aids-Krise spricht oder darüber, wie unglaublich schwierig das Leben für schwule Menschen damals war“, erklärte Scott. „Und ich glaube, dass das manchmal aus einem Gefühl der Scham heraus geschieht.“ Diese Scham sei jedoch fehl am Platz, wenn sie sich auf die Menschen richte, die während der Epidemie erkrankten, diskriminiert wurden oder starben. „Die Schande liegt bei den Regierungen, die die Aids-Krise ignoriert haben, bei der Stigmatisierung, der die Menschen ausgesetzt waren, und bei den tief verwurzelten Vorurteilen in der Gesellschaft“, so Scott. „Das ist also die Schande anderer.“
Erinnerung an schwulen Schauspieler
Mit seinen Äußerungen wandte sich der Schauspieler gegen eine Verdrängung jener Zeit, in der eine HIV-Infektion häufig nicht nur mit schwerer Krankheit, sondern auch mit massiver gesellschaftlicher Ausgrenzung verbunden war. Im Mittelpunkt des neuen Films steht der schottische Schauspieler Ian Charleson, der unter anderem durch seine Rolle im Kinofilm „Die Stunde des Siegers“ („Chariots of Fire“) bekannt wurde. Scott verkörpert Charleson in dem Drama, bei dem Simon Stone Regie führte. Die Handlung konzentriert sich auf einen außergewöhnlichen Abschnitt in Charlesons Karriere am Londoner National Theatre. 1989 übernahm der Schauspieler dort die Titelrolle in William Shakespeares „Hamlet“, nachdem Daniel Day-Lewis die Inszenierung verlassen hatte. Zu diesem Zeitpunkt war Charleson bereits schwer an Aids erkrankt. Dennoch stand er auf der Bühne und erhielt für seine Darstellung hervorragende Kritiken. Sieben Wochen nach seinem letzten Auftritt in der Produktion starb er.
Ehrung von HIV-Ärztin
Nach der Europapremiere holte Scott mehrere Menschen auf die Bühne, deren Lebensgeschichten in dem Film dargestellt werden. Gemeinsam mit ihnen traten die Schauspieler auf, die ihre Rollen übernommen hatten. Besondere Anerkennung erhielt Dr. Margaret Johnson, die als Pionierin in der medizinischen Behandlung von Menschen mit HIV und Aids gilt. Die Ärztin, die im Film von Oscarpreisträgerin Olivia Colman dargestellt wird, wurde bei der Veranstaltung mit stehenden Ovationen gefeiert. Scott würdigte ihre Verdienste ausdrücklich. „Es ist schwer, die Bedeutung zu überschätzen, die diese Frau für die Entwicklung von Behandlungsmöglichkeiten für Menschen mit HIV und Aids hatte“, sagte er. „Für uns ist sie eine echte Heldin des wirklichen Lebens.“