Mehr als zwölf Jahre nach seinem eigenen Coming-Out sieht der frühere deutsche Fußball-Nationalspieler Thomas Hitzlsperger (44) weiterhin erhebliche Hindernisse für homosexuelle Profis. Trotz wachsender Unterstützung für Vielfalt im Fußball würden sich nur wenige Spieler öffentlich als schwul bekennen. Die Angst vor gesellschaftlicher Ablehnung halte manche sogar nach dem Ende ihrer sportlichen Laufbahn davon ab.
Das Wichtigste im Überblick
- Thomas Hitzlsperger kritisiert, dass sich viele schwule Fußballprofis auch nach ihrer aktiven Laufbahn nicht öffentlich zu ihrer Homosexualität bekennen.
- Der frühere Nationalspieler verweist auf Anti-Diskriminierungsaktionen und Regenbogen-Kapitänsbinden als Zeichen eines positiven Wandels.
- Kritik an gesellschaftlichem Klima: Homophobie und Rassismus seien weiterhin große Probleme. Hitzlsperger sieht insbesondere toxische Männlichkeitsbilder als Hindernis.
- Weniger Engagement für Vielfalt: Wirtschaftliche Interessen und eine sinkende gesellschaftliche Unterstützung hätten dazu geführt, dass manche Initiativen zurückgefahren wurden.
Gesellschaftlicher Wandel
Der 44-Jährige, der Anfang 2014 seine Homosexualität öffentlich machte, äußerte sich in einem Interview von Yahoo Sports über die Entwicklung des Profifußballs, die Rolle gesellschaftlicher Vorurteile und den Umgang mit Diskriminierung. Nach Einschätzung des ehemaligen Mittelfeldspielers hat der Fußball im vergangenen Jahrzehnt wichtige Fortschritte beim Umgang mit Homophobie erzielt. Von einem vollständig diskriminierungsfreien Umfeld sei der Sport allerdings weiterhin entfernt. Das zentrale Problem liege nicht ausschließlich bei Vereinen, Spielern oder Fans: „Was Homophobie betrifft, liegt die größte Herausforderung in der Gesellschaft. Die Welt ist zu einem raueren Ort geworden, und was Diskriminierung angeht, ist die Situation ziemlich traurig. Rassismus ist ebenso wie Homophobie ein großes Problem in der Gesellschaft und natürlich auch im Fußball. Manchmal fragen die Leute: ‚Warum können wir nicht einfach die Spiele anschauen?‘ Ich verstehe diese Sichtweise, aber wir haben die Verantwortung, zu gesellschaftlichen Fragen Stellung zu beziehen, denn der Fußball hat einen großen Einfluss.“ Für Hitzlsperger steht deshalb fest, dass der Fußball seine gesellschaftliche Bedeutung auch im Kampf gegen Ausgrenzung nutzen müsse. Eine Trennung zwischen sportlichen Ereignissen und gesellschaftlichen Fragen hält er angesichts der großen öffentlichen Reichweite des Fußballs für unzureichend.
Zeichen der Veränderung
Als Beispiel für positive Entwicklungen nennt Hitzlsperger Initiativen gegen Diskriminierung, die sich in den vergangenen Jahren im Profifußball etabliert haben. Dazu gehört das Tragen von Regenbogen-Kapitänsbinden, mit denen Spieler ihre Unterstützung für Vielfalt und Akzeptanz zum Ausdruck bringen. In der englischen Premier League beteiligten sich während der Saison 2024/25 bei einem Ligaspiel 19 der 20 Mannschaftskapitäne an einer entsprechenden Aktion. Der frühere Nationalspieler sieht darin einen wichtigen Fortschritt, der seiner Meinung nach in der öffentlichen Diskussion zu wenig Beachtung findet.
„Manchmal sind die Medien geradezu darauf fixiert, sich auf die wenigen zu konzentrieren, die gegen den Strom schwimmen und für Konflikte sorgen. Aber ich glaube, dass wir einen großen Schritt nach vorne gemacht haben, wenn man sieht, wie viele prominente Premier-League-Spieler diese Binden tragen. Das ist ein wesentlicher Aspekt, über den wir sprechen sollten, ebenso wie über die erzielten Fortschritte, anstatt uns ständig auf die wenigen zu versteifen, die Vielfalt ablehnen und anders leben als die gesellschaftliche Norm. Ich würde mir wünschen, dass wir uns stärker auf positive statt auf negative Geschichten konzentrieren. Ich kenne viele Menschen, die das Problem der Homophobie im Fußball sehr ernst nehmen und sich unermüdlich dafür einsetzen, diesen Sport inklusiver zu gestalten“, betonte Hitzlsperger.
Wirtschaftliche Interessen
Gleichzeitig beobachtet Hitzlsperger Entwicklungen, die den bisherigen Fortschritt gefährden könnten. „Allerdings müssen wir auch anerkennen, dass es im Fußball mittlerweile nur noch ums Geschäft geht. Verschiedene Initiativen, die im Laufe der Jahre ins Leben gerufen wurden, sind zurückgefahren worden. Außerdem genießen die Themen Gleichberechtigung, Vielfalt und Inklusion nicht mehr dieselbe Popularität, weil viele Menschen glauben, dass man es damit übertrieben habe. Ich habe im Fußball unglaublich viele Menschen kennengelernt, die fest davon überzeugt sind, wie wichtig ein inklusives Umfeld ist – und das ist großartig. Aber darüber wird in den Medien nicht jeden Tag berichtet.“
Hitzlsperger spricht sich außerdem dafür aus, den Fußball für Menschen zugänglicher zu machen, die bislang nicht zu seinem traditionellen Publikum gehören. Der Sport könne seine gesellschaftliche Reichweite nutzen, um Menschen mit unterschiedlichen Lebensgeschichten und Hintergründen anzusprechen. Dabei gehe es nicht allein um die bestehenden Fangruppen, sondern auch um jene, die sich im Fußball bisher nicht ausreichend repräsentiert fühlen. Denn „es gibt viele Möglichkeiten, wirklich mit Menschen unterschiedlichster Herkunft in Kontakt zu treten und ihnen zu vermitteln, dass der Fußball auch für sie da ist“. Ein offeneres Umfeld könne nach seiner Einschätzung dazu beitragen, gesellschaftliche Vorbehalte abzubauen und das Zugehörigkeitsgefühl unterschiedlicher Gruppen zu stärken.
Schwule Profis bleiben versteckt
Besonders kritisch beurteilt Hitzlsperger die weiterhin geringe Zahl offen homosexueller Fußballprofis. Obwohl die öffentliche Unterstützung für Vielfalt in vielen Bereichen gewachsen sei, bleibe ein Coming-Out im Männerfußball eine Ausnahme. „Die Realität ist, dass es nur sehr wenige offen schwule Fußballer gibt. Das Problem hat seine Wurzeln in toxischer Männlichkeit, aber das Leben selbst ist toxisch, und das ist das Traurigste daran. Es wird oft darüber gesprochen, dass Spieler sich während ihrer aktiven Karriere nicht outen wollen, weil sie ein toxisches Umfeld fürchten. Aber die Wahrheit ist, dass einige es selbst nach ihrem Karriereende nicht tun – aus Angst vor der Gesellschaft.“ Für Hitzlsperger verdeutlicht dies, dass Maßnahmen innerhalb des Fußballs allein nicht ausreichen. Entscheidend sei ebenso ein gesellschaftliches Umfeld, in dem homosexuelle Menschen ohne Angst offen leben können.
Fürsprecher für Akzeptanz
Hitzlsperger kann auf eine erfolgreiche Karriere im internationalen Profifußball zurückblicken. Der frühere Mittelfeldspieler stand unter anderem beim FC Bayern München, bei Aston Villa, West Ham United, dem VfL Wolfsburg und dem FC Everton unter Vertrag. 2010 spielte er zudem für Lazio Rom in Italien. Seinen größten Vereinserfolg feierte er mit dem VfB Stuttgart, mit dem er in der Saison 2006/07 deutscher Meister wurde. Auch mit der deutschen Nationalmannschaft erreichte er bedeutende Erfolge. Bei der Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland gewann er die Bronzemedaille. Bei der Europameisterschaft 2008 in Österreich und der Schweiz erreichte Hitzlsperger mit der deutschen Auswahl das Finale und gewann Silber. Wenige Monate nach seinem Karriereende machte er Anfang 2014 seine Homosexualität öffentlich.