Nach der Verbreitung falscher Anschuldigungen wegen sexuellen Fehlverhaltens hat die britische Rundfunkanstalt BBC eine außergerichtliche Einigung mit den Verantwortlichen des britischen LGBTIQ+-Nachrichtenportals PinkNews erzielt. Der Sender entschuldigte sich bei Gründer Benjamin Cohen und dessen Ehemann Anthony James und erklärte sich zur Zahlung einer beträchtlichen Entschädigung bereit. Die Vorwürfe, die in einer Dokumentation und einem begleitenden Nachrichtenartikel veröffentlicht worden waren, wurden vollständig zurückgenommen.
Das Wichtigste im Überblick
- BBC räumt Fehler ein: Der britische Sender hat falsche und rufschädigende Vorwürfe gegen PinkNews-Gründer Benjamin Cohen und dessen Ehemann Anthony James zurückgenommen.
- Eine Dokumentation und ein begleitender Artikel hatten dem Paar sexuelles Fehlverhalten sowie unangemessenen Druck auf Mitarbeiterinnen im Zusammenhang mit Leihmutterschaft vorgeworfen.
- Die Berichterstattung führte zu beruflichen Rücktritten und zusätzlichen behördlichen Untersuchungen, die den Sohn des Paares betrafen.
- Außergerichtliche Einigung: Die BBC hat sich vorbehaltlos entschuldigt und eine als beträchtlich bezeichnete Entschädigung zugesagt.
- Cohen und James wollen das Geld vollständig an zwei gemeinnützige Organisationen weitergeben.
Schwerwiegende Fehler
Vor dem High Court in London räumte die BBC jetzt ein, mit ihrer Berichterstattung schwerwiegende und unwahre Behauptungen über das Paar verbreitet zu haben. Die Anschuldigungen hatten international Aufmerksamkeit erregt und erhebliche Auswirkungen auf das berufliche und private Leben der beiden Männer. Im Mittelpunkt des Rechtsstreits stand die 2024 veröffentlichte Dokumentation „PinkNews: Hinter verschlossenen Türen“. Der Film war über den Streamingdienst BBC iPlayer verbreitet worden und beschäftigte sich mit den beiden Verantwortlichen des LGBTIQ+-Nachrichtenportals. Während der Gerichtsanhörung akzeptierte die BBC, dass die Produktion „eine Reihe äußerst schwerwiegender, falscher und rufschädigender Anschuldigungen“ enthalten hatte.
Auch ein begleitender Onlineartikel erwies sich nach Angaben des Senders als fehlerhaft. Darin war behauptet worden, Cohen und James hätten junge Mitarbeiterinnen unangemessen unter Druck gesetzt, sich als Leihmütter für sie zur Verfügung zu stellen. Diese Anschuldigungen bezeichnete die BBC inzwischen selbst als „falsch und äußerst schädlich“. Die Vorwürfe waren seinerzeit von zahlreichen britischen Medien aufgegriffen und über soziale Netzwerke weiterverbreitet worden. Selbst die britische Regierung äußerte sich zu den Berichten. Die Downing Street bezeichnete die Anschuldigungen damals als „sehr besorgniserregend“.
Rücktritte und Untersuchungen
Für Cohen und James hatte die Berichterstattung weitreichende Folgen. Beide Männer sahen sich nicht nur mit öffentlicher Kritik konfrontiert, sondern mussten auch berufliche Konsequenzen ziehen. Wie ihre Rechtsvertreter vor Gericht erklärten, fühlte sich Cohen gezwungen, sein Amt als Treuhänder einer international tätigen Wohltätigkeitsorganisation für Menschen mit Behinderungen niederzulegen. James gab seine Position als assoziiertes, nicht geschäftsführendes Vorstandsmitglied des Bedfordshire Hospitals NHS Foundation Trust auf. Darüber hinaus wurden die beiden Väter Gegenstand zusätzlicher Untersuchungen durch die britische Kinder- und Familiengerichtsberatungsstelle Cafcass. Die Behörde ist dafür zuständig, die Interessen von Kindern in familiengerichtlichen Verfahren zu vertreten und zu schützen.
Die Überprüfungen erfolgten vor einer Anhörung, die den Sohn des Paares betraf. Das Kind war mithilfe einer Leihmutter zur Welt gekommen. Die Anwälte von Cohen und James machten deutlich, wie schwer die öffentliche Verbreitung der Anschuldigungen ihre Mandanten getroffen habe. „Diese Anschuldigungen waren falsch und haben dem Ruf der Kläger außerordentlich geschadet“, erklärten sie vor Gericht. „Es überrascht nicht, dass sie von anderen landesweiten Medien aufgegriffen und erneut veröffentlicht sowie in den sozialen Netzwerken verbreitet wurden.“
BBC entschuldigt sich vorbehaltlos
Im Rahmen der gerichtlichen Einigung bestätigte der Rechtsvertreter der BBC die Darstellung der Gegenseite. Der Sender zog sämtliche beanstandeten Vorwürfe zurück und erkannte ausdrücklich an, dass die Behauptungen nicht der Wahrheit entsprachen. „Im Namen der Beklagten erkenne ich alles an, was mein geschätzter Kollege vorgetragen hat. Die BBC zieht die in der Sendung und dem Artikel erhobenen rufschädigenden Anschuldigungen zurück und entschuldigt sich dafür vorbehaltlos.“ Damit endete der Rechtsstreit, den Cohen und James im vergangenen Jahr angestrengt hatten, ohne ein reguläres Gerichtsverfahren mit anschließender Entscheidung über die Vorwürfe. Die beiden Männer begrüßten zwar die Entschuldigung, kritisierten jedoch weiterhin die journalistischen Abläufe innerhalb der BBC.
Nach der Anhörung veröffentlichten Cohen und James eine gemeinsame Stellungnahme. Darin forderten sie eine Erklärung dafür, wie die falschen Anschuldigungen überhaupt veröffentlicht werden konnten. Besonders kritisch bewerteten sie den Umgang der BBC mit Hinweisen, die bereits vor der Veröffentlichung Zweifel an den Vorwürfen aufgeworfen hätten. „Die BBC ignorierte Warnungen hinsichtlich des Wahrheitsgehalts dieser Anschuldigungen und entschied sich dafür, falsche Behauptungen vor Millionen Menschen zu verbreiten“, erklärten sie. Nach Darstellung des Paares traf die Berichterstattung ihre Familie zu einem besonders empfindlichen Zeitpunkt. Cohen und James waren damals erst seit wenigen Monaten Eltern. Ihr Sohn war gerade sechs Monate alt, als die Anschuldigungen öffentlich wurden. „Was eine der glücklichsten Zeiten unseres Lebens hätte sein sollen, wurde stattdessen ins Chaos gestürzt. Das hatte Auswirkungen auf unser Unternehmen, unsere Kollegen und unsere Familie. Dazu gehörte auch, dass wir zusätzlichen Untersuchungen durch Sozialarbeiter unterzogen wurden.“
Hohe Entschädigungszahlung
Besonders belastend sei für die beiden Männer die Vorstellung gewesen, dass ihr Kind eines Tages mit den falschen Behauptungen über seine Väter konfrontiert werden könnte. Da die Anschuldigungen im Internet und in zahlreichen Medien veröffentlicht worden waren, befürchteten sie langfristige Auswirkungen auf das Familienleben und betonten auch Anfeindungen in der Schule, die ihr Sohn dann möglicherweise deswegen erleben muss. Die öffentliche Richtigstellung durch die BBC sei deshalb für das Paar von besonderer Bedeutung. „Die heutige Entschuldigung kann nicht auslöschen, was geschehen ist. Aber sie bedeutet, dass die Wahrheit da sein wird, wenn dieser Tag irgendwann kommt.“
Neben der öffentlichen Entschuldigung verständigten sich die BBC und das Paar auf eine finanzielle Entschädigung. Eine konkrete Summe wurde nicht genannt. Die Zahlung wird jedoch als „beträchtlich“ beschrieben. Cohen und James kündigten an, das Geld nicht selbst behalten zu wollen. Stattdessen soll die gesamte Entschädigung zwei gemeinnützigen Organisationen zugutekommen. Ein Teil geht an die Multiple Sclerosis Society, die Menschen mit Multipler Sklerose unterstützt und sich für die Erforschung der neurologischen Erkrankung einsetzt. Der andere Teil wird an die Bedfordshire Hospitals NHS Charity gespendet, die Krankenhäuser und Patientenversorgung im britischen Gesundheitssystem unterstützt. Mit der Einigung ist das juristische Verfahren abgeschlossen. Ein ursprünglich möglicher Prozess wird nicht mehr stattfinden.